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Warum ein religiöser Ritus für eine Tierbestattung?

 

Vor einigen Jahren stand an der Tür zu meinem Pfarramt eine Frau mit ihrem toten Hund in den Armen und sagte mir, dass sie gehört habe, dass ich manchmal Segensgottesdienste für Tiere halte; deshalb ist sie nun mit ihrem Hund, der in der vergangenen Nacht gestorben war, 35 Kilometer zu meiner Pfarrei gefahren, um mich zu bitten, ein Segenswort auch für ihren toten Hund zu sprechen, bevor er beerdigt wird.

Ich war sehr berührt von der Bitte dieser Frau und habe ihr natürlich ihren Wunsch erfüllt.

Zwei Jahre später besuchte mich ein kinderloses Ehepaar und bat mich, einen kleinen Abschiedsritus für ihren verstorbenen Hund zu halten, der in den nächsten Tagen eingeäschert werden sollte. Sie wollten mit der Urne dann zu mir kommen, um getröstet mit Gebeten ihren Hund zu verabschieden. Das Paar ist zweimal aus 70 Kilometer Entfernung in meine Pfarrei gefahren.

Nicht zuletzt durch den Tod unserer Hauskatze, die meine Haushälterin mit ins Pfarrhaus gebracht hatte, wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, die seelischen Schmerzen der Menschen beim Tod eines „vierbeinigen Familienmitglieds“ seelsorglich ernst zu nehmen. Ich war doch sehr betroffen, wie gewaltig der Abschiedsschmerz mich belastete, als unser geliebter „Tiger“ im Alter von 18 Jahren gestorben war.

Diese Erlebnisse bewogen mich, mich intensiver damit zu beschäftigen, was die Menschen, die Jahre lang liebevoll mit einem Haustier zusammen leben, innerlich mit diesen verbindet, und andererseits, wie die Tiere und auch ihr Tod in unserem christlichen Glauben zu sehen sind. Dabei stieß ich auf kirchliche Lehraussagen zur „Theologie der Tiere“:

 

 

Kirchliche Lehraussagen zur Theologie der Tiere

 

In Deutschland gibt es – Gott sei Dank – seit einigen Jahren gute lehramtliche Verlautbarungen seitens der katholischen und evangelischen Kirchen in folgenden Dokumenten:

· 1980 von den katholischen Bischöfen das Dokument „Zukunft der Schöpfung – Zukunft der Menschheit“.

· 1985 das gemeinsame Dokument der katholischen und evangelischen Kirchen in Deutschland: „Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung“.

· 1993 eine „Arbeitshilfe“ vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema: „Die Verantwortung des Menschen für das Tier“

Im Dokument von 1985 sind vier theologische Aussagen enthalten, die einen wesentlichen Wandel in der Sicht der Christen beinhalten, was die Tiere betrifft:

1.    Die Schöpfungsgeschichte (erkennt) das Tier als beseeltes Lebewesen an. (Kap 52)

2.    Tiere haben ihren Sinn und ihren Wert gerade auch in ihrem bloßen Dasein, ihrer Schönheit und ihrem Reichtum. (Kap 65)
Der Mensch ist gehalten, den Eigenwert seiner Mitgeschöpfe zu achten (Kap 65)

3.    Die Erlösungstat Jesu Christi erstreckt sich nicht nur auf den Menschen, sondern auf alle Kreatur.(Kap 61)

4.    Die Hoffnung der Auferstehung schafft eine Hoffnung für diese Welt; in sie ist die nichtmenschliche Kreatur mit einbezogen. (Kap 60)

 

Weitere wichtige theologische Zitate aus den genannten kirchlichen Verlautbarungen habe ich im Folgenden zusammengestellt:

 

Die Tiere in der neuen Sicht der Kirche:

 

1. Tiere sind als Tiere erschaffen, nicht bloß Nahrungsmittel, Ausbeutungsobjekte oder Ware zum Kaufen oder Verkaufen.

2. Tiere sind fühlende Wesen; sie sollen leben können, nicht nur um der Nützlichkeit für den Menschen willen, sondern um der Schönheit der Schöpfung willen, einfach um zu leben und da zu sein.

