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Pirkensee, 9.12.1992
An
Herrn Weihbischof Wilhelm
Schraml
Bischöfl. Ordinariat
Niedermünstergasse 1
8400 Regensburg
Sehr geehrter Herr
Weihbischof Schraml,
noch am Abend des 6.11.1992,
an dem wir unser erstes Gespräch über den Taufritus, der derzeit in Pirkensee
Verwendung findet, führten, habe ich versucht, das Gespräch nachträglich zu
protokollieren, soweit es meine Erinnerung zuließ.
Diese Aufzeichnungen erheben
keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sind vielleicht sehr aus meiner
persönlichen Sicht der Dinge formuliert.
Ich bitte Sie in Absprache
mit mir um eine evtl. Ergänzung bzw. Klarstellung dieser Notizen, wenn es
Ihrer Meinung nach notwendig sein sollte.
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Hanglberger
Da es auf dieses Schreiben keine Reaktion von Weihbischof
Schraml gab,
ging ich davon aus, dass die folgenden Gesprächsnotizen in Ordnung sind
Nachträgliche Notizen zum Gespräch zwischen Weihbischof
Wilhelm Schraml und Pfr. Manfred Hanglberger
Am Freitag
6.11.1992 von 10.00 Uhr bis 12.20 Uhr
1. Der Weihbischof sagte,
dass er als Vorsitzender der Liturgiekommission, im Auftrag des Bischofs und
im Auftrag der Ordinariatsversammlung dieses Gespräch führe.
2. Das bereits telefonisch
angekündigte Gesprächsthema sollte der in der Pfarrkuratie Pirkensee
verwendete Taufritus sein.
3. M.Hanglberger bedankte
sich für die Möglichkeit zu diesem Gespräch. Er hatte bereits vor 5 und 6
Jahren zweimal schriftlich und dreimal mündlich um ein klärendes
theologisches und pastorales Gespräch den damaligen Generalvikar ohne Erfolg
gebeten.
4. Die Frage von
M.Hanglberger, wie für den Weihbischof ein optimales Gesprächsergebnis
aussehen könnte, konnte dieser noch nicht beantworten.
5. M.Hanglberger erklärte,
dass pastorale Defizite und theologische Einseitigkeiten im offiziellen
Taufritus die Ursache dafür seien, warum ein textlich und theologisch
überarbeiteter Taufritus in Pirkensee verwendet werde. Er betonte aber auch,
dass er den neuen Taufritus als Versuch verstehe, der noch nicht vollständig
sei und sicher weiterer Verbesserungen bedürfe. Der vorliegende Versuch sei
aber nach seiner Meinung theologisch und pastoral besser als der offizielle
Ritus.
6. M.Hanglberger fragte den
Weihbischof, wie es ihm mit dem herkömmlichen Ritus als Zelebrant ergehe. Der
Weihbischof sagte, er habe damit keine Schwierigkeiten.
7. Als Hauptkritikpunkte am
alten Ritus führte M.Hanglberger folgendes an:
- die Formulierung Seite 58: "Entreiße (dieses Kind) jetzt und immer
wieder der Macht des Satans", bringe eine theologische Grundlinie zum
Ausdruck, die nach seiner Meinung vorkonziliar, dogmatisch überholt und
pastoral unerträglich sei.
- manche Gebete und Texte wie z.B. Nr. 9 und Nr. 15 seien theologisch und
spirituell wenig aussagekräftig.
- das Erlösungsverständnis des Ritus sei nicht auf dem Niveau der
Erlösungsenzyklika REDEMPTOR HOMMINIS von Papst Johannes Paul II. aus dem
Jahre 1979.
- der Ritus erfülle zu wenig den Auftrag des II. Vat. Konzils, den
katholischen Glauben in einer zeitgemäßen Sprache zum Ausdruck zu bringen.
- Taufgottesdienste sind meist für einen Großteil der Mitfeiernden
missionarische Situationen; weder Sprache noch theologische Grundlinien des
Ritus tragen dem genügend Rechnung.
- auch ein christliches Berufungs- und Sendungsverständnis für "das Heil
der Welt" sei nicht enthalten.
- der offizielle Ritus baue zu wenig auf der bisherigen Glaubens- und
Lebensgeschichte der Menschen auf und sei deswegen zu wenig inkarnatorisch
orientiert.
- die psychodynamische Situation der Eltern in ihrer Beziehung zu einem
kleinen Kind würde zu wenig als Heils- und Gefährdungssituation konkret
ernstgenommen.
- die Allmächtigkeit Gottes wird im gesamten Ritus extrem überbetont und
bringt in dieser Einseitigkeit ein überholtes Verständnis vom Wirken Gottes
in der Welt zum Ausdruck, für das M.Hanglberger ein Zitat aus dem ersten
Hirtenwort von Erzbischof Josef Frings von Köln aus dem Jahre 1942 als
Beispiel anführte:
"Gottes Hand liegt schwer auf uns: er reißt das Erdreich unseres
Volkes, unserer Seelen auf mit einer furchtbar schneidenden Pflugschar. Es
muß wohl schon so sein, dass die Völker den allheiligen Gott schwer erzürnt
haben.
Da ist wahrhaft notwendig, dass Priester und Bischöfe reine Hände erheben zum
Himmel, um Gottes Zorn zu versöhnen und Abkürzung der Leidenszeit zu
erflehen, dass sie das Opfer des Bundes immerfort darbringen, um Gottes
Majestät zu versöhnen."
