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Ein zeitgemäßes Bibel-Verständnis

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Die Bibel der Christen war in vielen Epochen der Kirchengeschichte Ursache für schreckliche Gewalttaten und Kriege. Ob Kreuzzüge, Hexenverbrennungen oder Zwangsmissionierung der Indios: alles wurde mit Aussagen der Bibel begründet.

Auch wenn in der Kath. Kirche die kritische Bibelforschung vor mehr als 50 Jahren Einzug gehalten hat, haben viele gläubige Christen weiterhin erhebliche Schwierigkeiten mit den biblischen Texten.

Zitat eines Vaters von 4 Kindern:

„Ich spüre mehr Liebe und Barmherzigkeit zu meinen Kindern, als es offensichtlich Gott zu uns Menschen hat, von dem man uns im Gottesdienst aus der Bibel vorliest.“

Aussage eines anderen Vaters von mehreren Kindern in Bezug auf manche Sonntagslesun­gen:

„Ich kann mir diese sonntäglichen Gotteslästerungen nicht mehr anhören.“

Aussage eines Schülers, der wissen wollte, wie die Welt und die Menschen entstanden sind und deshalb in der Schülerbibel nachlas:
„Herr Pfarrer, das stimmt ja gar nicht, was in der Bibel steht!“

Bischof Oster von Passau hat am 10.07.2017 in „domradio.de“ von einer Umfrage unter 15- bis 35- Jährigen, die von der Kirche in den USA wegbleiben, berichtet, dass über 60 Prozent als Grund angaben, „weil sie ein wissenschaftlich-modernes Weltbild nicht mehr für vereinbar halten mit dem Glauben.“

Es ist klar, dass dabei mit dem „Glauben“ die Schöpfungstexte der Bibel gemeint sind.

 

Die Glaubenskrise unserer Zeit ist deshalb vor allem auch eine Krise des Verständnisses der Heiligen Schrift, der Bibel. Aber auch die beängstigenden Auswirkungen der „Heiligen Schriften“ anderer Religionen in unserer Zeit sind eine drängende Herausforderung, über die Entstehung und über ein grundsätzliches Verständnis von „Heiligen Schriften“ nachzuden­ken.

 

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Staunen als Ursprung der Religion:

Seit der Mensch existiert, versucht er, sich und die Welt zu verstehen:
Sich selbst, sein Zusammenleben mit seinen Mitmenschen, sein natürliches Umfeld und Welt und Dasein als Ganzes; denn er will sein Leben in diesem Netzwerk sinnvoll und „richtig“ gestalten.

Durch die Jahrhunderttausende hat der Mensch gelernt, viele Zusammenhänge in der Natur durch Beobachtung und Erfahrung zu verstehen und sich zunutze zu machen.

Das vor vielen Tausend Jahren aufkeimende Bewusstsein weckte ein Staunen über die Wunder der Natur und über das eigene Dasein. Dieses Staunen kann man als den Ursprung aller Religionen sehen.

Durch dieses Staunen haben Menschen begonnen, nicht nur ums tägliche Überleben zu kämpfen, sondern über den Sinn ihres Daseins sich Gedanken zu machen.

Die Erfahrungen von Tod und Vergänglichkeit, von Krankheit, Leid und Konflikten verstärkten die Suche nach einer großen Ordnung hinter der sichtbaren Welt und die Suche nach Regeln und Riten, die dem Leben Halt und Sicherheit gewähren sollten.

 

Die Menschen fragen nicht nur nach dem „Wie“ der Welt, sondern auch nach dem „Warum“.

Da die Menschen in der Frühzeit ihrer Geschichte nicht in der Lage waren, die Gesetze der Naturgewalten, der Gestirne und der mikroskopisch kleinen Welt zu erkennen, entwickelten sie Mythen, die den Ursprung der Welt und des menschlichen Daseins erklären sollten.

Aber in diesen mythischen Erzählungen ging es keineswegs nur um eine Vorstellung vom äußeren Ablauf der Entstehung der Welt und des Menschen, sondern darum, den Wert und den Sinn der Welt und des menschlichen Daseins zu vermitteln.

