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Atheismus und Familienschicksal

(Notwendigkeit des Dialogs von Theologie, Spiritualität und Psychologie!)

 

In der Seelsorge habe ich erlebt, dass Personen, die im Alter von ca. 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten waren, mit 30 bis 40 Jahren wieder eingetreten sind. Bei der Erforschung ihrer früheren Austrittsgründe stellte sich häufig heraus, dass sie ihre negative Vater-Erfahrung auf Gott projiziert hatten, aber inzwischen durch ihre reflektierten Lebens- und Glaubenserfahrungen es geschafft hatten, zwischen ihrem Vaterbild und ihrem Gottesbild zu unterscheiden – und so zum Glauben wieder zurückgefunden haben.

Aber was ist mit denen, die keine spirituellen Erfahrungen machen, durch die es ihnen gelingt, ihre Projektionen zu durchschauen und so zwischen ihrem Vaterbild und ihrem Gottesbild zu unterscheiden? Denn ich habe auch erlebt, dass manchen Menschen im hohen Alter diese Unterscheidung noch nicht gelungen war.

 

Wie entstehen diese Projektionen?

Da das Gottesbild in der jüdisch-christlichen Tradition sehr männlich geprägt ist, ist das Gottesbild vieler Menschen im Christentum unbewusst stark von den Erfahrungen mit dem eigenen Vater beeinflusst.

Wenn nun jemand als Kind von seinem Vater verlassen wurde

oder wenn dieser sehr unzuverlässig war

oder wenn dieser sehr schwach und bedürftig war

oder wenn dieser aggressiv, ungerecht und beleidigend war

oder wenn dieser durch seinen Beruf oder z. B durch einen Kriegseinsatz sehr viel abwesend war

oder wenn dieser früh gestorben ist und für das Kind deshalb als abwesend erfahren wurde,

dann kann es sein, dass das Gottesbild dieser Person durch solche Kindheitserfahrungen negativ geprägt ist oder dass diese Person mit Gott nichts anfangen kann und eine agnostische Einstellung entwickelt oder nicht glauben kann, dass es Gott gibt.

 

Glaubenszerstörende und Glauben-weckende Wirkungen einer „Vater-Verlust-Erfahrung“:

Wer z.B. als Kind den Vater verloren hatte und die Mutter das Wesen und die Dynamik des verstorbenen Ehemannes für die Kinder nicht seelisch lebendig vermitteln konnte, für den ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch Gott abwesend und nicht existent.

Aber wenn die Mutter es schaffte, den verstorbenen Ehemann so zu verabschieden und loszulassen, dass sie ihn in gewisser Weise seelisch für sich gegenwärtig erlebte und für die Kinder seine seelische Gegenwart erschließen konnte, dann ist es eher möglich, dass auch Gott für diese Kinder seelisch als gegenwärtig erlebt wird. Wer auf diese Weise vertraut wird mit der tröstenden und stärkenden seelischen Energie des Vaters als einer äußerlich abwesenden Person, der kann auch sensibler und wahrnehmungsfähiger für die seelischen Energien der Zuwendung, der Stärkung und Wegweisung werden, die von Gott kommen. Das sind dann oft ungewöhnlich tiefgläubige und spirituell sehr lebendige Menschen.

In solchen Fälle ist es ein entscheidender Unterschied, ob eine „Vater-Verlust-Erfahrung“ durch ein negatives Verhalten des Vaters verursacht ist oder aber durch ein schicksalhaft erfahrenes Geschehen wie dem Tod des Vaters - z.B. durch Unfall oder Krankheit.

Es gibt auch die Möglichkeit einer eigenen spirituellen Erfahrung von Kinder, von Heranwachsenden und auch erwachsenen Personen, die dazu führt, dass sie sich unabhängig von ihrer konkreten Vater-Erfahrung von Gott in ihrer Originalität wahrgenommen und bis ins Innerste ihres Wesens bejaht erfahren. Auch solche Menschen entwickeln oft ein sehr eigenständiges, mündiges und engagiertes Glaubensleben.

 

Der mögliche Hintergrund für fanatische und intolerante Gläubigkeit:
Nicht selten führt der Vater-Verlust bei einem Kind zu einer Vater-Sehnsucht, die auf Gott projiziert werden kann und dann zu einer starken kindlich-anhänglichen Gläubigkeit führt, die oft in der Unmündigkeit verharrt. D.h. gläubige Menschen dieser Art sind durch autoritäre Religionsführer leicht manipulierbar und lassen sich u.U. zu zwanghafter, zu fanatischer und intoleranter Gläubigkeit verführen.

