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Vorschläge, um dem Neo-Faschismus vorzubeugen

 

Manche lehnen die biographische und psychologische Auseinandersetzung mit der Person von Adolf Hitler ab, weil sie befürchten, dass auf Grund seiner Kindheitsgeschichte sein böses Verhalten als etwas Zwangläufiges dargestellt werden könnte, dem zu entkommen er keine Chance hatte. Das würde dazu führen, ihn zu „ent-schuldigen“, ihn von Schuld frei zu sprechen. Aber das wäre dann die grundsätzliche  Aufkündigung der Freiheit und Verantwortung des Menschen. Das wäre eine andere Form einer radikalen „Ent-Würdigung“ der menschlichen Person. Schuld bleibt bestehen. Und die Fähigkeit, schuldig zu werden, gehört zur Freiheit der Person und damit zur Würde des Menschen.

 

Warum manche mit einer schlimmen Kindheit später trotzdem anständige Menschen geworden sind und warum andere mit einer belasteten Vergangenheit eine Verbrecherlaufbahn eingeschlagen haben, lässt sich wohl niemals ganz erklären, denn einerseits sind die Impulse, die einen Menschen in seinem Verhalten beeinflussen, vielfältiger als jede noch so genaue biographische Untersuchung ausfindig zu machen vermag und andererseits rechnen wir mit einem – sicher manchmal sehr kleinen – Spielraum von Freiheit, der jeder menschlichen Entscheidung zu Grunde liegt.

Aber es ist erwiesen, dass aus schlimmen Kindheitserfahrungen wie auch aus Erfahrungen großer Ungerechtigkeiten und Demütigungen im gesellschaftlichen Bereich sehr destruktive Verhaltensweisen bei einem Menschen entstehen können.

Deshalb bietet das Lebensschicksal von Diktatoren und Verbrechern aller Art ein wichtiges Lernfeld, um dem Phänomen des sogenannten Bösen in seinen Erscheinungsformen von Gewalt und Aggression, von Hass und Feindseligkeit näher zu kommen.

 

Wenn junge Menschen unserer Zeit nach Adolf Hitler fragen, dann sollten wir ihnen dessen Gräueltaten vor Augen führen, aber auch von seiner schrecklichen Kindheit mit häufigen sadistischen Schlägen und Demütigungen durch seinen Stiefvater berichten. Es sollte sichtbar werden, dass die seelische Angst und Verzweiflung, die seelischen Schmerzen und Ausweglosigkeiten, die jemand in der Kindheit und Jugendzeit erlebt hat, „zur Welt kommen wollen“. Dies entweder indem er jemand hat, dem er sie erzählen kann und der ihm echtes Mitgefühl und Anteilnahme entgegenbringt oder aber er ist in Gefahr, seine Gefühle zur Welt zu bringen, indem er anderen Menschen Ähnliches oder noch Schlimmeres antut als was er selbst erlebt hat. Da dies aber niemals seinen Schmerz tröstet, wird sein Verhalten grenzenlos werden können, je nachdem welche Möglichkeiten ihm zur Verfügung stehen: grenzenlos an Zahl der Opfer, grenzenlos an Dauer, grenzenlos in der Form der Grausamkeit.

 

Alte Schmerzen in einer nicht-destruktiven Weise zur Welt kommen lassen!

Aber wir sollten auch Beispiele anführen, dass es Menschen mit einer schlimmen Kindheit gibt, denen es später gelungen ist, bewusst einen anderen Weg einzuschlagen und verantwortungsvolle und rücksichtsvolle Menschen zu werden. Sind sie noch rechtzeitig einem Menschen begegnet, der ihnen Verständnis und Wertschätzung entgegenbrachte? Oder haben sie einen Menschen bewundert und als Vorbild genommen, der anders als ihre eignen Eltern ein gerechter und liebevoller Mensch war? Wir wissen es nicht.