 

Wert- und Sinn-Erfahrungen werden in mythologischen Geschichten mitgeteilt.

In mythologischen Erzählungen versuchten geistig-seelisch besonders sensible Menschen ihre Wert- und Sinn-Erfahrungen der Gemeinschaft und deren Nachfahren zu vermitteln.

Mythologische Erzählungen verwenden aber die zu ihrer Entstehungszeit üblichen Vorstellungen der Welt. Sie enthalten also immer die beiden Elemente: Zeitbedingte äußere Vorstellungen über die Welt und über den Menschen einerseits und andererseits Wert- und Sinnaussagen, die aber in einer symbolischen Bildersprache, die der Traumsprache ähnlich ist, ausgedrückt werden. Letzteres wohl auch deshalb, weil es für Sinn- und Wert-Erfahrungen noch keine sprachlichen Begriffe gab -und Bilder, Gleichnisse und Geschichten eine ganzheitlichere Wirkung haben als abstrakte Begriffe.

 

Wert- und Sinn-Erfahrungen werden als Geschenk erlebt.

Wert- und Sinn-Erfahrungen sind nicht das Ergebnis von rationaler Such- und Gedankenleistung, sondern werden einem wie spontan auftauchende Gedanken und Erfahrungen zuteil. Ob es die Betroffenheit über die Schönheit einer Naturerfahrung bei einem herrlichen Sonnenaufgang oder beim Betrachten des nächtlichen Sternenhimmels ist, ob es ein tiefes Dazugehörigkeitsgefühl zum Ganzen der großen Lebensgemeinschaft der Natur ist oder die Freude und das Staunen, das beim Betrachten eines neugeborenen eigenen Kindes aufsteigt, - es sind Erfahrungen, die der Mensch als Geschenk erlebt, als etwas, was ihm zufließt. Deshalb wurden und werden solche Wert- und Sinn-Erfahrungen von vielen Menschen als Offenbarung der Gottheit betrachtet, einer Offenbarung, die dem Menschen die Tür zur „Wahrheit“ des Lebens öffnet.

 

Wert-Erfahrungen als Wert-Offenbarungen und Willensoffenbarungen Gottes:
Ethik mit göttlicher Begründung

Es war für die Menschen immer wichtig, die praktischen Folgen von Wert- und Sinn-Erfahrungen für ihre Lebensgestaltung zu bedenken.

So wurden später nicht nur die schriftlich fest gehaltenen mythologischen Geschichten, die die Wert- und Sinn-Erfahrungen vermitteln sollten, als „Heilige Schriften“ betrachtet, sondern auch die Gebote und Verbote, die als Konsequenz dieser Welt- und Lebenssicht die alltägliche Lebensgestaltung regeln sollten. Sie wurden als „Willensoffenbarung“ der Gottheit und als Teil der „Heiligen Schriften“ verstanden.

Manche dieser Schriften versuchten das Leben bis in alle Details zu regeln – wie z.B. das „Alte Testament“ das Leben des Volkes Israel. Durch die Qualifizierung als „göttliche Gebote“ erhielten diese Lebensvorschriften göttliche Autorität und ihre Übertretung galt als Ungehorsam gegen Gott selbst: als Sünde.

Da ein Übertreten dieser Lebensregeln das eigene Leben oder die Gemeinschaft schädigen, ist es verständlich, dass dies als Handeln gegen Gott gesehen wurde und von vielen Gläubigen auch heute noch so gesehen wird, da Gott ja für den gläubigen Menschen als Schöpfer und Erhalter des Lebens gilt.

 

Die Grundfrage ist heute noch die gleiche: Wie erkennen wir den Sinn des Lebens?

Nun stehen unsere heutigen Naturwissenschaften, die ein unvorstellbares Wissen über die Welt im Großen und Kleinen erarbeitet haben, immer noch vor dem gleichen Problem wie die Menschen der Urzeit:

Der Wert und der Sinn der Welt und des menschlichen Daseins lässt sich mit noch so viel Wissen und rationaler Forschung nicht erkennen.

