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„In der Wahrheit Christi bleiben“ – Was heißt das?
Der Versuch einer Antwort aus der Botschaft der Bergpredigt (Mt Kap 5-7):

In den Evangelien kennen wir das Verbot der Ehescheidung aus dem Munde Jesu
und ebenso sein Gebot der Barmherzigkeit wie auch das Gebot „Urteilt nicht!“

Sind diese Forderungen Jesu, was den Umgang der Kirche mit den Geschiedenen-Wiederverheirateten betrifft, widersprüchlich?
Wie kann man diese gegensätzlichen Aussagen Jesu verstehen und miteinander vereinbaren?



Die Lösung finden wir in der Konzeption der Bergpredigt
(Zum Originaltext Mt Kap 5-7 >>>):

1.    Die Bergpredigt enthält in den Seligpreisungen eine Art Präambel.
In ihnen wird der Mensch in seiner Ambivalenz dargestellt:
Einerseits in seiner „Armseligkeit“ und damit in seiner materiellen, geistigen und moralischen Begrenztheit bzw. Schwäche und Unzulänglichkeit, andererseits in seinen seelisch-geistigen Sehnsüchten, Möglichkeiten und Fähigkeiten (Hunger nach Gerechtigkeit, Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit, Treue zum Guten trotz Benachteiligung, … )
Aber immer wird er „selig gepriesen“, also von Gott her geliebt, geschätzt und geachtet. Trotz seiner Ambivalenz fällt der Mensch nicht heraus aus dem Gehalten- und Angenommen-Sein von Gott!
Dies ist die grundlegende Einleitung der Bergpredigt. Diese „Präambel“ ist ein umfassendes JA Gottes zum Menschen, wie er ist. Dieses JA Gottes schenkt ihm trotz seiner Ambivalenz Geborgenheit, innere Sicherheit und das Bewusstsein einer absoluten Werthaftigkeit in den Augen Gottes, die er verinnerlichen darf und soll. In der modernen demokratischen Kultur kennen wir für diese Vorstellung einer „absoluter Werthaftigkeit“ den Begriff der „menschlichen Würde“.
Das ist das seelische Fundament, von dem aus dann die folgenden zahlreichen und z.T. sehr drastischen Forderungen der Bergpredigt – bis hin zum Gebot der Feindesliebe - zu bedenken sind.

2.    Diese drastischen Forderungen der Bergpredigt (siehe den Originaltext >>>) stellen ein hohes Ideal der Verwirklichung der menschlichen Würde und der Achtung der Würde der Mitmenschen dar. Aber diese Forderungen immer und in jeder Lebenssituation zu verwirklichen, erscheint kaum realistisch zu sein.
Wer die Forderungen der Bergpredigt nun einfach als zwingende und unabdingbare moralischen Forderungen Gottes versteht, müsste wohl die meiste Zeit seines Lebens mit schlechtem Gewissen herumlaufen und würde wohl von tiefen Minderwertigkeitsgefühlen geplagt. Wenn wir diese Forderungen isoliert betrachten, machen sie uns klein, weil sie uns ständig mit unserer Unzulänglichkeit konfrontieren. Wer sie aber als Ideale versteht, die ihm ein wahrhaft sinnvolles Leben verheißen, wenn er sich stets bemüht, sein Denken und Verhalten darauf auszurichten, wenn er trotz vielfältiger Rückschläge immer wieder sich neu auf den Weg macht, diesen Idealen näher zu kommen, dann wird er erkennen, dass diese Forderungen der Bergpredigt ihm Orientierung sind, oft wie Lichter, die ihm in der Dunkelheit menschlicher Konflikte und menschlicher Egoismen wieder den rechten Weg weisen.

3.    Aber wenn der Mensch scheitert, wenn er vom rechten Weg abkommt, wenn er den Forderungen der Bergpredigt in keiner Weise gerecht wird – und das auch ehrlich einsieht, dann darf er sich zurück fallen lassen auf den ersten Satz der Bergpredigt, auf die erste Formulierung der Seligpreisungen: „selig und liebenswert in den Augen Gottes bist du und bleibst du – trotz deiner Armseligkeit“.
Dieser erste Satz ist der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Bergpredigt. Dieser Satz fängt den Menschen auf in seinen Unzulänglichkeiten und Schwächen.
Für diesen Satz kennen wir das Bild von den „Händen Gottes“, die uns auffangen, wenn wir gefallen sind.
Dieser Satz bewahrt unser „Würdebewusstsein als Kinder Gottes“ trotz unserer Sündhaftigkeit, trotz unserer geistigen und moralischen Engstirnigkeit, Blindheit und Inkonsequenz.
Durch diese Botschaft der Seligpreisungen können wir uns selbst und unser Verhalten ehrlich anschauen und uns wieder neu aufmachen, um uns den Forderungen radikaler Menschlichkeit wieder neu zu stellen.

