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Ehe- und Familienpastoral
(Überlegungen und Vorschläge für die eine zeitgemäße Familienpastoral der Kath. Kirche)

 

Wenn die Katholische Kirche als ihren zentralen Glaubensinhalt
die Lehre vom „Dreifaltigen Gott“ bekennt,
Gott also als Gemeinschafts- und Beziehungswesen versteht
und die Ehe als Abbild der Beziehung Gottes zu seinem Geschöpf betrachtet,

dann sollte sie es als ihre zentrale Verpflichtung sehen,
das Wesens menschlicher Beziehungen immer besser zu erforschen und zu verkünden,
besonders das Wachsen und Reifen der Beziehung von Mann und Frau in einer Ehe,
aber auch die dort möglichen Konflikte
 und die Wege der Heilung von verwundeten Beziehungen.

 

Die meisten Völker und Kulturen unserer Erde kennen noch keine partnerschaftliche Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern Über- und Unterordnung.
Der Wandel hin zu partnerschaftlichen Beziehungen stellt eine gewaltige Herausforderung für die seelische Entwicklung von Mann und Frau dar, wie die Ehekonflikte in den diesbezüglichen „Schwellenländern“ zeigen.

Partnerschaftliche Beziehungen sind einer der wichtigsten Aspekte des Fortschritts der menschlichen Kultur. Sie haben fundamentale Auswirkungen auf die seelische Entwicklung der Kinder, aber auch auf alle Konfliktfelder des gesellschaftlichen Lebens. Wer mit den Unterschieden von Mann und Frau achtungsvoll und gerecht umgehen kann, lernt auch mit den Unterschieden und Gegen-sätzen im gesellschaftlichen und politischen Bereich gerecht, achtungsvoll und tolerant umzugehen.

Partnerschaftliche Beziehungen entsprechen dem christlichen Menschenbild und sind ein wesentlicher Aspekt der christlich verstandenen Heilsgeschichte, denn partnerschaftliche Beziehungen sind eine Annäherung an das Wesen des Dreifaltigen Gottes.

Deshalb wäre eine theologisch und psychologisch überzeugende Darstellung der christlichen Ehe-Lehre besonders in Hinblick auf die Partnerschaftlichkeit und ein zeitgemäßes Hilfsangebot für Ehe- und Familienkonflikte ein ähnlich wertvolles Geschenk für die Menschheit wie die „Kath. Soziallehre“. Eine solche „Evangelisierung“ würde nicht nur in die Familien hineinwirken, sondern auch auf alle Kulturen der Erde.

Aber man sollte nicht verschweigen, dass die Märtyrer einer solchen Evangelisierung auf Weltebene vor allem die Frauen sein werden, die im neuen Bewusstsein ihrer Würde ihr Leben gestalten wollen und die nicht selten dabei auf das Unverständnis, auf die Entrüstung und den manchmal erbitterten bis gewalttätigen Widerstand ihrer Ehemänner und ihrer Herkunftsfamilien stoßen werden.
Das Leid dieser Frauen ist kirchlich besonders zu würdigen!

 

Die vielen Märtyrerinnen in der frühen Kirche, die im Bewusstsein ihrer Würde als Christinnen sich dem Besitzanspruch und der Verfügungsgewalt ihrer Väter entzogen haben, sollten für diesen heilsgeschichtlichen Prozess hin zu einer Eigenständigkeit der Frau gegenüber dem Willen der Herkunftsfamilie und hin zu einer partnerschaftlichen Beziehung von Mann und Frau als wichtige spirituelle Helferinnen durch die Kirche vorgestellt werden.

Eine zeitgemäße kirchliche Ehe- und Familienpastoral sollte im psychologisch-therapeutischen Bereich eine ähnliche Überzeugungskraft und ein ähnliches Ansehen bekommen, wie die „Katholische Soziallehre“ im politischen und wirtschaftlichen Bereich.

 

Die Ehe- und Familien-Pastoral der Kath. Kirche sollte eine gewaltige Kampagne entfachen

·  für ein vielfältiges Erforschen der menschlichen Beziehungsprobleme,

·  für ein breit angelegtes Informationsprogramm, um die Menschen, nicht nur die Gläubigen, über die Ursachen und Heilungsmöglichkeiten von Beziehungsproblemen zu informieren,

·  für den Aufbau eines Netzwerkes in allen Kulturen, um hilfsbedürftige Personen und Familien mit Beziehungsproblemen beraten, unterstützen und begleiten zu können,

·  Christen sollten durch entsprechendes Interesse und durch Kompetenz Vorreiter und Vorbilder für ein liebevolles und effektives Konfliktmanagement in Ehen und Familien werden.

