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Der Text der Einheitsübersetzung

Diese Heilungsgeschichten im Evangelium

sind gleichzeitig Symbolgeschichten über die Heilung der Seele:

(Von Manfred Hanglberger)

Wenn wir die Heilungsgeschichten im Evangelium nur wortwörtlich verstehen, werden sie uns nur sagen, dass Jesus ein „Heiler“ war, also eine außergewöhnliche Fähigkeit besaß, Kranke zu heilen:

sie sagen uns dann nur etwas über die besonderen Fähigkeiten eines Mannes, der vor ca. 2000 Jahren in Israel gelebt hat.

 

Wenn wir Krankheiten aber auch symbolisch verstehen, als eine Botschaft der Seele und als ein Leiden der Seele, dann können diese Geschichten auch heute noch für jeden Menschen eine Hilfe sein, sich mit seinen seelischen Problemen besser zu verstehen und durch den Glauben an Gott, wie ihn uns Jesus gezeigt hat, einen Weg ganzheitlicher Heilung zu finden.

 

1.

Besessenheit

 

Geisteskrankheit:

Verwirrt, gewalttätig,

tobsüchtig, panisch,

ängstlich, depressiv, …

Verteufelte Seelenanteile: du musst anders sein, du musst ein(e) andere(r) sein:

Beispiele: Erstes Kind war verunglückt. Das zweite Kind sollte das erstes ersetzen, es bekam denselben Namen. Die Mutter sagte: Das erste Kind liegt nicht im Grab, es ist durch die Geburt des zweiten Kindes wieder aufer­standen, es ist also gar kein zweites Kind, es ist das erste Kind. Das Kind entwickelte schizophrene Verhaltensweisen.
Oder: Du bist unbewusst auch noch ein anderer:

Ein jüdisches Kind war unbewusst solidarisch mit dem Opa, den die Nazis umgebracht hatten. Es glaubte immer, keinen Platz im Leben zu haben, verfolgt zu werden.

è Bei Jesus spürten die Menschen: Du darfst du selbst sein.  Du bist, so wie du bist, angenommen und geachtet. Jesus erkennt dich in deinem Wesen und hilft dir, dass du dich selbst erkennst und dich selbst annehmen kannst – und dich von anderen unterscheiden kannst.

2.

Fieber

 

Manchmal ein verdrängter Zorn

(innerlich bebend und doch hilflos und ohnmächtig)

 

Die Schwiegermutter des Simon Petrus hat wohl Angst um ihre Tochter und um die Familie, wenn der Schwiegersohn Simon (Petrus) seinen Beruf als Fischer nur noch sehr selten ausübt, weil er mit Jesus von Ort zu Ort zieht.

è Die Jünger Jesus reden über sie und ihre Krankheit.

Jesus geht zu ihr und spricht mit ihr, „fasst sie an der Hand und richtet sie auf“

Jesus nimmt sie ernst mit ihrer Angst und Sorge, Jesus zeigt Verständnis, er tröstet sie und richtet sie auf

3.

Aussatz

 

Hautprobleme können Abgrenzungsprobleme sein gegen ständige Einmisch­ung, man schafft es nicht, sich zu wehren, …

Die Aussätzigen durften nicht in den Städten und Dörfern leben, sie waren ausgeschlossen aus der Gemeinschaft, um nicht andere anzustecken.  Kein Gesunder durfte sie berühren.

Menschen mit Hautproblemen fühlen sich von wichtigen Mitmenschen zu wenig wahrgenommen und zu wenig ernst genommen in ihrem eigenen Wesen, aber sie fühlen sich andererseits sehr gebraucht.

