Die Geburt des ICH

Wie die Seele zur Welt kommt

(Manfred Hanglberger, ein Topos-plus-Taschenbuch)

 

Leseprobe

 

 

II. 3. Die „Haut“ von Insekten und Säugetieren

Die Entwicklung einer sensiblen Haut und einer inneren Stärke

 

Die Haut entscheidet über Leben und Tod. Sie trennt das komplexe Gebilde des Lebens in einem Einzeller oder auch einem höher entwickelten Lebewesen von einer Umgebung, die zwar lebenswichtig ist, da sie Lebensraum und Nahrung bereitstellt, die aber auch lebensbedrohlich ist.

Ob Frost oder Hitze, ob Wassermassen oder Trockenheit, ob Gifte oder Viren und Bakterien, die Gefährdungen für das komplexe Gebilde „Leben“ sind fast unendlich. Die Bedeutung der Haut als Filter und Schutz wurde im vorangegangenen Kapitel beschrieben. In der Entwicklung der Lebensformen auf dieser Erde hat die Natur viele verschiedene Methoden entwickelt, eine „Haut“ für das Leben zu bilden. Typische Muster dafür sind der Chitinpanzer von Insekten, aber auch die kegelförmigen Schutzpanzer der Kopffüßler oder die harte Schale der Trilobiten oder auch die heute noch existierenden Chitinhäuser der Weinbergschnecken und Schildkröten. Diese „Haut“ bietet einen sehr stabilen Schutz, ist aber etwas Starres, Undurchlässiges und Unsensibles. Durch solche Chitinpanzer hindurch lassen sich kaum Gefühle mitteilen oder zum Ausdruck bringen. Die Festigkeit und Stabilität liegt bei solchen Tieren außen. Der Übergang zur Welt der Säugetiere mit ihrer sensiblen Haut bis hin zum Menschen mit seinen vielfältigen Möglichkeiten, durch die Mimik des Gesichtes inneres Empfinden zum Ausdruck zu bringen, geht zuerst über die Welt der Fische und Echsen, die als Wirbeltiere ein inneres Skelett entwickelt haben und damit die Stabilisierung des Gesamtkörpers nach innen verlegt haben. Die innere Stabilität kann auf äußere Härte langsam immer mehr verzichten, kann die äußeren Schutzwände weicher, flexibler, durchlässiger gestalten.

Dieser Entwicklungsweg in der Tierwelt vollzieht sich in der seelischen Welt des Menschen weiter. Wenn das Selbstvertrauen, die Selbstwertschätzung, also die innere seelische Struktur des Menschen sich stabilisiert, braucht er weniger Schutzmechanismen nach außen, kann er unbeschwerter und gelassener auf andere Menschen zugehen und konstruktiver auf Kritik von außen reagieren. Ein Mensch mit einem gesunden Selbstvertrauen hat es nicht nötig, andere Menschen zu demütigen und abzuwerten, andere zu beherrschen oder auszubeuten. Er kann Menschen neben sich in ihrer Vielfalt und Andersartigkeit gelten und leben lassen. Seine Selbstschutzreaktionen kommen aus seinem Inneren in Form differenzierter Kritik oder eines konstruktiven Protestes und in der Fähigkeit, ein klares „Nein“ zu sagen gegenüber unangemessenen Erwartungen von Mitmenschen.

So wie es in der Welt der Tiere als Fortschritt zu betrachten ist, dass die äußeren Schutzmechanismen mit weniger Härte und Starrheit auskommen und durch eine innere Stabilität die Flexibilität und damit auch die Kommunikationsfähigkeit nach außen über eine weiche Haut verbessert wird, so ist es auch ein fundamentales Ziel seelischer Reife, die Mechanismen äußerer Abwehr weicher und flexibler zu gestalten, mit weniger Gewaltanwendung, mit weniger Brüskierung auszukommen und dabei die inneren Fähigkeiten der Abgrenzung und des Selbstschutzes zu entwickeln. Dies ist aber nur möglich durch eine Entwicklung und Stabilisierung der Selbstachtung und der Selbstwertschätzung. Es geht also darum, dass wir unsere seelische Haut dünner, empfindsamer, wahrnehmungsfähiger, durchlässiger und damit auch ausdrucksfähiger werden lassen und gleichzeitig den seelischen Kern fester und stabiler gestalten. Ein gesundes Selbstwertgefühl bedeutet also, ein stabiles „seelisches Skelett“ zu entwickeln und nach außen eine dünne empfindsame Haut.

 

V. 1. Befreiung von seelischen Belastungen........................  

a) Sich von den Eltern unterscheiden................................................................  

b) Den „angemessenen Platz“ für die Eltern finden:.........................................  

Abschiedsbrief: „Die Eltern achten und loslassen“........................................  

Therapeutisches Glaubensbekenntnis.............................................................  