Jedenfalls kann das Erzählen solcher Bespiele ein Impuls sein, durch eigenes, menschlich wertvolles Verhalten das moralische Empfinden zu stärken gegen eine Tendenz der Rücksichtslosigkeit und des Egoismus. Andererseits kann solches Erzählen die Aufmerksamkeit für psychische Zusammenhänge und Prozesse wecken, wie z.B. das Verhalten von Eltern sich auf das Leben und das Schicksal der Kinder auswirkt und welch große seelische Verantwortung Eltern deshalb für ihre Kinderund in Folge davon auch für das moralische Empfinden in der Gesellschaft haben.

Zudem kann für manche, die selbst unter problematischen Kindheitserfahrungen leiden, die Aufgabe deutlich werden, die alten Schmerzen in einer nicht destruktiven Weise zur Welt kommen zu lassen, sich mit dem Schicksal der Eltern auseinanderzusetzten, damit es gelingt, von ihren Fehlern zu lernen und sich konsequent vor einer evtl. noch vorhandenen negativen Einmischung zu schützen.

 

Die Resonanz ähnlicher seelischer Schmerzen

Aus all diesen Überlegungen ergeben sich Konsequenzen für den Umgang mit dem unan-genehmen Problem des Neofaschismus in unserer Zeit:

Da ist zum einen zu bedenken, dass es immer auch Menschen gibt, die bei einem Verbrecher dessen seelische Schmerzen aus seiner Kindheit unbewusst wahrnehmen und sich deshalb mit ihm solidarisieren und ihm durch eine Verhaltensnachahmung nahe zu sein versuchen.

Um dem im Fall von Adolf Hitler entgegen zu steuern, ist es wichtig, dessen Kindheitsschicksal zur Sprache bringen und den darin enthaltenen Schmerz zu würdigen, um eine negative Form der unbewussten Solidarisierung durch junge Menschen zu verhindern. Denn in der systemischen Psychologie ist bekannt, dass in einer Gemeinschaft von Menschen, in denen ein Mitglied mit starken seelischen Schmerzen, das aber aufgrund seines destruktiven Verhaltens von den anderen abgewertet und ausgegrenzt wird, trotzdem bei einzelnen Mitgliedern dieser Gemeinschaft Solidarität erfährt.

Hitler hat seine seelischen Schmerzen und die dadurch entstehenden extremen Minder-wertigkeitsgefühle durch Aggressivität und Gewalttätigkeit, durch Demütigung und Unter-drückung anderer Menschen und durch die Entwicklung extremer Feindbilder zu kompen-sieren versucht.

Sein Verhalten weckt in jungen Menschen, die selbst starke seelische Schmerzen auf Grund ihrer Kindheitserfahrungen in sich tragen und unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden, starke Begeisterung und Nachahmungsbereitschaft: Es den anderen zeigen wollen! Einschüchterung von Schwächeren, Diskriminierung von Randgruppen, Demonstration von Stärke und Gruppenzusammenhalt. Das alles soll das eigene innerer Leiden zudecken und vergessen machen!


Wie kann man dem gegensteuern?

Ein Mensch, der nur als schrecklich und abscheulich dargestellt wird, ist für manche seelisch belastete Menschen faszinierend und attraktiv! Er erscheint als Vorbild für das Ausdrücken-können von verdrängten Zorn- und Hassgefühlen, die sich aufgrund von Verletzungen und Ungerechtigkeiten in der Kindheit in einem aufgestaut haben. Kindheit und Verletzungen sind verdrängt; was vorhanden ist, ist das gewaltige Gefühl von Wut und oft auch tiefe Menschenverachtung, die einen Kanal suchen, sich auszudrücken.

Wird Hitler mit seiner von seelischen Schmerzen durchzogenen Kindheit dargestellt, der später aufgrund schrecklicher Minderwertigkeitsgefühle zu Grausamkeit und Perversion fähig wurde, wird es schwieriger, sich mit ihm zu identifizieren, weil man dann mit der eigenen schmerzhaften Kindheit in Kontakt gerät und Trauer und Mitgefühl stärken würden als Zorn und Arroganz. Echtes Mitleid befreit von der Tendenz, Hitler zu bewundern und ihm nachzufolgen. Seine Verteufelung allein aber weckt Attraktivität. Deshalb sollten in den Schulen nicht nur die politischen und militärischen Entscheidungen Adolf Hitlers unterrichtet werden, sondern auch sein persönlicher Familien-Stammbaum und seine Kindheitsgeschichte.

