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Der Tränen-See

Botschaft an ein Kind, das der Oma seelisch beizustehen versucht

und der Oma die Tür öffnet, sich in die Familie einzumischen

 

Schau, die Oma war noch klein, als ihr Vater im Krieg gefallen ist, es war schwer für sie, ohne Papa aufzuwachsen.

Deshalb ist sie vielleicht heute oft noch sehr traurig und möchte am liebsten weinen. Sie war ja damals erst ein Jahr alt und konnte das alles noch nicht verstehen, sie konnte nicht einmal ans Grab gehen und zu ihrem Papa Ade sagen und konnte nicht verstehen, dass er jetzt bei Gott ist, aber auch unsichtbar in unserer Welt dableibt und uns ganz nahe ist, wenn wir an ihn denken;

niemand verlässt die Welt ganz, sondern bleibt unsichtbar bei den Menschen, die ihn gern haben.

 

Als ich klein war, habe ich geglaubt, dass ich der Oma (meiner Mutter) helfen kann, aus ihrer Traurigkeit herauszukommen, viele Jahre habe ich es versucht, aber ich habe es nie lange geschafft. Kein Kind kann den inneren Tränen-See der (Oma) Mutter austrocknen. Nur eine kleine Weile ablenken kann man sie als Kind von ihrer Traurigkeit.

 

Das ist lieb von dir, wie du der Oma helfen willst und sie trösten willst.

Eigentlich müsstest du ihr den Papa ersetzen, dazu müsstest du der Ur-Opa werden und sie müsste noch einmal ein Kind werden; ob das geht? Ich glaube nicht.

Vielleicht möchte die Oma wirklich nochmal ein Kind sein und die Tränen weinen, die sie damals nicht geweint hat.

 

Kleine Kinder trauen sich nämlich manchmal nicht, zu viel zu weinen, weil sie Angst haben, dass aus den Tränen ein riesen-großer Tränen-See wird, in dem man untergehen könnte, oder der einfach über einem hinwegfließt und dann sieht man nichts mehr von der Welt.

Deshalb haben kleine Kinder manchmal Angst vor zu viel Tränen, denn die können wie ein Wasserschleier vor den Augen werden, der es uns schwer macht, die Welt zu sehen.

 

Aber die Tränen, die wir nicht weinen, sammeln sich in einem großen Tränen-See in unserem Inneren, in unserer Seele.

Und manchmal fließt er über und fließt dann über unsere Augen heraus und das Gesicht herab.
Und dann muß man immer wieder weinen und traurig sein.

Man kann den Tränen-See nicht einfach ausschöpfen oder ausleeren.

Der traurige Mensch muß selbst vorsichtig in den Tränen-See hineinsteigen und eintauchen bis zum Hals und einige Zeit so im Tränen-See baden und spüren, dass jeder Tropfen eine große Traurigkeit enthält, aber dann muß man hochschauen zur Sonne und die Sonne bitten, dass sie den Tränen-See austrocknet.

Und dann wird die Sonne ganz freundlich auf die Erde schauen und sie wird die Bäume und Blumen bitten, ihr zu helfen.

Und dann werden die Bäume und Blumen mit ihren Wurzel beginnen, das Wasser aus dem Tränen-See zu saugen und die Strahlen der Sonne werden das Wasser des Tränen-Sees warm machen, dass es zu verdunsten beginnt und als kleine lustige Wolken am Himmel erscheint.

Und so wird der Tränen-See langsam ausgetrocknet und die Bäume und die Blumen um ihn herum wachsen und blühen wie nie zuvor, weil der Tränen-See überall das Erdreich locker und feucht gemacht hat.

Und dann ist die Zeit da, dass die Oma nur noch ganz selten traurig ist und nur ganz selten weinen muss, nur dann vielleicht,, wenn auch der Himmel weint, damit die Erde nicht ganz austrocknet.

Aber die Blumen und Gräser der Seele freuen sich, wenn die Menschen ihre Tränen zur rechten Zeit weinen, und dann laden sie sie ein, wieder fröhlich zu sein und sich am Leben zu freuen und die vielen schönen Dinge in der Welt wieder zu sehen.

 

Und der Ur-Opa, um den die Oma geweint hat, dem geht es jetzt gut, der ist bei Gott und fühlt sich dort pudelwohl und schaut gemeinsam mit Gott uns zu, was wir machen auf dieser Welt, und er freut sich mit uns, wenn wir fröhlich sind.

 

Aus: „Geburt des ICH – Wie die Seele zur Welt kommt“ von Manfred Hanglberger, Pustet-Verlag (www.hanglberger-manfred.de)

 

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