Wert-und Sinn-Erfahrungen sind von völlig anderer Art als rationale Erkenntnis allein.

Aber unser Verstand ist in der Lage und versucht selbstverständlich, Wert- und Sinnerfahrungen dem aktuellen rationalen Wissen über die Welt und über das menschliche Dasein zuzuordnen, so dass sie zusammen eine einheitliche Lebenssicht ergeben.
In der Kirche ist das aber seit Jahrhunderten für viele Menschen nicht mehr möglich gewesen, da die Kirche die neuzeitlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaften Jahrhunderte lang abgelehnt und bekämpft hat – und viele Gläubige von diesem Konflikt in ihrem Denken immer noch geprägt sind - und eine zeitgemäße Glaubenslehre diesbezüglich immer noch auf sich warten lässt.

 

Was ist das heutige Problem mit den „Heiligen Schriften“?

Warum werden heute die Religionen und ihre „Heiligen Schriften“ als Antwort auf die Wert- und Sinn-Fragen immer weniger ernst genommen oder aber haben beängstigende Auswirkungen?

Wie sind nun diese „Heiligen Schriften“ grundsätzlich zu bewerten?

In den folgenden Überlegungen geht es vornehmlich darum, die Sicht und Bedeutung der „Heiligen Schrift“ der Christen, nämlich der Bibel zu bedenken.

 

1.   Die „Heiligen Schriften“ sind keine naturwissenschaftlichen „Offenbarungen“:
Die mythologischen Erzählungen der „Heiligen Schriften“ kleiden Wert- und Sinn-Erfahrungen in Bilder und Geschichten. Dabei werden u.a. auch die Weltvorstellungen der damaligen Zeit als Erzählmaterial verwendet.
In späteren Kulturepochen besteht aber dann die Gefahr, dass diese Mythen nicht als Symbol- und Gleichnissprache, sondern als bleibend gültige Offenbarung eines naturwissenschaft­lichen Ablaufs verstanden werden.
So hat die Kath. Kirche Anfang des 17. Jahrhunderts im Galilei-Konflikt und auch später Anfang des 20. Jahrhunderts (!) in Ablehnung der Erkenntnisse der Evolution den Glauben an die wortwörtliche Gültigkeit der biblischen Schöpfungstexte gefordert.
So hat sie mehrere Jahrhunderte wissenschaftliche Erkenntnisse bekämpft und in ihrem Einflussbereich unterdrückt. Glaube und Wissen sind dadurch für die Gläubigen immer mehr auseinander gefallen. Naturerfahrungen, die seit Jahrtausenden ein wesentlicher Bereich der Gotteserfahrung waren, wurden für viele Menschen zur Quelle von Glaubenszweifeln und führten zu einer inneren Zerrissenheit zwischen persönlichem Denken und Glauben.
Die diesbezüglichen theologischen Fragen (Erlösungsbedürftigkeit des Menschen im Horizont der Erkenntnisse der Evolution) sind bis heute nicht aufgearbeitet.

 

2.    Die unkritische Vermischung von zeitbedingten und bleibend gültigen Werten:
Auf der Suche nach dem Sinn von Welt und Leben und auf der Suche nach der „richtigen“ Lebensgestaltung haben Menschen seit Jahrtausenden Werte-Erfahrungen gemacht, die eine bleibende Gültigkeit besitzen, wie z.B. dass der Mensch sich mit der Erde zutiefst verbunden fühlen soll oder dass die Menschen aller Völker ein gleiches Daseinsrecht besitzen, …
Aber solche bleibend gültigen Wert-Erfahrungen sind in den „Heiligen Schriften“ vermischt mit Werterfahrungen, die eine zeitbedingte Gültigkeit besaßen:
Z.B. Um das Überleben der eigenen Gruppe zu sichern, sah man es als erlaubt und u.U. sogar als gefordert, den Feind zu töten oder den Gesetzesbrecher in den eigenen Reihen, da er die Ordnung des Zusammenlebens zu zerstören drohte, zu beseitigen.
Oder: Seelisch besonders sensible Frauen drohten die von Männern beherrschte Gemeinschaft zu verunsichern. Deshalb glaubte man, solche Frauen als Hexen töten zu müssen.