 

Gefährliche Dankbarkeit

Immer wieder begegnete ich in den letzten Jahrzehnten älteren Menschen, die in einem vertraulichen Gespräch eine gewisse Dankbarkeit gegenüber Hitler zum Ausdruck brachten. Da gab es nicht wenige Landwirte, die Anfang der Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts vor dem Konkurs standen und durch die Blut- und Boden-Politik Hitlers wirtschaftlich gerettet wurden. Da gab es Mütter, die durch die Mutter-Verherrlichung der Nazis sich mehr geehrt fühlten, als je zuvor in ihrem oft sehr belasteten Leben. Da waren Millionen Arbeitslose glücklich und zufrieden, dass es erstaunlich schnell wieder Arbeit und Lohn für sie gab und ihr Lebensunterhalt wieder gesichert war.

Leider durchschauen diese Menschen nicht, wie sehr alle Bereiche der nationalsozialistischen Politik ihrer wirtschaftlichen und militärischen Machtbasis dienen sollten und zum Teil nur durch eine verheerende Verschuldung möglich war, die man durch die Raubzüge des längst geplanten Krieges wie auch durch die Enteignung und Vernichtung der Juden wieder auszugleichen gedachte.

Aber allein die Beseitigung jener existentiellen wirtschaftlichen Ängste und jener tiefen Minderwertigkeitsgefühle, die sowohl durch die Arbeitslosigkeit wie auch durch die Demütigung durch den verlorenen ersten Weltkrieg und die darauf folgende Politik der Alliierten entstanden waren, beseitigt zu sehen, weckte große Begeisterung und Dankbarkeit in vielen Schichten der damaligen deutschen Bevölkerung.

Aber dieses Gefühl der Dankbarkeit ist eine bestehende seelische Energie, die sich nun in einem Teil der jüngeren Generation ausdrückt.

Auch eine positive Energie wie Dankbarkeit kann ja verdrängt werden, weil man sich aufgrund der weiteren politischen Entwicklung ihrer vielleicht schämt. Aber sie kann als seelische Energie trotzdem vorhanden bleiben und weil die Gefühle, die die Eltern verdrängen, in den Seelen ihrer Kinder und Enkelkinder landen können, kann dort eine Attraktivität für den Nationalsozialismus entstehen.

Auch wenn das, was als positiv von vielen Deutschen damals erlebt wurde, in einem negativem Zusammenhang stand, ist es trotzdem notwendig, das Positive anzuerkennen und zu würdigen, denn es besitzt eine eigene seelische Dynamik und kann noch in unserer Zeit eine gefährliche Solidarisierung mit dem Gesamten des Nationalsozialismus bewirken. Das Positive gilt es immer wahrzunehmen und zu achten, dann kann man es vom Negativen unterscheiden und sortieren.

 

Nachträgliches Verurteilen allein löst keine Probleme

Mit pauschalem Abwerten und Verteufeln kann man solche Probleme ebenso wenig lösen wie mit einem Verdrängen und Vergessen-wollen. Das gilt für ein Phänomen wie den Faschismus ebenso wie für gewalttätige fundamentalistisch-religiöse Bewegungen wie z.B. die Taliban.

„Urteilt nicht!“ In diesem Wort Jesu steckt eine ungeheure Herausforderung. Es fordert mehr Anstrengung in unserem Denken, mehr Bereitschaft zum Mitgefühl und reißt heraus aus selbstgerechter und bequemer Weltsicht. Es ist Wegweisung für eine menschenwürdigere Zukunft. Aber „Wegweisung“ bedeutet, dass es da einen geistig-seelischen wie auch einen engagierten gesellschaftlichen Weg zu gehen gilt – nicht stehen bleiben und zuschauen!

 

Aus: Manfred Hanglberger, „Sinnvoll leben“, Topos-plus-Taschenbuch, Pustet-Verlag, Regensburg 

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