Diese Manipulierbarkeit wird auch dadurch verursacht, weil der Verlust eines Elternteils für ein Kind noch nicht emotional verarbeitbar ist und ein Kind deshalb die extremen Gefühle von Schmerz und Trauer verdrängen muss. Diese Flucht vor der inneren Welt der Gefühle führt zu einem Verlust der moralischen Orientierung von innen und deshalb zu Unmündigkeit. Deshalb suchen solche Menschen Orientierung von außen und verfallen dann leicht den Thesen von selbstbewusst auftretenden Autoritäts­personen mit einfachen schwarz-weiß-Denkmustern. In moralischen Fragen und im gesellschaftspolitischen Bereich führt das zu extremen Freund-Feind-Bildern.

 

Unrealistische kindliche Schuldgefühle können große Selbstlosigkeit wecken.

Aber diese Sehnsuchtsgefühle, die auf Gott projiziert werden, können sich auch mit Schuldgefühlen vermischen; denn Kinder können starke Schuldgefühle entwickeln (die völlig unrealistisch sind), wenn sie ein Elternteil verloren haben. Kinder glauben nämlich in ihrer extrem subjektiven Wahrnehmung der Ereignisse um sie her, dass der Tod eines Elternteils mit ihrem eigenen Verhalten etwas zu tun haben müsse. Diese Vermischung von Sehnsuchtsgefühlen mit Schuldgefühlen führt gewöhnlich dazu, dass solche Menschen sehr treue und zuverlässige Mitglieder der Glaubensgemeinschaft werden und sie ihr Leben mit großer Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit im Einsatz für bedürftige Mitmenschen gestalten. Auch ihre Spendenbereitschaft ist meist enorm.

Andererseits kann solche selbstlose Liebe auch dadurch geweckt werden, wenn Menschen, die als Kinder ein Elternteil verloren haben, eine sehr lebendige Beziehung zu diesem verstorbenen Vater, bzw. zu dieser Mutter in der Ewigkeit pflegen. Solche Beziehungen zur jenseitigen Welt relativieren die materiellen Wünsche und die kleinlichen Konflikte dieser Welt. Dadurch wird man empfindsam und frei für die wesentlichen Werte und Probleme dieser Welt.

 

Negative Mutter-Erfahrung auf Gott projiziert?

Bei einer sehr dominanten Mutter kann auch die negative Erfahrung, die ein Kind mit der Mutter macht, auf Gott projiziert werden und dadurch die Beziehung zu Gott beschädigt sein. Hier spielt nicht das Vater-Gottesbild die entscheidende Rolle, sondern die Autoritätsrolle, die in Gott gesehen wird und die von der negativen Ausübung der Autorität durch die Mutter überlagert wird.

 

Wenn das Gottesbild der Eltern auf das Kind negative Wirkungen hat.

Auch wenn die Art der Gläubigkeit von Vater oder Mutter für ein Kind entmündigende und Angst machende Wirkungen hat, d.h. wenn das Gottesbild, das im Leben der Eltern lebendig ist und das sie dem Kind vermitteln, solche negative Wirkungen hat, kann dies ein Grund dafür sein, dass dieses Kind später Gott ablehnt und atheistisch wird.

Auch in diesem Fall ist die entscheidende Frage, ob das Kind irgendwann in seinem Leben spirituelle Erfahrungen macht, die es ihm ermöglichen, das Gottesbild der Eltern kritisch zu durchschauen und zu einem eigenen gesunden, d.h. befreienden, ermutigenden und lebensbejahenden Gottesbild zu finden.

 

Negatives Gottesbild durch kirchliche Verkündigung?

Wo das bevormundende und Angst machende Gottesbild der Eltern durch die kirchliche Verkündigung geprägt worden ist, ist es notwendig, dass entsprechende kirchliche Buß-Gottesdienste oder „Kirchentrauertage“ durch die Kirchenleitung abgehalten werden, um das Gottesbild der kirchlichen Verkündigung zu reinigen (z.B. durch die Erklärung der Zeitbedingtheit vieler problematischer biblischer Gottesbilder!) und um auf diese Weise vielen enttäuschten Gläubigen und Kirchendistanzierten wieder eine Tür zu einem gesunden Glauben zu öffnen.

 

Diese Ausführungen erhaben keinen Anspruch darauf, die Auswirkungen von Eltern-Verlust-Erfahrungen auf Kinder und die Entstehung atheistischer Lebenseinstellungen umfassend dargestellt zu haben. Aber einige typische und wesentliche Zusammenhänge sollen hier sichtbar gemacht werden.

 

Siehe meine Vorschläge an die Kirchenleitung:
>>> Kirchentrauertage

>>> Hat die Kirchenleitung ihre Hausaufgaben gemacht?

>>> Glaubenskrise durch die Kirche verursacht!

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

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