 

Damit die Kirche eine allseits anerkannte Ehe-Rettungsstrategie entwickeln und anbieten kann,

sind wichtige Voraussetzungen dafür zu schaffen:

1.       Es braucht eine zeitgemäße Glaubenslehre über das Wirken Gottes in der Psyche des Menschen:
Wie ist das Wachstum des „Reiches Gottes“ im Menschen zu verstehen?
Wie ist geistig-seelisches Wachstum aus der Sicht des Glaubens zu verstehen?
Welche Rolle spielt bei seelischen Reifungsprozessen das Schuldigwerden und das Scheitern?
Wie spielen bei psychischen Heilungsprozessen Vernunft und Glaube (Psychologie und Spiritualität) zusammen und wie unterscheiden sie sich?
Was bedeuten die Erkenntnisse über unbewusste Handlungsmotive, über das Phänomen von Projektionen und über generationsübergreifende unbewusste Solidarität („systemische Belastungen“) für das Verständnis von Schuld und Scheitern in einer Ehe?

 

2.       Es braucht einen beständigen Dialog in kirchlichen Institutionen zwischen Glaube und Spiritualität einerseits und Psychologie und therapeutischen Entwicklungen andererseits, um einerseits die Glaubenslehre und die Gebetskultur in diesem Bereich ständig weiterzuentwickeln und andererseits, um die kirchlichen Mitarbeiter in der Ehe- und Familienpastoral weiterzubilden.

 

3.       Es braucht eine Gebetskultur (auch in den Sakramenten), die einer zeitgemäßen Spiritualität und einem zeitgemäßen Verständnis vom Wirken Gottes in der Welt und im Menschen ent­spricht.

4.       Es ist zu klären, welche Kompetenz in therapeutischer und spiritueller Hinsicht ein Seelsorger braucht, der im Auftrag der Kirche qualifizierte Familienpastoral und besonders Seelsorge für Ehepaare in Konfliktsituationen, für Alleinerziehende und für Geschiedene-Wiederverheira­tete leisten soll.
Denn die Anforderungen der Kirche richten sich nicht nur an die Ehepaare, sondern auch an die Kirche selbst:
Die in der Ehe-Pastoral Verantwortlichen brauchen ein zeitgemäßes Wissen
- über seelische Reifungs- und Heilungsprozesse,
- über wesentliche Entwicklungsprozesse von partnerschaftlichen Beziehungen,
- über unbewusste Handlungsmotive und Projektionen, die Partnerschaften belasten und
xzerstören können,
- über die unbewussten Ursachen von destruktiven Dialog- und Konfliktmustern,
- über Versöhnungs-, Abschieds- und Heilungsriten,

Gegenwärtig wäre es von Seiten der Kirchenleitung ehrlich, einzugestehen, dass der Großteil der kirchlich Verantwortlichen und der Seelsorger mit der Differenziertheit und den Hinter­gründen von Ehekonflikten z.Z. völlig überfordert ist.

 

5.       Es braucht die selbstkritische Aufarbeitung von Verletzungen, die die Kirche durch die bisherige unzeitgemäße Ehe- und Familienpastoral in den Familien verursacht hat.
(Siehe: „Verletzungen durch falsche Ratschläge von Seelsorgern“ >>>)

 

Ein diesbezügliches Bemühen der Kirche hätte einen sehr hohen Stellenwert für die Heilsgeschichte Gottes mit der Menschheit.

Um für die breite Öffentlichkeit glaubwürdig zu werden, müsste die Kirchenleitung zeigen, dass es ihr nicht um die Durchsetzung von moralischen Forderungen geht, sondern um eine anspruchsvolle Qualität und Effektivität ihrer Ehe- und Familienpastoral, die sowohl bei bestehenden wie bei gescheiterte Ehen den Menschen hilfreich beizustehen in der Lage ist.

