>> Warum wurde Jesus zum Tode verurteilt und gekreuzigt?

 

>> Der Kreuzestod Jesu in seiner erlösenden Wirkung (M.Hanglberger)

 

>> „Erlösung“ – wovon? (M.Hanglberger)

 

>> Erlösung nur von Schuld und Sünde? (M.Hanglberger)

 

>> Wie steht Gott zur Schuld des Menschen? (M.Hanglberger)

 

>> Vom Zweck zum Sinn des Kreuzes (Eugen Biser)

 

>> Auszug aus der Erlösungsenzyklika von Papst Johannes Paul II.

 

>> Erlösungsenzyklika (vollständiger Text, 34 Seiten) zum Downloaden

 

>> „Erlösung vom Stiergott“ von G,Baudler

 

>> Lorenz Zellner: Jesu Erlösungsverständnis

 

>> Lorenz Zellner: Wollte Jesus leben oder sterben?

 

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Wollte Jesus leben oder sterben? (Von Lorenz Zellner)

Gedanken zum Lebens- und Todesverständnis Jesu

 

Eine alte Geschichte erzählt, dass Jesus von Nazareth alle hundert Jahre den Jesus der Christen trifft. Lange sprechen sie miteinander, und jedesmal geht Jesus von Nazareth fort und sagt zum Jesus der Christen: »Mein Freund, ich fürchte, wir werden niemals übereinstimmen

Diese kurze Geschichte verweist uns auf eines der brisantesten Themen des Christentums, auf das Verhältnis des realen Jesus zum gedeuteten Jesus. Und die sanfte Ironie dieser Geschichte macht die ganze Resignation deutlich: Diese zentrale Frage des Christentums scheint unlösbar zu sein. Wer sich lange genug mit den Quellen beschäftigt, erfährt ja auch erschreckend, dass es zwei nicht harmonisierbare Jesus gibt - bei allen Versuchen, die beiden zu harmonisieren, die Risse zu kitten, die Unterschiede zu verwischen.

 

Es gibt im Bezug auf unser Thema den Jesus, der leben wollte, und es gibt den Jesus, der sterben wollte. Letzterer ist der dominante Jesus. Der Todeswille Jesu als Glaubensgut.

Fragt man Christen ganz gezielt nach ihrer Meinung, ob Jesus leben oder sterben wollte, dann ist es gängige, aus der Verkündigung resultierende Meinung, Jesus sei ganz bewusst, mit der festen Absicht zum Sterben auf unsere Welt gekommen. Er musste uns ja erlösen und mit Gott versöhnen. Und diese Erlösung ist untrennbar mit seinem Tod am Kreuz verbunden. Der Glaube an die Unausweichlichkeit des über Jesus verhängten Todes ist ein zentrales christliches Gemeingut.

 

Die Infragestellung einer Todesreligion:

Durch seine Kreuzestheologie ist das Christentum ganz in die Nähe einer Todesreligion gekommen. Paulus will zum Beispiel nichts anderes »wissen, außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten« (1 Korinther 2,2).

Im Christentum entwickelte sich eine Spiritualität, in der Selbstverleugnung, Abtötung und Weltflucht nicht nur zentrale Begriffe, sondern auch harte Fakten waren.

Um Jesu, um Gottes und um des Menschen willen ist es notwendig, aber auch reizend, befreiend und heilend, der Frage nach der historischen und psychologischen Herkunft und Wahrheit dieser Ideen nachzugehen. In den urchristlichen Dokumenten gibt es nämlich auch andere Stimmen. Was heute im Vordergrund steht, erweist sich schnell als sekundär, als individuelle oder kollektive Deutung, deren Ursachen und Interessen sehr aufschlussreich sind. Aber auch andere, ganz naheliegende Fakten sollte man beachten: Wenn Christen die gängige Meinung äußern, Jesus sei ganz bewusst, mit der festen Absicht zum Sterben auf die Welt gekommen, dann spürt man in ihrem Ausdruck nicht gerade Begeisterung und Freude über diese »Wahrheit«, sondern eher Beklemmung, Betroffenheit, Unsicherheit, Beschämung, Schweigen und manchmal auch kämpferischen Eifer, »gelegen oder ungelegen« die »Wahrheit« zu sagen. Und bei den Hörern kann man feststellen, dass die gängige Meinung nicht gerade ein Anreiz ist, sich auf Jesus einzulassen. Jeder Seelsorger, der Jesusbegegnung ermöglichen will, kann den Widerstand spüren. Eine so extreme Ideologie ist oft genug Anlass, den Menschen entweder die Freude an Gott oder am Leben zu nehmen. Auf jeden Fall macht sie es schwer, Gott und Leben zu verbinden. Wo Heil oder Unheil, wo Lebensglück oder Unglück auf dem Spiele stehen, wo von Menschen Glaube und Zustimmung gefordert wird, wo Gottes und Jesu Autorität beansprucht werden, muss eine Verkündigung besonders gewissenhaft vorgehen. In Anbetracht der historischen und psychologischen Irritationen muss sich diese Untersuchung auf die Fragestellung zuspitzen:

Hat Jesus wie jeder normale Mensch ganz am Leben teilgenommen oder hat er auf einen außergewöhnlichen Tod hin gelebt? Was ist greifbar?

