>> Warum wurde Jesus zum Tode verurteilt und gekreuzigt?

 

>> Der Kreuzestod Jesu in seiner erlösenden Wirkung (M.Hanglberger)

 

>> „Erlösung“ – wovon? (M.Hanglberger)

 

>> Erlösung nur von Schuld und Sünde? (M.Hanglberger)

 

>> Wie steht Gott zur Schuld des Menschen? (M.Hanglberger)

 

>> Vom Zweck zum Sinn des Kreuzes (Eugen Biser)

 

>> Auszug aus der Erlösungsenzyklika von Papst Johannes Paul II.

 

>> Erlösungsenzyklika (vollständiger Text, 34 Seiten) zum Downloaden

 

>> „Erlösung vom Stiergott“ von G,Baudler

 

>> Lorenz Zellner: Jesu Erlösungsverständnis

 

>> Lorenz Zellner: Wollte Jesus leben oder sterben?

 

>> Simon von Cyrene und Judas (von Christine Busta)

>> Segnung eines Kreuzes

 

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 „Erlösung“ – wovon?

 

Zwei Jahrtausende war es für jeden gläubigen Christen klar, dass er durch den Tod Jesu am Kreuz von seiner Erbsünde „erlöst“ sei. Was die persönlichen Sünden betraf, galt die Vorstellung, dass durch die Erlösung durch Jesus Christus der Gläubige die Möglichkeit habe, zur Beichte zu gehen und sich durch den Priester von seinen Sünden los sprechen zu lassen. Dieses Verständnis von Erlösung stand im Zusammenhang mit der Vorstellung, dass Jesus durch seinen „Opfertod“ am Kreuz Gott, den himmlischen Vater, dazu bewogen habe, den bis dahin verschlossenen Himmel wieder zu öffnen.

Erlösung hatte also vor allem mit Sühne und Versöhnung zu tun, mit der Bewahrung vor göttlicher Strafe, besonders vor einer ewigen Strafe, die mit der Vorstellung der Hölle verbunden war. Andererseits bedeutete Erlösung die Wieder-Ermöglichung des Zugangs zu Gott, zum Himmel und damit zu einer ewigen Glückseligkeit.

In all diesen Vorstellungen erscheint der Mensch in erster Linie als Sünder vor Gott. Dies scheint das eigentliche Wesen des Menschen und sein Hauptproblem zu sein. Dabei galt die Neigung zum Ungehorsam und zur Widerspenstigkeit gegenüber Gott als das Grundmuster seiner Sündhaftigkeit.

 

Eine andere Vorstellung?

Ist es der Wandel des Autoritätsverständnisses in unserer Zeit, dass dieses alte Glaubensmuster für immer weniger Menschen glaubwürdig erscheint?

Oder ist es eine andere Vorstellung von Gott, weil ein wirklich liebevoller Gott mit der Vorstellung eines Jahrtausende lange verschlossenen Himmels nicht vereinbar ist?

Oder ist es die gewachsene Mündigkeit und Wachheit des Menschen, die dazu geführt hat, dass immer mehr Gläubige erkennen, dass der Mensch viele seelische Probleme hat, unter denen „Sündhaftigkeit“ eines unter vielen anderen und keineswegs immer das wichtigste ist. So leiden manche Menschen unter schweren Schicksalsschlägen, unter bedrückender Trauer, manche fühlen sich kraftlos und sind von depressiven Stimmungen gefangen, manche haben Minderwertigkeitsgefühle und glauben, nichts wert zu sein, manche finden keinen Sinn in ihrem Leben usw.

Solche Menschen erleben die Botschaft einer Erlösung von ihren Sünden nicht als Erlösung von ihren seelischen Sorgen und Belastungen. Manche gläubige Menschen mit solchen Problemen vermuten die Ursachen in ihrem eigenen Fehlverhalten und glauben deshalb in einer Beichte Hilfe zu finden und sind ratlos, dass dies bei ihnen nichts bewirkt.

 

Neues Erlösungsverständnis

Papst Johannes Paul II. wusste offensichtlich vor mehr als 30 Jahren bereits um diese Veränderung der seelischen Problemlage. Denn damals (1979) hat er in seiner Enzyklika über die Erlösung nicht die Sündhaftigkeit des Menschen als Hauptproblem beschrieben, sondern dass der Mensch „für sich selbst ein unbegreifliches Wesen“ sei, dass „sein Leben … ohne Sinn“ sei, solange „er nicht der Liebe begegnet“ und „sie nicht erfährt“. Bei den vier Begriffen, mit denen der Papst die Problemlage weiter beschreibt, erscheint nach der „Unruhe“, der „Unsicherheit“ und der „Schwäche“ des Menschen an letzter Stelle auch seine „Sündigkeit“. Entsprechend versteht diese Enzyklika „Erlösung“ darin, dass der Mensch (durch Christus) „die Größe, die Würde und den Wert, der mit seinem Menschsein gegeben ist“, findet. Die subjektive Erfahrung von „Erlösung“ erfährt der Gläubige im „tiefen Staunen über den Wert und die Würde des Menschen“.

Die „Erlösungsbedürftigkeit“, die ja das Urproblem der menschlichen Existenz beschreiben soll, wird also in diesem hochoffiziellen Schreiben der Kirche nicht mehr in der Sündhaftigkeit und im notorischen Ungehorsam des Menschen gesehen, wie Jahrtausende lang üblich, sondern in der Tatsache, dass der Mensch nicht selbstverständlich und automatisch zum Bewusstsein seiner menschlichen Würde findet und zum Wert und Sinn seines Daseins.

Gerade diese seelisch-geistige Unsicherheit des Menschen ist oft der tiefere Grund eines schwierigen Wesens und vieler verletzender Verhaltensweisen, die wir im alltäglichen Zusammenleben als Formen der Unerlöstheit empfinden. Das entscheidende ist also die richtige Rangfolge der Ursachen für die Probleme des Menschen und für seine Erlösungsbedürftigkeit.

Die Frage ist, ob unsere Gebete, unsere Liturgien und unsere Bemühungen im Glaubensleben der tatsächlich gültigen Rangordnung der Probleme entsprechen?

 

Feiern wir zu Ostern in erster Linie die Erlösung von unseren Sünden oder die Offenbarwerdung einer wahrhaft göttlichen Liebenswürdigkeit, Würde und Werthaftigkeit des Menschen?

 Manfred Hanglberger

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