Beispiel für einen Abschiedsbrief eines Suchtkranken an seine Eltern:.........  

c) Von der Identifikation zum Mitgefühl..........................................................  

d) Vater und Mutter in gleicher Weise achten...................................................  

e) Verzicht auf Erlösung von Vater und Mutter................................................  

f) Verzicht auf Lösung der Partnerprobleme der Eltern....................................  

g) Von den Eltern nicht mehr erwarten, als sie geben konnten.........................  

h) Verstorbene in rechter Weise verabschieden.................................................  

 

 

V. 3.

b) Hebamme sein für die Geburt der Seele

 

Viele seelisch leidende Menschen gehen nicht in Therapie, weil sie gewohnt sind, alle Probleme selbst zu lösen und meinen, mit entsprechender Willensenergie und etwas „sich kundig machen“, mit ihrem psychischen Problem fertig zu werden. Aber auch bei erwachsenen Personen, die in der Kindheit ein Elternteil verloren haben, kann bei der Annäherung an die schon in der Kindheit verdrängten Gefühle ein gewaltiger seelischer Abgrund sich auftun, der die Seele mit blankem Entsetzen erfüllen kann.

Solche Menschen ergreifen gewöhnlich nur die Flucht davor und hüten sich sehr, zu nahe an solche Gefühle heranzugehen. Der Therapeut aber wird dem Klienten, der wirklich diese seelischen Probleme lösen will, sagen, dass diese bedrohlichen Gefühle zum Leben der Seele dazu gehören, dass er da hindurch gehen müsse. Diese Abgründe können ihm zwar tatsächlich jeden Boden unter den Füßen entziehen, so dass er jeden Halt zu verlieren drohe, aber er werde dies alles seelisch „überleben“, ja er werde sich nachher wie neu geboren fühlen. Diese Erfahrung werde eine Verwandlung bewirken, die ihn zu bisher unerschlossenen Energiequellen seines Wesens führe. Aber alle Theorie und viele Erklärungen werden nicht ausreichen, einen solchen angstmachenden Weg den Klienten allein gehen zu lassen. Oft muss der Therapeut jede Phase dieses Weges begleiten, dem Klienten in den bedrohlich aufsteigenden Gefühlen sehr nahe sein, damit dieser den begonnenen Weg zu Ende geht und nicht auf halber Strecke wieder umkehrt.

Dabei ist der Therapeut nicht eigentlich der „Heiler“, sondern mehr ein Geburtshelfer bzw. eine Hebamme, d.h. er unterstützt und begleitet in achtsamer Weise die Geburt der Seele des Klienten. Seelische Belastungen und Krankheiten haben also damit zu tun, dass das Ich eines Menschen noch zu wenig in seiner Originalität „zur Welt“ kommen konnte, dass der innere Raum noch nicht genügend vorhanden und der äußere Raum noch nicht genügend beansprucht worden ist.

Es fördert den Heilungsprozess, wenn sich der Therapeut seiner untergeordneten Rolle bewusst ist und diese Rolle in Demut akzeptieren kann. Nicht als Heiler steht er im Mittelpunkt, sondern als Geburtshelfer steht er neben dem zentralen Ereignis, der Geburt der Seele. Nicht er liefert die Energie für das Geschehen, er räumt nur Hindernisse weg, um den Energien im Klienten endlich Entfaltungsraum zu ermöglichen. Nicht er diktiert die Lösung, sondern er versucht zu erkennen, wie die schon im Klienten vorhandene, aber noch nicht bewusste Lösung aussieht.

Ein Therapeut muss bei manchen Klienten mit einer „seelischen Sehnsuchtshand“ rechnen, die ihm voll Erwartung hingehalten wird, aber oft nicht um Wegbegleitung für einen schmerzhaften Geburts- oder Heilungsvorgang zu bekommen, sondern um Ersatz zu sein für einen vermissten Elternteil bzw. für einen fehlenden Partner des Klienten. Deshalb ist es Aufgabe des Therapeuten, immer wieder deutlich zu machen, dass er diese hohe Erwartung nicht erfüllen kann, dass er nicht das geben kann, was man von Eltern oder einem Partner erwartet, dass er den Klienten notwendigerweise enttäuschen muss und unter Umständen deshalb bei ihm auch Aggressionen, Entrüstung und das Aufbrechen alter Verletzungen auslösen kann. Es war wohl eine ernüchternde, aber heilsame Erfahrung, als eine Klientin flehentlich ihren Therapeuten fragte: „Wenn mich keiner in meiner Familie beachtet und ernst genommen hat, lieben Sie mich wenigstens?“ Darauf der Therapeut: „Warum soll ich Sie denn lieben, wenn Sie sich nicht selbst lieben. Ich möchte Ihnen helfen, dass Sie sich selbst ernst nehmen, Ihre eigenen Kräfte entdecken und Verantwortung für sich selbst übernehmen und ich möchte damit meinen Lebensunterhalt verdienen“.

 

 

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