Da die Führer der Religionen aber die zeitbedingten Wert-Vorstellungen und Vorschriften ebenso wie die bleibend gültigen Wert-Vorstellungen als göttliche Willensoffenbarungen und deshalb für immer verpflichtend verkündeten, verloren sie bei immer mehr Menschen, die sich selbst über die Werte Gedanken machten, an Autorität.
Katholische Professoren und andere bekannte Katholiken in den USA haben in Opposition zu Papst Franziskus die Todesstrafe für unsere Zeit verteidigt (August 2018). weil diese im Alten Testament als „göttliche Wahrheit“ vor mehr als 2500 Jahren gefordert wird (Gen 9,6) !???

3.   Sekundäre Werte überdecken die primären Werte:
Die Sabbat-Ruhe bei den Juden diente nicht nur der Erholung, sondern auch dem Nachdenken über das Leben und der Bewussthaltung der Werte der Gemeinschaft.
Für Jesus, der einen kranken Mann am Sabbat heilt, ist Mitgefühl und Hilfsbereitschaft vorrangig gegenüber dem Einhalten der Sabbatruhe: „Der Sabbat ist für den Menschen da!“
In der Kath. Kirche waren Jahrhunderte lang die „Kirchengebote“ (Sonntagspflicht, Freitagsgebot, …) wichtiger als das Hauptgebot der Liebe.
Gebote und Verbote wurden nicht als Mittel verkündet, die die grundlegenden Werte schützen und verwirklichen sollten, sondern als unmittelbare Willensoffenbarungen Gottes, die ohne eigenes Nachdenken zu Gehorsam verpflichten.

Bei einem Priester, der mit einer Frau ein Kind zeugte, sah es die Kirchenleitung bis in unsere Zeit als wichtiger, dass er - von einer Familie unabhängig - der Kirche als Seelsorger zur Verfügung steht, statt dass er sich um Frau und Kind kümmert.
Religionsführer, die eine falsche Rangordnung der Werte vertreten, verlieren in unserer Zeit, in der immer mehr Menschen sich selbst über Werte Gedanken machen, an Autorität.
In den „Heiligen Schriften“ sind primäre und sekundäre Werte vermischt. Wird von den Verantwortlichen der Religionen keine klare Rangordnung der Werte und damit der richtige Zusammenhang zwischen Werten und Geboten formuliert, verlieren die „Heiligen Schriften“ für die Gläubigen ihre Gültigkeit.

4.   Wert-Erfahrungen, die in Mythen zum Ausdruck gebracht werden, haben manchmal gefährliche „Nebenwirkungen“:
Ähnlich wie starke Medikamente in der modernen Medizin für manche Menschen gefährliche Nebenwirkungen haben, deren schädliche Folgen weit schlimmer sein können, als die heilende Wirkung, so können auch manche biblischen Geschichten seelisch und geistig eine sehr negative Wirkung entfalten.
Es gehört zu den größten Problemen der Kirche (aber auch der anderen Religionen), dass die negativen Wirkungen mancher Texte ihrer „Heiligen Schrift“, die sich in manchen Fällen über weite Strecken der Kirchengeschichte hinziehen, nicht wahrgenommen und aufgearbeitet werden.