3. Der Mensch soll wieder Sinn gewinnen für die Schönheit dessen, was er nicht berührt und nicht benutzt.

4. Der Mensch hat die Aufgabe, die Vielfalt der Arten in der Pflanzen- und Tierwelt zu bewahren und zu schützen.

5. Der Mensch ist berechtigt, Leistungen und Leben der Tiere in Anspruch zu nehmen. Es ist jedoch nicht zu verantworten, dass Tiere bloß zum Vergnügen oder zur Herstellung von Luxusprodukten gequält oder getötet werden.

6. Wir Christen erfahren die innigste Verbindung mit dem liebenden Gott und mit der vom ihm geliebten Schöpfung am selben Punkt: Dieser Punkt ist die Eucharistie.

7. Der Wert eines Tieres geht über die bloße Nützlichkeit seiner Leistung hinaus; das Tier besitzt einen Eigenwert vor Gott, den der Mensch zu respektieren hat.

8. Das Ziel der Wege Gottes ist die Erneuerung der ganzen Schöpfung.

9. Die Christen müssen jenes neue Denken anstoßen, das zu einem sensibleren Verhältnis der Menschheit zur Natur führt.

 

Die vollständigen Texte der Dokumente im Internet:

 

„Zukunft der Schöpfung – Zukunft der Menschheit“ 1980
Zum DOWNLOAD:
http://www.dbk-shop.de/de/Deutsche-Bischofskonferenz/Die-deutschen-Bischoefe/Hirtenschreiben-und-Erklaerungen/Zukunft-der-Schoepfung-Zukunft-der-Menschheit.html

 

„Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung“ 1985

Zur Bestellung:
http://www.dbk-shop.de/de/Deutsche-Bischofskonferenz/Arbeitshilfen/Verantwortung-wahrnehmen-fuer-die-Schoepfung.html

Zum Lesen auf der Website der EKD:
http://www.ekd.de/umwelt/6078.html

 

„Die Verantwortung des Menschen für das Tier“ 1993
(Eine Arbeitshilfe des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz)
Zum DOWNLOAD: >>>

 

 

Nun hat 2015 Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ ebenfalls ähnliche Glaubensaussagen über die „anderen Lebewesen“ formuliert wie die deutschen Bischöfe vor gut 30 Jahren:
 (Kapitel-Angaben in Klammern)

 

(Wir) sind … aufgerufen zu erkennen, dass die anderen Lebewesen vor Gott einen Eigenwert besitzen. (69)

 

Es wäre irrig zu denken, dass die anderen Lebewesen als bloße Objekte angesehen werden müssen, die der willkürlichen Herrschaft des Menschen unterworfen sind. (82)

 

Alle (Geschöpfe) gehen mit uns und durch uns voran auf das gemeinsame Ziel zu, das Gott ist, in einer transzendenten Fülle, wo der auferstandene Christus alles umgreift und erleuchtet. Denn der Mensch, der mit Intelligenz und Liebe begabt ist und durch die Fülle Christi angezogen wird, ist berufen, alle Geschöpfe zu ihrem Schöpfer zurückzuführen. (83)

 

Sämtliche Geschöpfe des Universums, da sie von ein und demselben Vater erschaffen wurden, (sind) durch unsichtbare Bande verbunden … und wir alle miteinander (bilden) eine Art universale Familie, eine sublime Gemeinschaft, die uns zu einem heiligen, liebevollen und demütigen Respekt bewegt.(89)

 