- der Ritus, der in Pirkensee Verwendung findet, versuche diesen Anliegen
bzw. Defiziten Rechnung zu tragen.
8. M.Hanglberger richtete
die dringende Bitte an den Weihbischof, über die Kirchenleitung offiziell
klären zulassen, wie sich die Gläubigen heute
- das Wirken Gottes in Natur und Evolution,
- in gesellschaftlichen Ereignissen und Katastrophen
- und in der Psychodynamik und Biographie des einzelnen Menschen zeitgemäß
vorstellen können.
9. Als weitere
problematische Gebetstexte der Kirche erwähnte M.Hanglberger das SALVE REGINA
("Wir verbannte Kinder Evas") und das Schlussgebet Seite 1108 im
Meßbuch: "Um des Leidens Christi willen wende die Geisel deines
Zornes ab, die wir für unsere Sünden verdienen."
10. Der Weihbischof gestand
zu, dass manche Schlussorationen problematisch seien und Neuerungen
angebracht wären.
Außerdem erlaubte er M.Hanglberger, in seinem Dekanat den Mitbrüdern zu
sagen, bei Priesterbeerdigungen und ähnlichen Anlässen sollte statt des
"Salve Regina" das "Magnifikat" gesungen werden.
11. Die Hauptkritikpunkte
von Weihbischof Schraml am Text des Taufritus von M.Hanglberger:
- Das erste Ziel des Taufsakraments sei die Eingliederung der Gläubigen in
die Kirche, davon komme in diesem Taufritus nichts vor.
- Hanglberger meinte dazu, dass das erste Ziel eines jeden Sakramentes nach
dem Kirchenverständnis des Konzils die Einheit mit Gott und die Einheit mit
der ganzen Menschheit sei, dass zudem das Kirchenverständnis des offiziellen
Taufritus nicht unproblematisch sei, weil es nicht das Niveau des
Kirchenverständnisses der Konzilstexte zum Ausdruck bringe; er verwies in
diesem Zusammenhang auf die vorkonziliaren Bilder von der Kirche als
"Burg" und "Schiff" gegenüber dem konziliaren Bild vom
"Volk Gottes unterwegs" und vom "Zeichen und Werkzeug
...".
- Zudem kommt "Volk Gottes" und "Gemeinschaft der
Gläubigen" im neuen Text vor und wird von Hanglberger auch bei der
Begrüßung mündlich verwendet.
Er erklärte sich aber bereit zu versuchen, es noch öfter in den Text
aufzunehmen.
- Das Versprechen des Taufpaten, das Kind zu einem "gläubigen
Christen" zu erziehen sei ersetzt durch "vertrauender und liebender
Mensch".
Man brauche also zu diesem Taufritus keinen Glauben sondern nur
Menschlichkeit.
Hanglberger verwies darauf, dass es ihm um die inhaltliche Klarstellung von
Gläubigkeit gehe und im weiteren Text deutlich werde, dass Gott der Ursprung
von diesen seelischen Kräften sei und darum die spirituelle Dimension gewahrt
bleibe. Er sei aber bereit, diese noch deutlicher zum Ausdruck bringen zu
wollen.
- Das Kind solle auf die Worte der Menschen und auf die Ereignisse seines
Lebens hinzuhören lernen. Dies sei eine Verkümmerung, da es auf das Wort
Gottes zu hören gelte.
Hanglberger meinte, es entspreche ignatianischer Spiritualität, in der
eigenen Lebensgeschichte und Lebenserfahrung Gottes Stimme vernehmen zu
lernen.
- Das Glaubensbekenntnis der Kirche fehle völlig in diesem Text.
Hanglberger verwies dazu auf das problematische Verständnis vom
"allmächtigen Gott", erklärte aber, dass dieser Taufritus noch
nicht vollständig sei und er an diesem Punkt noch am Arbeiten sei.
- Beim Taufversprechen komme kein Erlösungsverständnis durch den Kreuzestod
Christi vor.
Hanglberger wies auf das Erlösungsverständnis von REDEMPTOR HOMINIS hin und
auf die Kreuzesformulierungen bei der Bezeichnung mit dem Kreuzzeichen.
- Die Glaubenswahrheit von der Vergebung der Sünden fehle. Hanglberger wies
auf die Formulierung hin:
"Glaubt Ihr ... an den Geist, der Verzeihen ... schenkt." Es konnte
noch nicht geklärt werden, ob darin die genannte Glaubenswahrheit genügend
zum Ausdruck komme.
Weihbischof Schraml drückte seine Überzeugung aus, dass der Tauftext von
Manfred Hanglberger nicht auf dem Boden des Glaubens der katholischen Kirche
stehe.
Hanglberger drückte seine Überzeugung aus, dass sein Text theologisch und
pastoral den Anliegen des II. Vat. Konzils und der nachfolgenden Enzykliken
mehr entspreche als der offizielle Ritus, dass er aber noch nicht vollständig
sei.
Hanglberger bat auch, die Frage zu klären, warum die Rehabilitierung von
Galileo Galilei mehr als 350 Jahre gedauert habe, da dies ein Symptom sei für
den mangelnden Dialog der Kirchenleitung mit den Erkenntnissen der Zeit; und
dass die Ursachen für diesen mangelnden Dialog geklärt werden müssten.
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