4.    So stellt die Gesamtkonzeption der Bergpredigt eine Art von „seelischem Regelkreis“ dar:

(1)    Am Anfang steht Gottes umfassendes JA zu uns Menschen – trotz unserer Ambivalenz. Dieses JA Gottes gilt es, von unserer Seite her zu glauben und anzunehmen.

(2)    Dieses JA Gottes vermittelt uns das Bewusstsein unserer „Würde“ als „Kinder Gottes.

(3)    Wir stellen uns den Forderungen wahrer Menschlichkeit.

(4)    Wir erleben immer wieder unsere Unzulänglichkeit und unser Versagen.

(5)    Wir werden aufgefangen von Gottes umfassendem JA zu uns – trotz unserer „Armseligkeit“.

(6)    Durch das grundsätzliche JA Gottes müssen wir nichts verdrängen oder billig entschuldigen: wir können uns ehrlich mit unseren Schwächen und mit unserem Versagen ausein­andersetzen. Wir wachsen in unserer Selbsterkenntnis und können aus unseren Fehlern lernen.

(7)    Wir können uns erneut bemühen, den radikalen Forderungen gerecht zu werden, die unserer menschlichen Würde und der Würde der Mitmenschen entsprechen.  

5.    Welches grundsätzliche gläubige Verhalten entspricht nun der Würde des Menschen im Sinne der Bergpredigt?

(1)    Die Offenheit für Gottes JA (das heißt „glauben“)

(2)    Die Bereitschaft, gemäß der eigenen Würde sich den Forderungen wahrer Menschlichkeit zu stellen.

(3)    Sich ehrlich dem eigenen Versagen stellen.

(4)    Das eigene Versagen nicht verharmlosen oder verdrängen, nicht die Schuld auf andere abwälzen, nicht sich billig selbst entschulden wollen. Den eigenen Anteil am Scheitern einer Beziehung erkennen (dafür evtl. fachkundige Hilfe in Anspruch nehmen!) und dafür die Verantwortung übernehmen.

(5)    Sich vertrauensvoll mit dem eigenen Versagen in die Hände des barmherzigen Gottes fallen lassen.

(6)    Gottes JA wieder wahrnehmen und annehmen: sich seiner Würde als Kind Gottes bewusst bleiben!

(7)    Aus den eigenen Fehlern lernen wollen; z.B.:

- die gegenseitigen Verletzungen in der bisherigen Beziehung soweit wie möglich aufarbeiten (dafür evtl. fachkundige Hilfe in Anspruch nehmen!),

- die finanziellen Verpflichtungen und die Verpflichtungen für evtl. vorhandene Kinder gewissenhaft erfüllen,

- sich bemühen um Selbsterkenntnis (evtl. auch durch die Erkenntnisse der systemischen Familientherapie),

- sich weiterentwickeln in der eigenen Konfliktfähigkeit und Kommunikations­fähigkeit,

- das Netzwerk, in das das eigene Leben eingebunden ist, besser erkennen und verstehen lernen.

(8)   Sich wieder neu, gestärkt und bereichert mit den Lernerfahrungen aus dem bisherigen Versagen, den Forderungen wahrer Menschlichkeit stellen. 

So ist die Botschaft der Bergpredigt für den, der sie ernst nimmt und zu verwirklichen sucht, ein entscheidender Impuls, das eigene Leben im Spannungsfeld zwischen Gottes Zusage und menschlichem Bemühen stetig weiterzuentwickeln.

Die Bergpredigt lässt uns nicht in einem falsch verstandenen Gottvertrauen bequem und primitiv-liberal werden – im Sinne von: „Der barmherzige Gott verzeiht ja alles“! Aber sie verurteilt uns auch nicht und grenzt uns nicht aus, wenn wir ihren Forderungen nicht gerecht werden. Sie integriert uns in die Dynamik des Wachstumsprozesses des „Reiches Gottes“ und damit des geistig-seelischen Wachstumsprozesses der Menschheit.