Hier einige Beispiele:
Gen 3: „Sündenfall-Erzählung“
Gen 4: Kain und Abel
Gen 22: Isaaks Opferung
Sühnetod Jesu am Kreuz

5.   Die Bibel als „Geschichte der Evolution der Wahrheit“
Ähnlich der ständigen Weiterentwicklung des Wissens, das die verschiedenen Wissenschaften erarbeiten, hat sich auch das Verständnis und die Wahrnehmung von Werten im Laufe der Entstehung der Bibel weiterentwickelt. Dabei handelt es sich beim zeitlichen Ablauf der Entstehung der biblischen Texte um einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren.
Was das naturwissenschaftliche Weltbild betrifft, gibt es Bücher, die den aktuellen Stand des Wissens beschreiben, was ja die meisten Menschen interessiert, aber es gibt auch Bücher, die die geschichtliche Entwicklung der Erforschung eines Wissensbereiches beschreiben, wie z.B. „Die Geschichte der Astronomie“. In einer ausführlichen Dokumentation dieser Geschichte werden auch die Theorien und Vorstellungen beschrieben, die sich im Nachhinein nicht als haltbar erwiesen haben.

Was nun die Werte und Lebenssinn-Vorstellungen in der Bibel betrifft, haben wir es auch hier mit einer Art Dokumentation der Entwicklung der Vorstellungen von Werten und Lebenssinnmodellen zu tun. Deshalb sind darin auch Wertvorstellungen, Lebenssinn-Modelle und moralische Anweisungen enthalten, die wir aus heutiger Sicht als überholt und für unsere Zeit nicht mehr für gültig ansehen (Siehe meine Text-Zusammenstellung und meine Thesen zu >> Gen 22 – Isaaks Opferung).

Das Bild vom Evolutionsstammbaum des Menschen (>>>) ist ein gutes Gleichnis für die Geschichte der Evolution der Wahrheit in der Bibel: Auch in der Bibel sind viele „ausgestorbene“, d.h. veraltete, Entwicklungsgeschichten der Wahrheitssuche der Menschen mit enthalten.

Nun gibt es aber Religionsführer und Gläubige, die alle Aussagen ihrer „Heiligen Schriften“ gleichwertig in ihrer Gültigkeit für unsere Zeit erachten. Sie wollen dann die sehr merkwürdig erscheinenden Widersprüche, die in dieser Sichtweise entstehen, nicht wahrnehmen und entwickeln akrobatisch anmutende Argumentationen, um die Texte so hinzubiegen, dass sie einen Sinn für unsere Zeit ergeben sollen.
Es braucht dann ein ganzes Heer von „Schriftgelehrten“, die biblische Texte so uminterpretieren, bis sie den Sinn ergeben, den sie in ihren Augen ergeben sollen.
Wenn nun biblische Texte im Gottesdienst vorgelesen werden, die überholte Wertvorstellungen enthalten, aber am Schluss der Zusatz kommt „Wort des lebendigen Gottes“, dann vertreibt man natürlich kritisch mitdenkende Gläubige aus der Kirche.

Es kann sicher nicht darum gehen, die Bibel zu zensieren und Texte daraus zu entfernen. Dadurch würden die Entwicklungsprozesse der Wertevorstellungen, der Lebenssinn-Modelle und der daraus abgeleiteten moralischen Forderungen nicht mehr erkennbar.
Auch in der Geschichte des Lebens auf unserer Erde ist die Evolution mitsamt den vielen ausgestorbenen Tierarten und Urmenschen-Arten als Einheit zu sehen. Für den Paläontologen ist es wichtig, das Ganze der Lebensentwicklung zu bedenken. Aber für den einfachen Mitbürger ist es nicht notwendig für seine alltägliche Lebensgestaltung alle heute erforschten Dinosaurier-Arten zu kennen.
Wer deshalb zur Glaubensstärkung zu naivem Bibellesen auffordert, schafft vor allem Verunsicherung und Verwirrung – oder aber er fördert eine fundamentalistische, intolerante und engstirnige Religionsausübung und eine entsprechende Lebenshaltung.

 

Notwendige Aufgaben der Kirchenleitung:

Was wären nun die wichtigsten Aufgaben, die die Verantwortlichen der Kirche in Bezug auf den Umgang mit der Bibel für unsere Zeit zu leisten hätten?

