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Problematische Vorstellungen zum Thema Schuld und Sünde:

Aus: „Ich bin schuld! – Der sinnvolle Umgang mit Schuldgefühlen“ von Manfred Hanglberger (mit Ergänzungen), Bücher Pustet =>

1. Alles Leid in der Welt sei Strafe Gottes für menschliche Sünden oder sei Prüfung durch Gott.

Eine zeitgemäße Interpretation der entsprechenden Bibelstellen auf der Grundlage der historisch-kritischen Forschung ist notwendig. Die Erkenntnis der „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ (II. Vatikanum) macht deutlich, dass die Freiheit in der Natur vieles möglich macht, was nicht direkt von Gott (als Strafe oder Prüfung) gesteuert ist.

2. Es sei das wichtigste Ziel christlichen Lebens, möglichst sündenlos zu leben und deshalb sei es das wichtigste christliche Bemühen, auf Sündenvermeidung zu achten.

Das Bemühen um Lebenssinn-Findung und -Verwirklichung, um Selbsterkenntnis und liebevolle und verantwort­ungsvolle Weltgestaltung hat Vorrang.

Auch bei verantwortungsvoller Weltgestaltung trifft man manchmal falsche Entscheidungen und wird dadurch schuldig. Aber besser zu handeln und das Risiko der Schuld auf sich nehmen als nichts zu tun!

Sündenvermeidung als wichtigstes Ziel verführt zu Passivität („sich die Hände nicht schmutzig machen“?).

3.  Nicht nur Schuldgefühle, auch Schuld könne man „losbekommen“.
Man könne von tatsächlicher Schuld „losgesprochen“ werden.

Es gilt, Schuld anzunehmen und für ihre Folgen die Verantwortung zu tragen; aber dann auch – wenn nötig mit Gottes Hilfe – die Wege des Neubeginns, der Versöhnung, der Heilung und der Lernbereitschaft zu suchen und zu gehen.

4. Durch Reue und „Lossprechung“ könne man einen früheren Zustand wieder herstellen.

Schuldhaftes, verletzendes Handeln hinterlässt oft seelische „Narben“, es verändert des Netzwerkes der Beziehungen, in die unser Leben hinein verwoben ist. Je nach Umständen und je nach Qualität des Versöhnungsweges kann die Veränderung, die ein schuldhaftes Verhalten bewirkt hat, negative aber auch positive Folgen haben.

5. Nach einer guten Beichte sei man wieder „sündenlos“ und seelisch völlig „rein“.

In den reichen und privilegierten Ländern sind wir – bewusst oder unbewusst – immer in einem Netzwerk von Schuldverstrickung weltwirtschaftlicher und ökologischer Art gefangen. Zudem haben viele – sogar gut gemeinte – Verhaltensweisen im Alltag negative Auswirkungen, die uns nicht bewusst sind. Es geht nicht um „Reinheit“, sondern um Vertiefung der Schuld-Einsicht, um Versöhnung und Verbesserung.

6. Schuld habe immer mit der Übertretung von Geboten Gottes zu tun und damit immer direkt mit Gott „Gegen dich allein habe ich gesündigt“, Psalm 51,6

Viele belastenden Verhaltensweisen im Alltag sind Probleme, die die Menschen mit gutem Willen und ehrlicher Auseinandersetzung untereinander lösen können, ohne gleich an Gott denken zu müssen. Nicht selten mag ein Gebet um die rechten Worte und um eine achtungsvolle Einstellung zum Konfliktpartner hilfreich sein.

7. Jede Schuld könne nur Gott verzeihen. Deshalb müsse man in erster Linie zu einem Pfarrer zum Beichten gehen.

„Versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“: Wenn möglich, sollte man in erster Linie bei dem Menschen zum Beichten gehen, an dem man schuldig geworden ist. Wenn dies nicht möglich oder nicht ausreichend ist, sollte man die Möglichkeit der Beichte in Anspruch nehmen.

8. Als Christ müsse man so schnell wie möglich verzeihen. Je schnellere Verzeihung, desto moralisch wertvoller.

Allzu schnelle Versöhnungsgesten können oberflächlich sein und unbewusste Ursachen von Fehlverhalten und Konflikten zudecken. Gute Versöhnung braucht manchmal eine längere Klärung, braucht Gespräche, vielleicht eine deutliche Konfrontation und ein Hinspüren auf die unbewussten Hintergründe unseres Verhaltens. Manchmal ist Versöhnung (noch) nicht möglich.

9. Sünden seien in erster Linie Übertretungen von religiösen Geboten und deshalb haben Christen sich in erster Linie um die gehorsame Einhaltung von Geboten und Verboten zu bemühen.

Gebote und Verbote sind eine Art hilfreicher seelischer Straßenschilder und Wegweiser, aber nicht der Sinn und das Ziel des Lebens. Das Bemühen um Lebenssinn und um Lebenswerte hat dem gegenüber Vorrang. Lebenssinn hat nichts mit Gehorsam gegenüber einem religiösen Vorschriftenkatalog zu tun, sondern vielmehr mit einer mündigen, umsichtigen und liebevollen „Verwalter-Tätigkeit“ für das, was uns anvertraut ist.

10. Die Sünde trenne den Menschen von Gott.

In Jesus Christus wird sichtbar (“geoffenbart“), dass Gott auf der Seite des Sünders steht, um ihm zu helfen, aus seinen Schuldproblemen herauszufinden.

11. Zorn und Streit seien Sünde, seien ein unmoralisches Verhalten, das es zu vermeiden gilt.

Es gilt, konstruktive Formen von Streit und Zornäußerungen zu praktizieren, dann sind Zorn und Streit im menschlichen Leben natürlich und sinnvoll.

12. Mit einer guten und ehrlichen Gewissenserforschung könne man alle seine Sünden erkennen, um sie dann auch zu beichten.

Schon der alttestamentliche Psalmbeter spricht von „Sünden, die mir nicht bewusst sind“. Es ist eine Illusion zu meinen, man könne alle eigenen Fehlverhalten erkennen und deren Auswirkungen wahrnehmen. Eine wichtige Hilfe, diese „Blindheit“ ein wenig aufzuhellen, ist es, Mitmenschen um Kritik zu bitten bzw. eine ehrliche und konstruktive Kritik-Kultur im alltäglichen Zusammenleben zu pflegen. Deshalb sollten Kinder bei der katechetischen Vorbereitung auf die Beichte nicht nur lernen, wie man eine gute Gewissenserforschung macht, sondern auch wie man untereinander konstruktive Kritik übt.

13. Das Gewissen sei ein zuverlässiger Sensor für Schuld und Unschuld.

So wertvoll und wichtig ein empfindsames Gewissen ist – aber wir können Schuldgefühle haben, obwohl wir unschuldig sind, und wir können uns unschuldig fühlen, obwohl wir Schuld auf uns geladen haben. Oft braucht es Kritik, Nachdenken und Informationen beispielsweise ökologischer, politischer, weltwirtschaftlicher, medizinischer oder psychologischer Art, um schuldhaftes Verhalten zu erkennen.

Gewissensbildung ist deshalb eine grundlegende und lebenslange Aufgabe für jeden Menschen, der ein sinnvolles und verantwortungsvolles Leben führen will!

 

Eine Bitte an die Kirchenleitung:
Eine zeitgemäße Glaubenslehre zum Thema „Psychologie und Glaube“ erarbeiten,
um einen zeitgemäßen Umgang mit Schuld und Sünde anbieten zu können.

 

Manfred Hanglberger www.hanglberger-manfred.de

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