Eine junge Frau mit schlimmen Hautausschlägen wurde von ihrer Oma jeden Tag mehr als zehnmal angerufen und musste immer alles erzählen, wie es ihr geht. Die Oma war sehr hilfsbereit, anteilnehmend und hatte viel Mitgefühl. (viel Liebe, aber zu wenig Achtung:  eine besitzergreifende Liebe)

Ein Mann mit schlimmen Hautausschlägen sah, dass sich die Oma ständig in das Leben seiner Mutter mit Vorwürfen und Zurechtweisungen einmischte und diese sich nicht wehren konnte. Mitfühlend übernahm er das Problem seiner Mutter.

è Jesus strahlte offensichtlich nicht nur Liebe und Mitgefühl aus, sondern auch Achtung vor der Freiheit, vor der Eigenständigkeit und vor der eigenen Würde eines jeden Menschen. Er entmündigt keinen.
Er lässt sich aber auch nicht seelisch missbrauchen: „Wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?“

4.

Lähmung

 

Ohnmachtsgefühle

Schuldgefühle,

nachtragende Unbarmherzig­keit, ständige Vorwürfe oder der Spott der anderen kann seelisch lähmen

Der bewundernswerte Glaube von dem Jesus bei manchen Menschen spricht, ist deren Hilfsbereitschaft und deren Vertrauen: Menschen, die glauben, dass Hilfe möglich ist und dass es Menschen gibt, die helfen können und helfen wollen. Viele leidende Menschen sind bei manchen Problemen untätig, wie „gelähmt“, weil sie nicht wissen, wie sie helfen sollen und ob es Hilfe gibt.

Ein Mann, der Ehebruch beging, aber die Ehe retten wollte und seine Frau um Vergebung bat, war wie gelähmt, weil diese ihm seit 10 Jahren Vorwürfe machte und ihn aus Rache total zu gängeln begann.

Eine Frau war seelisch gelähmt, weil sie von klein an von der Mutter hörte: „Du bist schuld, dass es mir so schlecht geht und ich diesen Mann geheiratet habe“

è Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“:
Jesus zeigt: Bei Gott bleibst du liebenswert und behältst eine grundsätzliche Lebensberechtigung, auch wenn du etwas angestellt hast, auch wenn Menschen dir nicht verzeihen

5.

Verdorrte Hand

 

Nicht zupacken können,

wer sein Leben nicht annimmt, kann es nicht „in die Hand nehmen“ und etwas Sinnvolles daraus machen!

 

Die Handlungsfähigkeit dieses Mannes ist „verdorrt“, er wurde vielleicht als Kind immer abgewertet, gedemütigt und entmündigt. Er hat sich abgewöhnt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Er traut sich nicht das Leben anzupacken; traut sich nicht, zu nehmen, was das Leben ihm bietet.

Vielleicht weigert er sich, sein Leben von Vater und Mutter in gleicher Weise bewusst anzunehmen.

(z.B. Mutter ist gut  -- Vater ist schlecht: Er ist in einen Abwertungskonflikt zwischen den Eltern hineingeraten)

Minderwertigkeitsgefühle, Schuldgefühle, Ohnmachtsgefühle behindern sein Leben.

è Jesus will ihm helfen, sein Leben von Gott anzunehmen und etwas Sinnvolles daraus zu machen

6.

Blutungen der Frau

 

Nur geben, aber seelisch nichts bekommen,

seelisch verbluten,

sich seine Daseinsberechti­gung verdienen müssen

 

Die Frau in der damaligen Gesellschaftsordnung war entmündigt, Besitz des Mannes, Anerkennung nur durch die Erfüllung der Erwartungen, die an sie gestellt wurden: Kinder gebären und gehorsam dienen.

Die Frau war ausgeliefert der Macht und dem Willen des Mannes.

Die Frau sollte es allen Recht machen, aber keine eigenen Ansprüche stellen, für alle das sein, aber keine eigenen Wünsche haben.

Seelisch verbluten bedeutet: Ich muss immer nur geben und für andere da sein. Meine Gedanken, Gefühle und Wünsche zählen nicht. Ich kann mich nicht schützen, habe zu wenig seelische Haut, kann nicht nein sagen, bin ausgeliefert.