Die Botschaft der Bergpredigt ist der sehr anspruchsvolle „schmale Weg“ und das „enge Tor“ (Mt 7,13 u.14), das die beiden negativen Extreme vermeidet: Auf der einen Seite den primitiven Liberalismus, für den alles „nicht so schlimm und wichtig ist“ und der alles erlaubt, und auf der anderen Seite den gesetzlichen Rigorismus, der dem Sünder den Weg versperrt und das Tor verschließt.

Wie sehr es bei den Forderungen der Bergpredigt nicht um Gesetzesfrömmigkeit geht, zeigt auch eine andere Formulierung aus den einleitenden Sätzen zu diesen Forderungen:
„Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ (Mt 5,20) 

6.    Es geht in den Forderungen der Bergpredigt wie in allen Geboten und Verboten der Evangelien nicht um deren durchgängige exakte Verwirklichung als Voraussetzung der Zuwendung Gottes, sondern um Orientierung und Impulse für das Wachstum des „Reiches Gottes“:
- im Menschen selbst,
- in seinen mitmenschlichen Gemeinschaften und
- in die gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Wirklichkeiten hinein
- und auch in den ideologischen und weltanschaulichen Gedankensystemen,
xiin die das menschliche Leben eingebettet ist.
Es geht um grundlegende Impulse für die seelisch-geistigen Reifungs- und Wachstumsprozesse, die auch von Rückschlägen, Stagnation, Ratlosigkeit und Fehlentscheidungen begleitet sein können.

Die Bergpredigt ist also kein statischer Moralkodex, dessen Einhaltung über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft oder zur Gemeinschaft mit Gott entschei­det, sondern die Bergpredigt ist

die Integration in einen geistig-seelischen Reifungsprozess,
der sowohl den Einzelnen wie die Gemeinschaft und die Menschheit betrifft.
Die Bergpredigt ist deshalb eine wesentliche Triebfeder
für den Fortschritt der Heilsgeschichte.

Die Verkündigung und Pastoral der Kirche hat deshalb die sehr anspruchsvolle Aufgabe, die Menschen in diesen geistig-seelischen Reifungsprozess einzuladen und zu integrieren. Das geht nicht durch Sanktionen und Ausgrenzungen. Diese sind nur zu rechtfertigen bei denen, die sich weigern, aus ihren Fehlern zu lernen und in ihrem seelischen Reifungsprozess voranzukommen. Es ist zu befürchten, dass dort, wo die Kirchenleitung nicht bereit oder noch nicht kompetent ist, zu diesem geistig-seelischen Reifungsprozess einzuladen und ihn u.U. zu begleiten, sie verständlicherweise weiterhin mit Ausgrenzungen und Verurteilungen arbeiten wird.

Die vorrangige Aufgabe der Kirche ist nicht, Gebote und Verbote zu verkünden und deren Übertretung zu bestrafen, sondern Hilfen bereitzustellen und zu organisieren, damit die Menschen die Werte, die durch die moralischen Forderungen angesteuert werden, besser erkennen und verstehen und ihr Leben besser darauf auszurichten. Solche Hilfsangebote brauchen eine zeitgemäße, anspruchsvolle Gestalt und gut qualifizierte Mitarbeiter. Das Niveau dieser Hilfsangebote muss überzeugend und attraktiv sein. Dafür braucht es im Bereich der Familienpastoral einen intensiven Dialog und eine ständige Zusammenarbeit zwischen kirchlicher Pastoral und Psychologie bzw. Therapie.

Gebote und Verbote der Kirche sollen die kirchliche Pastoral stützen und ihr Orientierung geben, aber nicht diese belasten oder gar ersetzen, wie es z.Z. noch häufig geschieht.


Vergleiche:

- Zweites Vatikanisches Konzil:
 
Gott verbietet uns, über die innere Schuld von irgendjemanden zu urteilen“ (GS Kap 28)

- Lukas-Evangelium:
 
Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht,
xdann werdet auch ihr nicht verurteilt werden.
   Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden
(Lk 6,37)
- Goethe in Faust II: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen
 
 Ein sehr gutes Verständnis der Bergpredigt und ihrer Forderungen siehe in:
-Gerechtigkeit schafft Frieden“ Friedenshirtenwort der Dt. Bischöfe (S 16-20.) >>>igsem der Ehescheidungen >>>
-Gerechtigkeit schafft Frieden“(Hirtenwort der Dt. Bischöfe von 1983)  – Gesamtes Dokument; (PDF;Größe: 4,3MB) >>>
-
Das Gebot der Gewaltlosigkeit und das Verbot der Ehescheidung: Ein Vergleich >>>
- Zum Verständnis der Gebote Jesu >>>


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Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

 

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