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Interview mit Manfred Hanglberger

anlässlich der Veröffentlichung seines Schuldgefühle-Buches in ungarischer Sprache.

 

 

Frage: Herr Hanglberger, wie sind Sie auf das Bücher-schreiben gekommen?

Antwort: Weil mich nach Besinnungstagen und nach Vorträgen immer wieder Zuhörer gefragt haben, ob es das, was ich da erzählt habe, auch irgendwo zum Nachlesen gibt,

bzw. ob ich das nicht auch einmal schriftlich veröffentlichen würde, damit man es nochmals nachlesen könnte.

Deshalb habe ich vor nun genau 10 Jahren begonnen, meine Gedanken und therapeutischen Erfahrungen in Büchern allgemein zugänglich zu machen.

 

Frage: Die meisten Ihrer Bücher handeln von Gefühlen. Von Liebe und Zorn, von Trauer und Schuldgefühlen usw.

Was hat Sie zu dieser Themen-Auswahl bewogen?

Antwort: Weil ich als Seelsorger und Familientherapeut viel mit der Seele des Menschen zu tun habe. Und die Gefühle sind die Energien und Signale der Seele. Als Seelsorger bin ich genau mit diesen Gefühlen ständig konfrontiert, über die meine Bücher handeln: Trauer und Angst, Liebe und Schuld, Minderwertigkeitsgefühle und Zorn.

 

Frage: Und was ist das Problem bei den Gefühlen?

Antwort: Da gibt es vor allem zwei Probleme:

Das erste Problem ist, dass die Gefühle traditionell bewertet sind: Die Liebe ist gut, der Zorn ist böse, usw. Das führt dazu, dass die Menschen manche Gefühle unterdrücken und bekämpfen. Aber alle Gefühle sind Signale der Seele, die uns etwas Wichtiges sagen wollen über unsere menschlichen Beziehungen und über unser sonstiges Vernetztsein mit dem Leben.

Wenn wir sie unterdrücken, werden wir seelisch blind, wir können nicht wirklich in gesunder Weise seelisch-geistig selbständig werden, wenn wir uns unserer seelischen Signale berauben bzw. sie nicht verstehen.

Und wir bekommen kein gutes Selbstwertgefühl, denn wer ein Gefühl in sich als Feind betrachtet und feststellen muss, dass Gefühle in ihm eine gewisse Eigendynamik besitzen, d. h. die kommen und gehen ohne uns zu fragen, -

der ist im Kampf mit sich selbst, der zerstückelt seine eigene Seele, der kann zu keinem inneren Frieden und damit zu keiner inneren Zufriedenheit finden, der wird vielleicht sogar zu einer schwierigen Person für seine Mitmenschen.

Deshalb müssen wir unterscheiden zwischen Gefühlen, die wir nicht bewerten, sondern verstehen sollen, und den Handlungen, die durch bloße Abreaktion von Gefühlen entstehen, die tatsächlich sehr destruktiv sein können.

 

Frage: Und das Zweite Problem?

Antwort:

Das zweite Problem ist, dass Gefühle auch deshalb gefährlich werden können und bekämpft werden, weil sie übermächtig werden können aus zwei Gründen, die uns die Psychologie erklärt und lösen hilft:

Wir können z.B. einen übermächtigen Jähzorn entwickeln oder eine maßlose Eifersucht, weil wir in der Kindheit Verletzungen oder Enttäuschungen erlebten oder auch durch zu frühes liebevolles Engagement für die Eltern unsere Kindheit geopfert haben. Alte seelische Schmerzen können die Gefühle der Gegenwart so verstärken, dass wir unkontrolliert handeln.

Das ist ein entscheidender Grund, warum viele Menschen Gefühle fürchten oder auch verachten und nicht ernst nehmen.

Nun hat die systemische Psychologie, die Grundlage der Familientherapie, vor wenigen Jahrzehnten erkannt, dass es noch einen weiteren wichtigen Grund gibt, warum Gefühle übermächtig werden:

Nämlich, dass wir in unbewusstem Mitgefühl mit unseren Eltern und anderen Vorfahren jene Gefühle von ihnen übernehmen können, die diese verdrängen.

Die Seelen der Kinder und Enkelkinder sind die Zufluchtsorte für die verdrängten Gefühle ihrer Eltern und Großeltern. Diese übernommenen Gefühle sind belastend und verwirrend, verstärken eigene Gefühle bis zur Unkontrollierbarkeit oder lähmen den gesamten Gefühlshaushalt der Kinder bis ins Erwachsenenalter hinein.

In meinen Gefühle-Büchern zeige ich nun auf, wie wir diese unterschiedlichen Quellen unserer Gefühlsenergien erkennen können und wie wir so damit umgehen lernen, dass wir Gefühle nicht fürchten und verdrängen müssen, sondern ihre Signale verstehen und ihre Energien sinnvoll nutzen können.

Wer dies beachtet und praktiziert, bekommt ein völlig anderes Lebensgefühl, er lernt in zufriedener Weise in sich selbst zu wohnen, geht mit weniger Bewertung und mit größerem Verständnis mit seinen Mitmenschen um und kann wieder leichter an sich selbst und an den Sinn und Wert des Lebens glauben.

Wer seine Gefühle bejahen und ihre Signale verstehen kann, wird geistig und seelisch selbständig und verantwortungsvoll. Wer sie nicht versteht, macht sich automatisch abhängig von anderen oder von Ideologien, weil er die innere Orientierung verloren hat.

 

Frage: Sind Sie jetzt eigentlich mehr Therapeut oder Seelsorger?

Antwort: Zuerst bin ich Seelsorger. Das Therapeutische ist ein Werkzeug, eine Hilfe, die Seelsorge zu verbessern.

Denn wenn Sie bedenken, dass schon im Alten Testament im Buch des Propheten Jeremia es heißt: „Keiner mehr wird den anderen belehren, alle werden Erkenntnis Gottes besitzen“

oder dann in den Evangelien aus dem Munde Jesu: „Warum findet ihr nicht von selbst das rechte Urteil“ oder „Lasst euch nicht Meister, Vater oder Lehrer nennen!“

Was kann denn das anderes heißen, als dass alles Bemühen darauf gerichtet sein muss, Menschen wirklich zu immer mehr Mündigkeit, Selbstständigkeit, aber auch zu umfassender Verantwortungsfähigkeit zu führen. Und dafür braucht es vorrangig nicht die Verkündigung von Vorschriften, von Geboten und Verboten, sondern die Einübung der eigenständigen Wahrnehmung von Werten. Eine Kultur der Wertewahrnehmung, nicht nur der Werteverkündigung ist lebendige und zeitgemäße Religiosität.

Und für die Werte-Wahrnehmung ist die Entwicklung der inneren Orientierung, die wesentlich über unsere Gefühle läuft, unabdingbar.
Deshalb verstehe ich meine Bücher nicht nur als Lebenshilfe im psychologischen Sinn, sondern als wichtige Bausteine, den Glauben im Sinne Jesu weiterzuentwickeln und damit das, was wir im Glauben „Heilsgeschichte“ nennen, den geistig-seelischen Fortschritt der Menschen, voranzubringen.

 

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