1.      Die Wert- und Sinn-Erfahrungen der Menschen unserer Zeit und der letzten Jahrhunderte und deren Gefährdung sind als die „Zeichen der Zeit“ darstellen, um die sich Christen vorrangig kümmern sollten: Menschenwürde, Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte, Gewaltenteilung, Einheit der Menschheit, Naturverbundenheit und Schöpfungsverantwortung, Selbsterkenntnis und Eigenverantwortung und Verantwortung für das „Ganze“, Tierrechte, … .

2.      Mit Hilfe der modernen Wissenschaften (Naturwissenschaften, Psychologie, Anthropologie, Sozialwissenschaften, … ) ist im Dialog mit den biblischen und neuzeitlichen Wert-Erfahrungen ein zeitgemäßes Menschenbild, Weltbild und Gottesverständnis zu erarbeiten und zu verkünden. Vor allem müssten die Gebete und liturgischen Riten und Texte diesen Erkenntnissen angepasst werde.

3.      Unser heutiges Wissen über die Entstehung und über die grundsätzliche Rolle und Bedeutung von „Heiliger Schriften“ bei ihrer Entstehung sollte beschreiben werden.
Dabei sollten naturwissenschaftliche und psychologische Aspekte miteinbezogen werden.

4.      Bei Schöpfungstexten, in denen es um die Entstehung der Welt und des Menschen geht, sollte vor einer Interpretation der jeweiligen Texte der Bibel der heutige Wissenstand der Naturwissenschaften den Kindern im Religionsunterricht bzw. den Gläubigen in der Glaubensverkündigung präsentiert werden.
Denn vor den Überlegungen über den Sinn der Welt, ist es wichtig, zuerst die heute bekannten äußeren Fakten der Welt zur Kenntnis zu nehmen: „Die Gnade setzt die Natur voraus!“ (Gratia naturam supponit).

5.      Vor allem ist es wichtig, den evolutiven Charakter der Bibel insgesamt wie auch vieler Einzelaussagen zu beschreiben, damit sichtbar wird, wie manche Wertvorstellungen sich schon im Zeitraum der Entstehung der biblischen Texte weiterentwickelt haben.
Beispiele:

-        Die Rolle der Frau als „Hilfe“ für den Mann zu einer gleichwertigen Person.

-        Die Sicht der Kinder: vom Besitz des Vaters zur Anerkennung ihrer eigenen Würde.

-        Die Sicht Gottes: Vom Stammesgott zum universalen Schöpfer-Gott.

-        Die Sicht des Menschen: Vom Befehlsempfänger zum mündigen Mitarbeiter am Aufbau des Reiches Gottes.

-        Jesu Selbstverständnis: Von „Gesandt nur zu den verlorenen Kinder Israels“ zu einem Sendungsauftrag für die Menschen aller Völker.

6.      Es ist notwendig, die Wert- und Sinn-Erfahrungen der biblischen Autoren als Hintergrund für die zentralen Aussagen der Bibel deutlich zu machen. Denn die zentralen Aussagen der Bibel sollen nicht in einer theologisch-dogmatischen Sprache präsentiert werden, sondern in einer Sprache, die mit den Erfahrungen und der Lebenswirklichkeit der Menschen damals zu tun hat.

7.      Es ist die „Mitte des Evangeliums“ und eine „Hierarchie der Wahrheiten“ der Bibel klarer herauszuarbeiten, die als Kriterien gelten für die Bewertung und Interpretation der übrigen Texte.

8.      Die Kirche müsste von sich aus eine Zusammenstellung der schlimmsten Bibeltexte vornehmen und bekannt machen. Die Beschreibung der Hintergründe ihrer Entstehung und ihrer damaligen Bedeutung und Auswirkungen darf nicht zu ihrer Verteidigung herhalten. Es ist für die Gläubigen schädlich, wenn entsprechende Bibelkritik nur von außen, von Kirchenfeinden, vorgetragen wird.
(Das ist wie beim Missbrauchsskandal: Kritik nur von außen - ohne Selbstkritik der Kirche - zerstört ihre Glaubwürdigkeit!)

