Überlegungen zur Einheit der Christen:

Eucharistiefeier und Abendmahlsfeier

 

Im Verständnis der Hl. Messe bzw. des evangelischen Abendmahl müssten sich beide Konfessionen bekehren:
- In Richtung einer Feier des „Neuen Bundes“

- In Richtung einer Feier der Inkarnation: Jesus sagt zu den Symbolen der Schöpfung: „Das ist mein Leib“

 

Es besteht nach Aussage des vatikanischen „Ökumene-Kardinals“ Kurt Koch derzeit die Gefahr, dass sich die Evangelischen Kirchen und die Katholische Kirche wieder weiter auseinander entwickeln könnten.
Deshalb habe ich im Folgenden einige Überlegungen zur Einheit der Christen zusammengestellt:

 

Alle christlichen Konfessionen müssen das heutige Wissen über die Ordnung der Natur und über die Phänomene der menschlichen Psyche in Dialog mit ihrem Glauben bringen, um ihre jeweilige Glaubenslehre zeitgemäß weiterzuentwickeln, sie gleichzeitig der Botschaft Jesu anzunähern und damit auch die Gemeinsamkeit zwischen den Konfessionen zu erweitern.
Nun öffnen sich für den naturwissenschaftlich und psychologisch interessierten Gläubigen viele Hilfen für einen zeitgemäßen, lebendigen Glauben.

 

Es sollte ein Zwischenziel auf dem Weg zur Einheit der Konfessionen sein, mehr Gemeinsamkeit in der Gebetssprache und in der Spiritualität zu erreichen.

 

1.       „Gegenwärtigkeit“ oder „Erinnerung“
Sprechen wir in der Liturgie „mit“ Jesus, mit Maria, mit den Heiligen, mit unseren Verstorbenen oder sprechen wir in ehrerbietiger Erinnerung „über“ sie?
Bei ökumenischen Maiandachten habe ich beobachtet, dass die evangelischen Pfarrer Maria in Gebeten nicht direkt ansprechen, sie also nicht als gegenwärtig sehen, sondern sich ihrer als „Vorbild im Glauben“ erinnern, wie man sich einer Person erinnert, die vor langer Zeit gelebt hat.
Ob bei Maria, bei den Heiligen allgemein, bei den verstorbenen Angehörigen und beim Abendmahl, bzw. bei der Hl.Messe, was Jesus betrifft:
Es ist das Problem des Glaubens an die Gegenwärtigkeit der Personen, die vor uns gelebt haben.

2.       Der Zeitbegriff des modernen naturwissenschaftlichen Weltbildes kann ein Hinweis sein auf die „Gegenwärtigkeit“ auch der geschichtlichen Vergangenheit der Menschheit und auf die reale gegenwärtige Wirkkraft geschichtlicher Personen. (Z.B. auch der Heiligen):
Alle Ereignisse auf der Erde und im gesamten Weltall bleiben als Lichtreflexion im Weltall als „Wirk“-lichkeit erhalten.
Es gibt im Universum die Einheit von Raum und Zeit:
Bei Lichtgeschwindigkeit verschwindet die Ausdehnung des Raums und der Fluss der Zeit:
Alles wird gegenwärtig und gleichzeitig.

Sind diesbezüglich manche evangelischen Glaubensvorstellungen und die entsprechende Praxis dem alten physikalischen Weltbild des 19. Jahrh. verpflichtet: mit dem linearen konstanten Zeitverständnis und mit dem statischen Raumverständnis und dem linear-kausalen Naturgesetz-Verständnis?
Dadurch war es vermutlich gerade für gebildete Menschen ein Problem, im linearen Nacheinander der Zeitereignisse eine Gegenwärtigkeit historisch zurückliegender Personen sich vorzustellen?

Notwendig wäre eine gemeinsame Erklärung zum Verhältnis des modernen natur­wissen­schaftlichen Weltbildes zum christlichen Glauben, in dem auf das Zeitverständnis des modernen Weltbildes hingewiesen wird.

3.       Notwendig wäre auch eine gemeinsame Erklärung zum Verhältnis von moderner Psychologie und christlichem Glauben:
- In der therapeutischen Arbeit weiß man um die psychische Gegenwart von biographischen Ereignissen.
- Es gibt das therapeutische Herholen und Öffnen seelischer Energiequellen aus der biographischen oder verwandtschaftlichen (generationsübergreifenden) Vergangenheit.
- In der systemischen Familientherapie kennt man das Phänomen von „Wiederholungs­schicksalen“ und von einer unbewussten nachahmenden Solidarität mit Vorfahren, durch die positive oder negative Energien von Personen aus der Vergangenheit in der Gegenwart spürbar werden.
Auch hier: Die Wirkkraft bereits verstorbener Personen wird im Jetzt gegenwärtig!