è Jesus sieht und achtet  die Frau mit ihrer eigenen Würde, die ihre Werthaftigkeit  in sich trägt und nicht erst  von den Männern bekommt, die keines Mannes Besitz ist, sondern sich selbst besitzen darf. (Vgl. dienende Martha und fragende Maria: Das Vorrangige)

7.

Tod einer 12-jährigen

 

Das ICH eines Mädchens hatte in der damaligen Männer-Gesellschaft keine Chance zu leben.

 

Ein 12-jähriges Mädchen konnten von den Eltern verheiratet werden. Wechsel vom Besitz des Vaters zum Besitz eines Mannes.
Die aufkeimende Hoffnung eines Mädchens in der Pubertät auf seelisches Erwachsen-werden-dürfen: auf Freiheit und Eigenständigkeit wird abgewürgt, stirbt.

Der 12-Jährigen wird bewusst, dass sie Besitz der Männer ist. Ihre Würde, ihre Sehnsucht ein eigener Mensch zu sein, stirbt, ihr ICH wird nicht wahrgenommen und geachtet, ihr ICH muss sterben.

è Die Symbol-Erzählung will zeigen: Bei Jesus (bei Gott) soll das ICH der jungen Frau leben dürfen

8.

Taubstummer

 

Nicht mehr hören können und nichts mehr hören wollen.

Nichts mehr sagen können und nichts mehr sagen wollen, sprachlos geworden,

Worte bringen nichts mehr

Kein gutes Wort zu hören bekommen oder zu viele Worte zu hören bekommen:
einen Schutz-Mechanismus entwickeln, innerlich zumachen.

Sprachlos werden,
- weil keiner Zeit für mich hat, mir zuzuhören,

- weil das Erlebte zu schlimm ist

- weil mir die Worte im Mund umgedreht werden, weil alles, was ich sage, sofort bewertet und abgewertet wird.

è Jesus strahlt Zuwendung und Achtung aus, er mischt sich nicht besserwisserisch ein, er dosiert seine Worte, sucht nur das Wesentliche und das Hilfreiche zu sagen.

9.

Blindheit

 

Nicht sehen können:

- die eigene Werthaftigkeit,

- die Werthaftigkeit des anderen

- die Möglichkeiten des Lebens

- die Barmherzigkeit Gottes

Nicht sehen können das Schöne und Wertvolle im eigenen Leben und in der Welt.

Nicht sehen wollen das Gute im anderen Menschen, gegen den man Rachegefühle hegt.

Nicht sehen können, dass man handeln könnte und müsste, um Probleme zu lösen.

Nicht sehen können, dass Gott mich begleitet durch schwierige Lebensphasen; man meint, man sei völlig allein gelassen und keiner versteht mich.

èJesus öffnet Menschen die Augen, dass das Leid nicht Strafe Gottes ist, sondern Gott dem Leidenden innerlich nahe ist und ihn stärkt, nicht zu verzweifeln
èUnd dass Gott nicht den Sünder verteufelt und aufgibt, sondern ihm helfen will, wieder neu zu beginnen und aus seinen Fehlern zu lernen.
èEr öffnet die Augen dafür dass auch der andere (der Feind) Kind Gottes ist, Gott ein Anliegen ist.

èEr öffnet die Augen für die eigene Werthaftigkeit, für die eigenen Möglichkeiten, für die eigene Verantwortung

 

Bei seelischer Heilung geht es immer darum,

dass Menschen in ihrer Würde wahrgenommen und geachtet werden,

dass Menschen ihr eigenes ICH entdecken und entwickeln dürfen,

dass sie Liebe und Zuwendung,

aber auch Freiheit, Eigenständigkeit und Achtung erfahren,

dass sie ihre eigenen Möglichkeiten und ihre Verantwortung erkennen.

 

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Der Text der Einheitsübersetzung

Zusammenstellung von Manfred Hanglberger