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Ein ökumenisches Anliegen

Gebete für die Verstorbenen? – oder „Subsidiarität bei Gott“

(Von Manfred Hanglberger)

Persönliche und pastorale Erfahrungen führten mich zur Überzeugung, dass ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Einheit im Glauben in der fehlenden Beziehung der evangelischen Christen zu den Verstorbenen liegt.

Die pastorale Erfahrung zeigte mir, dass ein sehr hoher Anteil der regelmäßigen Gottesdienstbesucher einen - manchmal alten - Schmerz durch den Verlust eines Familienmitglieds in seinem Herzen trägt: Als Kinder haben sie ein Elternteil, ein Großelternteil, das Bezugsperson geworden war, einen Bruder oder eine Schwester verloren, als Erwachsene haben sie ein Kind oder den ersten Partner früh verloren. Die Beziehungskultur mit den Verstorbenen, die die Katholische Kirche durch Glaubensaussagen, durch Gebet und Gottesdienst anbietet, ist für diese Menschen sehr wichtig.

Als ich Kaplan in einer Kleinstadt war, in der zwei Drittel der Menschen evangelisch waren, habe ich einmal auf Einladung des ökumenischen Gesprächskreises einen Vortrag über unsere Beziehung als katholische Christen zu den Heiligen und zu den Verstorbenen gehalten und habe im anschließenden Gespräch überrascht festgestellt, dass die evangelischen Christen ihre verstorbenen Angehörigen für tot betrachten, da diese in ihrer Glaubens­vorstellung erst am Jüngsten Tag zum Ewigen Leben auferweckt werden; deshalb spielt eine Beziehung zu den Verstorbenen im Glauben bei ihnen keine Rolle. Die Reaktion der katholischen Gläubigen an diesem Abend: „Sind wir froh, dass wir katholisch sind!“

Im Nachhinein kam ich zur Überzeugung, dass die evangelischen Kirchen die Vermengung der Beziehungskultur zu den Verstorbenen mit wirtschaftlichen Interessen, wie sie vor der Reformation in der Katholischen Kirche vorhanden war, unter anderem dadurch beseitigt haben, indem sie die Theologie diesbezüglich änderten und sie so „das Kind mit dem Bade“ ausschütteten: Sie haben ein sehr wichtiges Element des Glaubens abgeschafft, statt es zu reinigen und zu korrigieren.

Nun haben mich persönliche spirituelle Erfahrungen zur Überzeugung veranlasst, dass auch in der Katholischen Kirche die Beziehungskultur zu den Verstorbenen einer Weiterentwicklung, Vertiefung und Differenzierung bedarf. Ich bin ja auch überzeugt, dass die Einheit im Glauben nicht durch „Kompromisse“, sondern nur auf dem Weg der Glaubensvertiefung möglich ist.

Für die spirituelle Erfahrung war der Tod meines Vaters vor 24 Jahren und der Umgang meiner Mutter damit entscheidend. Da meine Mutter nach dem Tod meines Vaters wusste, dass sie nun allein im Haus leben musste, bekam sie es mit der Angst zu tun. Da bat sie meinen verstorbenen Vater ihr beizustehen und erlebte sogleich das Verschwinden der Angst, die seitdem nicht mehr wiederkehrte. Nicht nur meine Mutter, auch ich habe dies erfahren, und auch von anderen Menschen habe ich diese Erfahrung immer wieder erzählt bekommen, wie helfend und schützend die Verstorbenen die Lebenden begleiten. Ich glaube inzwischen, dass es in dieser Form auch eine Subsidiarität bei Gott gibt, der Lebenden und Verstorbenen die Gnade schenkt, viele Probleme unter sich zu regeln. Eine zu radikale Vorstellung der evangelischen Christen von „solus Christus“ ist, so glaube ich, diesbezüglich eine Verkümmerung und widerspricht einer recht verstandenen „Subsidiarität von Gottes Gnaden“.

Ich habe die Hoffnung, dass die Vorstellung der Subsidiarität in der Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung und in seiner Beziehung zu den Verstorbenen wie zu den Lebenden diese Verkümmerung aufbrechen könnte.

Andererseits bedeutet dies, dass auch die vielen liturgischen Formulierungen in der Katholischen Kirche, in denen fast nur „für“ die Verstorbenen gebetet wird, einer Ergänzung bedürfen.

Wir dürfen offensichtlich auch „zu“ den Verstorbenen beten, dürfen sie um ihren Segen und ihre Hilfe bitten und können dort, wo noch unaufgearbeitete Konflikte bestehen, sie um Vergebung bitten und ihnen unsere Vergebung schenken. Und wir bitten Gott, die Quelle aller Barmherzigkeit, nicht in erster Linie um seine Barmherzigkeit, sondern um seinen Beistand, damit wir den Weg der Trauer in rechter Weise zu gehen schaffen, dass wir dort, wo es nötig ist, den Weg der Versöhnung und Verzeihung finden und dass wir offen werden für den Segen, den uns unsere Verstorbenen schenken wollen.

Vielleicht wäre eine Reinigung und Vertiefung unserer Beziehung zu den Verstorbenen in dieser Richtung auch eine Einladung an die evangelischen Christen, ihre Verkümmerung in ihrem Glauben diesbezüglich wahrzunehmen und zu überwinden?

Vielleicht würden viele evangelische Christen dann nicht nur das Wertvolle in der Beziehung zu ihren Verstorbenen entdecken, sondern auch zu den Heiligen eine gläubige und hilfreiche Beziehung finden.