 

4.       Bundesgedanke statt Sühnegedanke in den Einsetzungsworten und in der gesamten Konzeption des Gottesdienstes:
Es ist exegetisch erwiesen: Der Bundesgedanke in den Wandlungsworten ist die ältere und damit wohl ursprüngliche Theologie:
In den ältesten Texte bei Paulus und Markus ist nicht von Opferblut „zur Vergebung der Sünden“ die Rede, sondern vom „Blut des Bundes“ bzw. bei Paulus des „Neuen Bundes“.
Nun ist der „Neue Bund“ bei Jeremia 31,31 angekündigt:

„Das wird der (neue) Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe - Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn! sondern sie alle, klein und groß, werden mich erkennen.

Aufgrund dieses Textes, kann man die Feier des „Neuen Bundes“ in der Hl. Messe bzw. in der evang. Abendmahlsfeier als die Proklamation des menschlichen Gewissens verstehen
(„Ich lege meinen Geist in euer Inneres“)
und als die Proklamation der religiösen und moralischen Mündigkeit und Verantwortung des Menschen feiern?
(„Keiner mehr wird den anderen belehren. Jeder wird Erkenntnis Gottes besitzen“)!
Das „Bundesblut“ verbindet die Menschen mit Gott und die Menschen miteinander als Gemeinschaft von mündigen und solidarischen Personen.

Die Einseitigkeit der Sühneformulierung (die exegetisch nachweisbar später angefügt wurde) lässt den Menschen nur klein und bedürftig erscheinen (Was er auch ist!). Die Ganzheitlichkeit des Bundesgedankens (vollzogen durch den gegenwärtig wirkenden Geist Jesu im „Blut des Bundes“) macht den Menschen groß und ruft ihn zur Verantwortung!

5.       Deshalb müssten die Gebete und Riten des Gottesdienstes vorrangig die Mündigkeit, die Verantwortungsbereitschaft und die Sensibilisierung des Gewissens zum Inhalt haben.

6.     Notwendig wäre, die Subsidiarität Gottes in der Beziehung der Lebenden und der Verstorbenen ernst zu nehmen und zu entfalten:
è Beziehungskultur pflegen zwischen Lebenden und Verstorbenen (keine Fürbitter-Rolle, sondern direkte Verbundenheit mit einer gegenseitigen bleibenden Bedeutung füreinander)
è die Gegenwärtigkeit der Verstorbenen bedeutet die Gegenwärtigkeit der Heiligen, Marias und natürlich die Gegenwärtigkeit Jesu!

7.      In Brot und Wein ist die Schöpfung auf dem Altar nicht nur symbolisch gegenwärtig, sondern repräsentiert gegenwärtig. Dazu sagt Jesus: “Das ist mein Leib“: Seine Identifizierung mit der Schöpfung ist ein existentielles Dazugehören und Einssein mit der Schöpfung.
è Wandlung als Vergegenwärtigung des Inkarnationsgeschehens.
è Wandlung als Einladung an uns Gläubige Jesu Worte mitzusprechen und so unsere tiefe Verbundenheit, Zugehörigkeit und Verantwortung gegenüber dem Ganzen der Schöpfung zu vollziehen.
Auch unser Geist und unsere Seele dürfen und sollen sich in der Schöpfung inkarnieren.
Inkarnation als beständiges heilsgeschichtliches Geschehen durch Gott und durch die Menschen, das in der Eucharistiefeier wahrgenommen, gefeiert und vollzogen wird.
(Siehe: Säkularisierung und Inkarnation >>>)

8.         Jesus zeigt: Gott ist „ seelische Nahrung“ für den Menschen!
Welt soll Nahrung sein für alle! Wir sollen Nahrung sein für einander und für das Wohlergehen der Lebensgemeinschaft der Natur.
Wenn Gott seine Schöpfung beseelt und seelisch ernährt, ist es dann angemessen zu beten:
„der du lebst und herrschst“?
Wird nicht die Formulierung „allmächtiger Gott“, die im ganzen Neuen Testament nicht ein einziges Mal vorkommt, von den Gläubigen völlig missverstanden und inzwischen von vielen kritischen Menschen abgelehnt.
(Ein typisches Beispiel von theologischer Insider-Sprache: Als Theologen haben wir uns das richtige Verständnis zurechtgelegt und merken nicht, dass das Verständnis und die Wirkung bei den Gläubigen eine ganz andere ist).
Die „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ und die „Subsidiarität“ bei Gott gegenüber den Menschen stehen in Widerspruch zu einem „herrschenden“ Gott und zu einem „allmächtigen“ Gott, wie er durch die Gebete der Kath. Kirche von den Gläubigen verstanden wird.

Entsprechend wäre es meines Erachtens notwendig, die traditionellen Formen der Spiritualität mit zeitgemäßen Formen einer  „Schöpfungsspiritualität“ >>> zu ergänzen.

 

Gerade für die Ökumene ist es wichtig, dass alle Konfessionen sich bekehren bzw. sich theologisch und spirituell weiterentwickeln.

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

 

 

 

>>> Einheit im Glauben: durch gemeinsame Gebete und gemeinsame Gebetstheologie

>>> Würdiger und unwürdiger Empfang der Heiligen Kommunion (In „Amoris Laetitia“)

>>> Der Sinn der Heiligen Messe und des Sonntags in „Laudato si“