 

Die Rolle des Todes Jesu in der Konzeption des frühen Christentums

Jesus wurde von den Römern hingerichtet. Über Gründe und Anlässe, die zu seinem Tod führten, wissen wir kaum Bescheid. Die Vorgänge sind historisch nicht klar durchschaubar. Der Tod Jesu war ein Faktum, an dem seine Anhänger nicht vorbeikamen. Aber statt zur Kenntnis zu nehmen, dass Jesus genauso wie alle anderen Menschen sein individuelles menschliches Schicksal zu tragen hatte, statt die Bedingungen zu sehen, denen Jesus als Mensch unterworfen war, statt im Sinne Jesu weiterzuwirken und Heil und Heilung zu schaffen, wurde an seinem Tod herumgerätselt und herumgedeutelt. Die Realität dieses Todes wurde nicht akzeptiert. Hinter diesem Tod musste etwas Besonderes stecken (ein weiteres Beispiel für die voranschreitende Auflösung des normalen Menschseins Jesu). So wurden immer mehr die Deutungen und Phantasien maßgebend, für die es im Leben Jesu keine Anhaltspunkte gibt. Vielmehr lassen sich diese Konzeptionen eindeutig der jüdischen Tradition bzw. dem Urchristentum, und hier wieder vor allem Paulus, zuschreiben.

Kein Wunder, dass die Fülle der Phantasien, Spekulationen, Vermutungen und Deutungen das historische Faktum und das realistische Verständnis der historisch gelebten menschlichen Existenz Jesu immer mehr zudeckten, dass der historische Jesus immer unkenntlicher wurde. Fakten und Bedingungen wurden unterschlagen, Meinungen wurden projiziert und in einer für uns unverständlichen und unerhörten Weise Jesus in den Mund gelegt.

Dabei kann man davon ausgehen, dass Jesus wie ein normaler Mensch am Leben, an den Freuden und am Kampf des Lebens teilgenommen hat und aus einem aufmerksamen und aktiven Leben gewaltsam herausgerissen wurde. Dass dies überraschend und unvorbereitet geschah, ergibt sich aus den fehlenden originellen Stellen und aus den vielen divergierenden Erklärungs- und Deutungsversuchen, die unmöglich auf den gleichen Jesus zurückgehen können. Weil nach der Meinung seiner Anhänger hinter seinem Tod etwas Besonderes stecken musste, gab es letztlich nur ein angestrengtes, aber unergiebiges Herumrätseln im Hinblick auf die Ursachen. So wie die Gegner vielleicht ein Gottesgericht vermuteten (Leid als Strafe), so sahen Jesu Anhänger die Ursache seines Todes immer mehr im Willen Gottes, in den Jesus gehorsam einwilligte. Auf jeden Fall entstand eine Theologie, die den Kreuzestod Jesu zur absoluten Notwendigkeit erklärte, die von der Unausweichlichkeit des Todes Jesu überzeugt war. Gott wurde in eine schauderliche Rolle gedrängt. Hinter dem ganzen Geschehen steckt auch heute noch »Gottes Wille, Gottes Heilsplan, ja Gottes Liebe«.

Jesus wird bei allem unterstellt, dass er in diese Vorgänge eingewilligt haben soll ganz bewusst, vorausschauend, das göttliche »Muss« erfüllend, was ihn in die Nähe eines begeisterten Selbstmörders oder eines dummen Opferlammes stellt. In dieser Theologie lebt auch die Ideologie von der durch und durch bösen Welt wieder auf. Und die Menschen werden erneut in Kinder der Finsternis und in Kinder des Lichtes gespalten, in Gut und Böse. Vor allem aber wurde diese Interpretation Grundlage einer Spiritualität, die trotz der Verkündigung von Auferstehung und Leben im wesentlichen mit dem Tod ihr Geschäft machte: »Im Tod ist das Leben«, »Im Kreuz ist Heil«, »Das Leben ist ein Kreuz«, »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach«, so lauteten relativ undifferenziert und leicht irreführend die Parolen. Aus dem Leben wurde ein dauerndes Leiden und Sterben, statt ein Sich-Entwickeln und Heil-Werden, man ging auf die Suche nach Kreuzen und Kreuzchen und begann, das alltägliche Kreuz sich erfinderisch selbst zu zimmern. So wird das ganz und gar Einmalige des Kreuzes Jesu zur spirituellen Leitlinie: Alles muss durch das Kreuz hindurch, um verwandelt und heil zu werden. Echte Nachfolge Jesu und echte Verbindung mit ihm gibt es in dieser Askese fast nur noch auf den dunklen Strecken und in den entsagungsreichsten Wüsten unseres Lebens: in Krankheit und Leid, in Einsamkeit und Armut, in Verachtung und Hilflosigkeit, im Schweigen Gottes und in der Verfolgung durch Menschen. Kreuz und Gekreuzigtsein werden die Prägung des Lebens. Täglich sterben, darum geht es. Täglich leben, lebendig sein, das Leben suchen, das wird angeschwärzt und verdächtigt. Wer will da noch mitziehen? Sicher wird heute vieles nur noch abgeschwächt und leise weitergegeben, aber die Substanz blieb erhalten. Wie viel Pessimismus, Negation, Resignation, Frustration und Schizophrenie das Ergebnis dieses Denkens waren, wird kaum mehr aufzudecken sein!

