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Überwindung des Machtmissbrauchs in der Kirche
durch die Orientierung
am Autoritätsverständnis und der Autoritätspraxis bei Jesus

1.    Viele Christen und nicht wenige Bischöfe sehen als wesentliche Ursache für das Problem des sexuellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche deren Machtstrukturen und damit deren Autoritätsverständnis und Autoritätspraxis.

2.    Für eine grundlegende Aufarbeitung des Problems ist es deshalb wesentlich, das Autoritätsverständnis und die Autoritätspraxis Jesu in den Evangelien zu bedenken und mit dem Autoritätsverständnis und der Autoritätspraxis der Kirche in ihren Strukturen, in ihrer Glaubenslehre und Seelsorge und in ihrer Liturgie und Gebetskultur zu vergleichen.

3.    Da das Verständnis der Autoritätsausübung Gottes für die Kirchenleitung immer auch Vorbild und Richtschnur für die eigene Autoritätsausübung war, ist es wichtig, nicht nur das Verhalten Jesu selbst zu bedenken, sondern auch die Weise, wie Jesus von Gottes Autoritätsausübung spricht.
So ist zu überlegen, ob die Formulierung „allmächtiger Gott“, der „lebt und herrscht“, die häufig in den Gebeten der Liturgie verwendet wird, mit dem Verständnis des Handelns Gottes in den Texten der Evangelien übereinstimmt oder in Widerspruch steht.

4.    Da das Verständnis von Autorität und die Ausübung von Autorität bei Jesu im Gegensatz zum Autoritätsverständnis der religiösen Führer seiner Zeit standen, war dieser Gegensatz einer der wesentlichen Gründe für seine Verurteilung zum Tod am Kreuz.

5.   Da damals wie heute viele Menschen wesentliche Lebensbelastungen und Lebensängste durch autoritäre und entmündigende Formen der Autoritätsausübung in Familie, Schule, Beruf, Religion und Politik erleben, gehört negative Autoritätsausübung zu den Erfahrungen der Unerlöstheit des Menschen und der Welt im religiösen Sinn.
Das Missbrauchsproblem in der Katholischen Kirche offenbart deshalb eine sehr problematische Form der Unerlöstheit der Kirche selbst.
Ein Wandel der Autoritätsausübung im Sinne der Botschaft Jesu gehört deshalb zu den wesentlichen Erfahrungen von Erlösung. Dies ist in den kirchlichen Strukturen, in der Pastoral, in der Glaubensverkündigung und auch in der kirchlichen Gebetskultur zu verwirklichen.

6.  Was sind nun wesentliche Punkte des Autoritätsverständnisses Jesu:

 

„Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“
(1 Kor 11,24 ff. Lk 22,17 ff.)

 

Die Feier des „Neuen Bundes“ Jesu beim Letzten Abendmahl mit seinen Jüngern ist die Erfüllung der Verheißung des Propheten Jeremia (Jer 31,33-34), in der dieser ein völlig neues Verständnis der Autoritätsausübung durch Gott ankündigt. >>>

Jesus hatte den „Neuen Bund“ in seinem öffentlichen Auftreten in Wort und Tat verwirklicht und bei seinem Abschiedsmahl mit seinen Jüngern gefeiert und ihn als sein Vermächtnis hinterlassen.

„Warum könnt ihr die Zeichen dieser Zeit nicht deuten?“ (Lk 12,56)

 

Jesus fordert von den Jüngern eine eigenständige Wahrnehmung und Urteilsfindung.

„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu erkennen“ (Mt 13,11)

 

Jesus weist die Jünger auf ihre eigene seelisch-geistige Erkenntnisfähigkeit hin.

„Ihr sollt euch nicht Rabbi … , Vater … , Lehrer nennen lassen“ (Mt 23,8-10)

Jesus erwartet von seinen Jüngern eine andere Autoritätsausübung als bei den Autoritätspersonen seiner Zeit üblich; denn diese erwarteten Gehorsam und Unterwürfigkeit von denen, die von ihnen abhängig waren.

„Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 18,3)

Nicht nur Kinder sollen von den Erwachsenen lernen, sondern ebenso die Erwachsenen von den Kindern!

Jesu Gleichnis-Erzählungen (Z.B. Mk 4):

Jesu Geschichten aus dem Leben sind Einladungen, sich über das Leben eigenständig Gedanken zu machen und wertvolles und problematisches Verhalten eigenständig unterscheiden zu lernen.

Die Worte „Gehorsam“ und „gehorchen“ werden von Jesus nie für Menschen gebraucht.

 

„Gehorsam“ scheint für Jesus kein Wertbegriff zu sein, sondern im Gegensatz zur Erziehung zur Mündigkeit zu stehen.

Die Bezeichnung „allmächtig“ als Eigenschaft Gottes kommt bei Jesus niemals vor – und auch nicht die Worte „herrschen“ und „regieren“ für das Verhalten Gottes gegenüber den Menschen und gegenüber der Welt.

Jesus bringt in seiner Botschaft eine neue Weise der Autorität Gottes zum Ausdruck, denn eine Liebes-Beziehung ist niemals eine Herrschaftsbeziehung.

 

7.    Was das Verständnis der Autorität Gottes betrifft, hat es die Kirchenleitung versäumt, ein zeitgemäßes Glaubensverständnis zu formulieren, in dem die heilsgeschichtliche Macht Gottes mit der Erkenntnis der „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ (GS 36) und der Erkenntnis der Subsidiarität in rechter Weise verbunden ist.
Subsidiarität (die Achtung und Förderung der Eigenständigkeit und Eigenverantwortung) im Sinne des christlichen Glaubens betrifft ja nicht nur die Beziehung zwischen Menschen, die Macht ausüben gegenüber Personen, die ihnen anvertraut bzw. von ihnen abhängig sind, sondern auch die Beziehung Gottes zur Welt und zu uns Menschen.

8.    Die Kirche hat die Aufgabe, in Verkündigung und Lebenspraxis ständig deutlich zu machen, dass jede Autorität im christlichen Sinne immer die Mündigkeit des anderen fördert – und dafür immer eine dienende, aufrichtende, heilende, versöhnende, prophetische – aber auch zur Verantwortung rufende und zu Verantwortung befähigende Funktion hat – wobei immer das Prinzip der Subsidiarität zu beachten ist.

9.    Ich habe die Hoffnung, dass die Kirche in absehbarer Zukunft eine Glaubenslehre zum Thema „Autoritätsverständnis“ formuliert, die ein ähnliches gesellschaftliches Ansehen bekommt, wie ihre „Katholische Soziallehre“. Entscheidend für eine Aufarbeitung der beängstigenden aktuellen Probleme der Kirche wäre aber die innerkirchliche Verwirklichung einer an Jesus orientierten Autoritätspraxis. Was die „Katholische Soziallehre“ betrifft warten wir bisher leider immer noch vergeblich auf ihre innerkirchliche Verwirklichung.

10. Wer sich mit Jesu Autoritätsverständnis und Autoritätspraxis beschäftigt, weiß wie anspruchsvoll eine christliche Lebensgestaltung ist, die sich an Jesus orientiert. Man erkennt, dass Jesu Botschaft weder Gesetzesdenken noch Liberalismus bedeutet, sondern einen Weg seelisch-geistiger Reifung zu gehen erfordert, der zu umfassender Verantwortung und kreativer und liebevoller Mitarbeit am Aufbau des „Reiches Gottes“ führt.
Jesu Autoritätsverständnis liegt jenseits des Seelen-tötenden Gesetzesdenkens der „Schriftgelehrten“ aller Zeiten und jenseits einer liberalistischen Haltung der Gleichgültigen, Egoisten und Bequemen!

Manfred Hanglberger, Kath. Pfarrer und Familientherapeut (www.hanglberger-manfred.de )

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