Ich vermute, dass auch der mangelnde Glaube an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie bzw. beim Abendmahl, wie er bei manchen evangelischen Kirchen zu beobachten ist, damit zusammenhängt, weil sie nicht an die „Gemeinschaft zwischen Lebenden und Verstorbenen“ glauben, die ja auch eine „gegenwärtige“ lebendige Gemeinschaft ist, wo sie wirklich gelebt wird, und nicht nur eine „Erinnerung“.

Wäre es von katholischer Seite aber dann nicht sinnvoll, unsere Gebetsformulierungen z.B. bei Fürbitten bei Beerdigungen, bei Heiligenlitaneien und beim Confiteor entsprechend zu ändern, damit sichtbar wird, einerseits, dass Gott, die Quelle der Barmherzigkeit, keine Fürbitter braucht, um uns seine Zuwendung zu schenken, sondern allein unsere Offenheit und Umkehrbereitschaft, und dass andererseits die unmittelbare Beziehung zu den Verstorbenen und zu den Heiligen eine echte Gemeinschaft des wechselseitigen Gebens und Empfangens darstellt.

Z.B. könnten dann die Antworten bei Heiligenlitaneien lauten „Dein Geist stärke uns“. Dafür gibt es ja schon viele schöne Formulierungen, die bei Prozessionen bereits manchmal verwendet werden.

Wäre jetzt, da das Messbuch in neuer Fassung gedruckt werden soll, nicht möglich, in den entsprechenden Gebeten die Beziehung zu den Verstorbenen und den Heiligen so zu formulieren, dass sie für die katholischen Christen eine Vertiefung und Bereicherung im Glauben und für die evangelischen Christen eine Einladung sein können, die ihnen zeigt, dass in der Katholischen Kirche diesbezüglich ein wertvoller Schatz bewahrt ist, der aber der Reinigung bedarf?

Die Möglichkeit, Gebete gemeinsam zu sprechen, würde dadurch vergrößert werden. Vielleicht könnte dies eine nicht unwesentliche Brücke zur Einheit im Glauben werden.

 


 

Zusammenfassung der Folgerungen:
Vorschläge, um auf dem Weg der Einheit der Christen voranzu­schrei­ten:

1.    Die theologische Erkenntnis der „Subsidiarität“ in der Katholischen Soziallehre hat eine noch wichtigere Bedeutung in der Beziehung Gottes zu den Menschen, auch zur Gemeinschaft zwischen Lebenden und Verstorbenen. Diese Subsidiarität steht im Widerspruch zu den Gebeten, in denen die Heiligen als Fürbitter bei Gott angerufen werden. Die Lehre der Subsidiarität bräuchte eine umfassende theologische Entfaltung in der Katholischen Glaubenslehre und eine entsprechende Änderung der Gebete.
(siehe dazu
>>> Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit)

2.    Das offizielle Schuldbekenntnis in der Heiligen Messe neu zu formulieren, so dass es auch evangelische Christen mitbeten können. Auch kritische und mitdenkende Katholiken (auch meine Mutter wollte noch mit 85 Jahren solche Gebete nicht mitbeten) haben Probleme mit der Anrufung der „seligen Jungfrau Maria, aller Engel und Heiligen“, um Gottes Herz zu erweichen, damit er uns unsere Sünden verzeiht.

3.    Die Anrufungen der Heiligen in katholischen Gottesdiensten und Andachten nicht mehr mit „Bitte für uns“ beantworten zu lassen, sondern z.B. mit „Dein Geist stärke uns“. Vielleicht können dann auch evangelische Christen mitbeten?
 Die meisten katholischen Christen bitten die Heiligen, die sie in ihren Nöten anrufen, immer schon direkt um deren Hilfe und rufen sie nicht als Fürbitter bei Gott an.

4.    Entsprechend ist beim „Ave Maria“ der zweite Teil („Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder“) so zu verändern, dass Maria nicht mehr als Fürbitterin, sondern als Helferin angesprochen wird. Und ist die primäre Selbstwahrnehmung von uns Christen, dass wir Sünder sind oder dass wir Kinder Gottes - mit einer Berufung für diese Welt - sind?

5.    Entsprechend sind auch sonstige Gebete und Lieder, die für Maiandachten und andere Marienandachten Verwendung finden, neu zu formulieren.

6.    Bei Gebeten für die Verstorbenen ist Gott nicht vorrangig um Barmherzigkeit für sie anzurufen, sondern um seine Hilfe für eine evtl. notwendige Versöhnung zwischen Lebenden und Verstorbenen - und um Stärkung und Orientierung auf dem Weg der Trauer.

7.    Im Glaubensbekenntnis wird „katholisch“ nicht nur von den evangelischen Christen falsch verstanden; auch die meisten Katholiken glauben, dass es sich dabei um die katholische Kirchenorganisation handelt. Könnten sich nicht beide Konfessionen auf einen Text einigen, der das griechische Wort auf Deutsch übersetzt??

8.    Vor der Einführung des neuen Messbuches müssten solche Einigungen in der Gebets- und Glaubenssprache verwirklicht werden! Das würde dem Glauben und der Gebetskultur der Katholiken sehr gut tun und Wege öffnen für eine gemeinsame Gebetskultur mit den evangelischen Christen.

9.    Die evangelischen Christen müssten ihre verlorengegangene Beziehungskultur zu den Verstorbenen (und damit auch zu den Heiligen) wieder herstellen, denn
„Gott ist kein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Für ihn sind alle lebendig.“(Lk 20,38) – Für uns etwa nicht?
 Die Verstorbenen waren und bleiben personale Wesen, mit denen weiterhin eine „Beziehungskultur“ möglich und angemessen ist: Man kann sie direkt ansprechen und es gibt weiterhin ein seelisches Geben und Nehmen mit ihnen.

 

 

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