9.      Es sind in ehrlicher Weise die schlimmen Auswirkungen mancher biblischer Texte zu beschreiben wie sie sich im Laufe der 2000-jährigen Kirchengschichte gezeigt haben. Manche diese negativen Auswirkungen müssten durch kirchliche Schuldbekenntnisse bzw. in >>„Kirchentrauertagen“ detailliert aufgearbeitet werden.

10.   Die Formulierungen im Gottesdienst „Wort des lebendigen Gottes“ und „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“ klingen nach manchen vorgelesenen Bibeltexten für kritische Gläubige wie eine Gotteslästerung!
Es ist zu überlegen, wie ein anderer Umgang mit den biblischen Texten bzw. welche anderen Formulierung als Abschluss einer Bibel-Lesung diesen Eindruck einer „Gotteslästerung“ verhindert.

11.   Es wäre zu bedenken, als „zweite Lesung“ in der Hl. Messe einen Text mit einer Glaubens- und Werte-Erfahrung aus unserer Zeit, der den Evangeliumstext aktualisiert, einzuführen. Dadurch würde deutlich, dass das Evangelium Jesu Christi, das die Kirche als den Höhepunkt und Abschluss der Offenbarung ansieht, doch seine Verwirklichung und „Inkarnation“ im Laufe der Menschheitsgeschichte in konkreten Menschen in späteren Zeitepochen entfaltet.

12.   Ein besonderes Problem stellen viele heute angebotene Kinderbibeln dar.
Die darin enthaltenen biblischen Schöpfungsberichte, die mythologischen Erzählungen von der Sintflut-Erzählung bis zum „Turmbau von Babel“ und die vielen Wunderberichte im Alten wie im Neuen Testament vermitteln den Kindern ein völlig falsches Bild vom Wirken Gottes. Viele dieser Kinder werden als Heranwachsende, wenn das kritische Denken einsetzt, diese Erzählungen und damit die ganze Bibel und damit auch den christlichen Glauben als Kinder­märchen ablehnen. So haben diese Kinderbibeln bei vielen langfristig eine glaubenszerstörende Wirkung. Ähnlich ist es mit vielen Bibel-Filmen, die ähnlich veraltete Gottesbilder und Glaubens­vorstellungen vermitteln wie die meisten Kinderbibeln.

-       Die Verantwortlichen der Kirche müssten öffentlich kritisch gegen diese Art von Kinderbibeln und Bibelfilmen Stellung nehmen und an einzelnen Beispielen eine Richtigstellung von veralten Glaubensvorstellungen, die in diesen Medien präsentiert werden, formulieren.

-       Die Eltern warnen vor Kinderbibeln, die nicht die Richtigstellung von missverständlichen und problematischen Texten der Bibel enthalten.

-       Die Kirchenleitungen müssten die Produktion von Medien anregen, in denen biblische Geschichten sowohl kritisch-wissenschaftlich wie auch von ihrem zeitübergreifenden Glaubensinhalt dargestellt werden.

-       Kinderbibeln sollten von Bibelwissenschaftlern zusammen mit Religionspädagogen erstellt werden, in denen besonders bei alttestamentlichen Texten die geschichtlichen Hintergründe und die Entstehungs­geschichte der Texte in kindgemäßer Weise mit aufgezeigt werden. (Siehe ein Versuch: Der Turmbau von Babel“)

 

Papst Franziskus in seiner Ansprache zum 25. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus über die Bibel:
"Man kann das Wort Gottes nicht einmotten als wäre es eine alte Wolldecke, die man vor Schädlingen bewahren müsste. Nein! Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, stets lebendig, und es entwickelt sich und wächst […]."


Dazu Till Magnus Steiner in katholisch.de am 08.08.2018:

„Die Bibel selbst ist ein Dialog verschiedener Autoren verschiedener Zeiten – und dieser Dialog, der zu neuen Erkenntnissen führen kann, setzt sich bis heute im Lesen und der Auslegung der Bibel fort.“

 

Manfred Hanglberger, Kath. Pfarrer und Familientherapeut (i.R.) (www.hanglberger-manfred.de )

 

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