Jesus übernimmt den biblischen Glauben an den Schöpfergott und betont etwas Grundlegendes:
Gott ist Vater (Vgl. Mt 11,25). In den Gesprächen mit seinen Jüngern forderte Jesus sie auf, die väterliche Beziehung zu erkennen, die Gott zu allen Geschöpfen hat, … (96)

 

Wenn jemand im Evangelium liest, dass Jesus von den Vögeln spricht und sagt, dass „Gott nicht einen von ihnen vergisst“ (Lk 12,6), wird er dann fähig sein, sie schlecht zu behandeln oder ihnen Schaden zuzufügen? (221)

 

Am Ende werden wir …das Geheimnis des Universums verstehen, das mit uns an der Fülle ohne Ende teilhaben wird. …Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen … wird, … (243)

 

Wir wissen, dass all das Gute, das es (im Haus der Schöpfung) gibt, einst in das himmlische Fest aufgenommen wird. (244)

 

Lehre uns, den Wert von allen Dingen zu entdecken und voll Bewunderung zu betrachten; zu erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind mit allen Geschöpfen auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht. (246 Gebet für unsere Erde)

 

>>> Zum vollständigen Dokument „Laudato si“

 

 

Zusammenfassung meiner Gründe für die Veröffentlichung eines religiösen Bestattungsritus für Tiere:

 

1.  Als Hilfe für den Trauerschmerz von Menschen, die ein geliebtes Tier durch Tod verloren haben. Als Seelsorger weiß man sich bei allen starken belastenden Gefühlen der Menschen herausgefordert, die spezifischen Hilfen des Glaubens anzubieten.

2.  Es ist eine seelische Verbindung zwischen Mensch und Tier über deren Tod hinaus zu spüren.

3.  Die neueren Glaubensaussagen der Bischöfe Deutschlands wie auch des Papstes über die Tiere, in denen alte Schätze des Glaubens zur Sprache gebracht werden, zeigen, dass auch die Tiere zur Heilsgeschichte Gottes mit seiner Schöpfung dazugehören.

4.  Die Tiere werden als beseelte Wesen anerkannt und sind in die zentralen Aussagen des christlichen Glaubens über Schöpfung, Erlösung und Vollendung eingebunden.

5.  Da der praktische Umgang mit den Tieren bei uns und weltweit den Glaubensaussagen der Kirche in vielen Bereichen eklatant widerspricht, können diese Gebete das Bewusstsein für den Wert und Sinn des Lebens der Tiere bei vielen Menschen wecken.

6.  Da selbst bei den gläubigen Christen die Glaubensaussagen der Kirche über die Tiere weitgehend unbekannt sind, können diese durch diesen Bestattungsritus hoffentlich stärker ins Bewusstsein rücken.

7.  Da auch innerhalb der Kirche so wertvolle und grundlegende Glaubensdokumente wie „Laudato si“ oft schnell wieder in Vergessenheit geraten können, ist es wichtig, dass zeitgemäße Glaubensdokumente zu einer „gebeteten Theologie“ formuliert werden. Nur wenn ein zeitgemäßer Glaube auch die persönliche Spiritualität der Christen prägt, wird er langfristig auch deren Handeln bestimmen.

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfed.de)

 

>>> Buch-Info „Trauergebete, Traueransprachen“ (Im Anhang mit Bestattungsritus für Tiere)

>>> Presse-Artikel in der „Donau-Post“: Betrachtungen zur „Theologie der Tiere“

>>> 30 Gebete: formuliert aus dem Geist von „LAUDATO SI“

>>> Zitate-Zusammenstellung aus „LAUDATO SI“

>>> Zitate über die Tiere in „LAUDATO SI“ in anderen Sprachen

>>> Tier-Seiten in meiner Homepage (Mit Hilfen für den Religionsunterricht in der Grundschule)

>>> Viele praktische Hilfen für die christliche Praxis und kirchliche Bildungsarbeit (Von den Dt. Bischöfen)

>>> Verzeichnis aller Gebete in meiner Homepage

 

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