 

Die Konzeption Jesu vom Leben und sein Tod

Es gibt eine unerträgliche Spannung zwischen dem Gott, den Jesus verkündigte, und dem Gott, der seinen Tod wollte. Dies ist aber nicht nur die einzige irritierende Spannung in der Bibel. Die Frage nach den Fakten stellt sich. Nur eine Besinnung auf den realen Jesus kann weiterhelfen. Es fällt auf, dass Jesus ganz klare Bilder von sich und vom Leben hatte. Es fällt auf, dass er sich immer wieder gegen alte Bilder und Vereinnahmungen zur Wehr setzte. Er sah sich als Freudenboten, er sah das Leben als Festmahl und als Hochzeit, sein neuer Wein gehört in neue Schläuche, seine Konzeption ist Teilnahme am Leben und nicht Rückzug vom Leben, sie ist Einsatz für das Leben, für die Erweiterung des Lebens, und nicht für den Tod, für die Minderung des Lebens. Er wollte Heil und nicht Unheil, Ganzheit und nicht Bruch, Gesundheit und nicht Leiden. Das Heil, das er wirkte, ist nicht an sein Sterben gebunden, sondern an sein Verhalten und an seine Botschaft vom Leben. Echtes Leben vollzieht sich so im Glück, in Gesundheit und Freude, in Liebe und tiefem Einvernehmen, in Schwung und Erfolg usw. Ein rundes, glückliches und frohes Leben ist in Jesu Augen der ursprüngliche Wille Gottes.

 

Nun noch einige abschließende Bemerkungen:

-Gelegentlich wird die Phantasie verbreitet, für die jeder Rückhalt und jede Begründung fehlt, dass gute Menschen so enden müssen wie Jesus, dass sie verfolgt, ja gekreuzigt werden. Der Fatalismus der Leidenspsalmen und die Visionen in den Liedern vom leidenden Gottesknecht bei Jesaja werden hier genauso herangezogen wie der Philosoph Plato, der in seinem Werk über den Staat schreibt, dass der wahrhaft Gerechte in dieser Welt ein Verkannter und Verfolgter sein wird, ja er führt direkt aus, »der Gerechte wird unter diesen Umständen gegeißelt, gefoltert, gebunden werden, es werden ihm die Augen ausgebrannt werden und zuletzt wird er nach allen Misshandlungen gekreuzigt werden.« Solches ist Zwangsdenken, aber nicht Theologie!-»Der Mensch ist nur so viel wert als er Opfer bringt«, dieses Motto ist falsch. Wohl aber gehört echter Einsatz, der etwas kostet, immer wieder zum Leben dazu. Viele Menschen sind aus einem inneren Wissen und auch aus der Nachfolge Jesu heraus bereit, Einschneidendes in Kauf zu nehmen, ohne dass sie verkünden: »Christenleben ist ein Opferleben -Wie Einsatz und Engagement, bewusster Verzicht und unabwendbares Leid, so gehört auch die Annahme des Todes zu einem gelungenen Leben. Und selbst wo ein Leben unvollendet blieb, kann es unter Christen die Hoffnung abrunden, dass Gott vollendet, was auf Erden nicht vollendet werden konnte.-Aufgabe derer, die sich an Jesus orientieren, ist es, das Leben und das Schicksal des Lebens zu akzeptieren, dazu zu stehen, es durchzuarbeiten. Ebenso ist es Aufgabe der Christen, zum Leben Jesu zu stehen, wie es sich zutrug, und auch seinen Tod so zu akzeptieren, wie er war. Muss hinter seinem Tod etwas Besonderes stecken? Ist er nicht ein normaler Mensch geworden, hat er uns nicht zum normalen Menschsein erlöst und Mut gemacht, normal zu leben und zu sterben?

Jesus wollte leben. Aber Leben ist immer gefährdet. Nur ein solches Leben nahm Jesus an. Er gab sich ganz einfach den normalen Bedingungen des Lebens preis. Auch das ist menschlich: Bei allem Gestaltungswillen, bei aller Dynamik können die Bedingungen des Lebens unüberwindbare Grenzen setzen. Diese Tragik, wie sie auch im Leben Jesu sichtbar wird, lässt sich in meinen Augen nur mildern, wenn der Geist Jesu unter uns weiterlebt.

 

(Aus: „Gottestherapie“ von Lorenz Zellner) èèè

 

 

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