 

Die hier vorgeschlagenen Bemühungen der Kirche zur Stabilisierung von Ehen sollten das Gebot der Barmherzigkeit, die Anerkennung der Eigenverantwortung und den hohen Anspruch der Forderungen Jesu in rechter Weise miteinander verbinden.
(Siehe dazu meine Interpretation der Bergpredigt >>>)

Es ist nicht so, dass wir die unbewussten Prozesse und die Differenziertheit der Hintergründe von Konflikten in einer Paarbeziehung völlig kennen würden und nur moralische Forderungen in Form der christlichen Gebote brauchen und diese einhalten müssten, damit heile Ehen erhalten bleiben.
Der Mensch und seine Probleme und Konflikte sind weit komplizierter als dass sie von moralischen Geboten, und seien sie noch so anspruchsvoll, umgriffen und in jedem Fall in gerechter Weise reguliert werden könnten.
(Siehe dazu meine Überlegungen zum Verständnis der Gebote Jesu; >>> )

Das Hauptproblem bei Ehekonflikten ist meist nicht die Beziehung zu Gott, sondern die Verletzungen der Partner untereinander und der Kinder. Hier steht die Pastoral vor sehr anspruchsvollen Aufgaben der Versöhnung und der Heilung. Diese Aufgaben mit Einfühlung - ohne Verurteilung - und mit psychologischer und spiritueller Kompetenz anzugehen, ist das Gebot der Stunde für die Kirchenleitung und für die Gemeinschaft der Kirche insgesamt.

 

Die entscheidende Frage:

Was ist „typisch christlich“?

Wenn

-     es für gläubige Christen kein Scheitern einer Ehe geben darf

-    und man im Falle eines Scheitern und einer Wiederverheiratung von den Sakramenten ausgeschlossen wird


oder

wenn die Kirchenleitung

-  Vorreiter ist in der Erforschung der Ursachen von Partnerschaftskonflikten und ihren Lösungsmöglichkeiten,

-  die erarbeiteten Informationen in der Ehevorbereitung, Ehebegleitung und in der Verkündigung vermittelt,

-  qualifizierte Beratungs- und Therapie-Möglichkeiten für Ehe-Probleme zur Verfügung stellt,

-  durch eine zeitgemäße Glaubenslehre und eine zeitgemäße Gebetssprache spirituelle Hilfen für die Gestaltung des Ehelebens und für Ehe-Konflikte zur Verfügung stellt

 

und gleichzeitig von den Gläubigen fordert,

-  überdurchschnittlich informiert zu sein über Ursachen und Lösungen von Partnerschaftskonflikten – auch um für Freunde, Bekannte und Mitchristen als einfühlsame und hilfreiche Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen,

-  im Konfliktfall bereit zu sein, rechtzeitig qualifizierte Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen,

-  durch Verzicht auf Schuldzuweisung den eigenen (bisher evtl. unbewussten) Anteil an der Gefährdung der Ehe wahrzunehmen,

-  im Trennungsfall sich um Schadensbegrenzung und um gerechte Lösungen zu bemühen,

-  evtl. vorhandene Kinder mit Hilfe qualifizierter Beratung aus dem Konflikt der Eltern herauszuhalten,

-  nach dem Scheitern einer Ehe, bereit zu sein, die gerechten Folgelasten zu tragen und aus den eigenen Fehlern zu lernen,

-  bei Ehe-Konflikten auch die Quellen der Kraft, der Verantwortung und des Trostes, die der christliche Glaube bietet, in Anspruch zu nehmen.

 

 

„Typisch christlich“:

Wenn also überdurchschnittliche Kompetenz und überdurchschnittliches Bemühen von Seiten der Kirchenleitung wie von Seiten der Gläubigen

-          für die Aufrechterhaltung von partnerschaftlichen Beziehungen,

-          für die Qualität von partnerschaftlichen Beziehungen

-          und für den Umgang mit gescheiterten Ehen

vorhanden sind.

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)


>>> Unbewusste Ursachen von Partnerkonflikten und ihre Heilungsmöglichkeiten
>>> Problem „Kinderlosigkeit“ aus tiefenpsychologischer und systemischer Sicht
>>> Problem „Geschiedene-Wiederverheiratete“ aus der Sicht der Bergpredigt
>>> „Verletzungen durch falsche Ratschläge von Seelsorgern“
>>> Zum Verständnis der Gebote Jesu
>>> Zum Verzeichnis meiner Texte zur Familienpastoral

>>> „Wenn Liebe Leiden schafft“ (Buch-Info)

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