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Die „Zeichen der Zeit“
(oder: „Der Geist weht, wo er will“ –auch außerhalb der Kirche!)

 

Zitat im Evangelium (Lk 12, 54-56):
„Sobald ihr im Westen Wolken aufsteigen seht, sagt ihr: Es gibt Regen - und es kommt so.
Und wenn der Südwind weht, dann sagt ihr: Es wird heiß. Und es trifft ein. …
Das Aussehen der Erde und des Himmels könnt ihr deuten.

Warum könnt ihr dann die
Zeichen dieser Zeit nicht deuten?“

 

Die „Zeichen der Zeit“ im Sinne des christlichen Glaubens sind Ereignisse und Entwicklungen in der Welt, die auf eine positive Werte-Entwicklung in einem Volk, in der Menschheit und in einzelnen Menschen hinweisen.

 

Die „Zeichen der Zeit“ sind aber auch gesellschaftliche Krisen und problematische Entwicklungen, die ein neues Denken und die Suche nach neuen Initiativen und neuen Problemlösungen herausfordern.

Oft sind es genau solche Herausforderungen, die eine neue Werte-Erkenntnis und Werte-Verwirklichung anstoßen.

 

Die „Zeichen der Zeit“ im Sinne einer positiven Weiterentwicklung der Menschheit sind für den gläubigen Menschen ein Zeichen des Handelns Gottes in der Welt, Zeichen seines heilsgeschichtlichen Wirkens.

 

Die Christen verstehen sich als „Mitarbeiter Gottes“ für die heilsgeschichtliche Weiterentwicklung der Menschheit.

Deshalb ist es für sie so wichtig, das heilsgeschichtliche Wirken Gottes in den gesellschaftlichen und globalen Entwicklungsprozessen wahrzunehmen, um zu erkennen, in welchen Bereichen und für welche Probleme sie sich besonders durch die Kraft ihres Glaubens interessieren und engagieren sollten.

 

Deshalb geht es für Christen beim Erkennen und Deuten der „Zeichen der Zeit“ um die grundsätzlichen Fragen nach dem Sinn ihrer christlichen Berufung und um den Sinn ihres Lebens.

 

Nun haben die Päpste der Katholischen Kirche zwischen 1830 und 1930 die gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa (Demokratisierung, Menschenrechte, Frauen-Rechte, naturwissenschaftliches Weltbild, …) nur negativ gedeutet.

Zudem war durch eine weit verbreitete apokalyptische Endzeit-Erwartung in der kirchlichen Verkündigung für eine positive Weltsicht und eine positive Geschichtsdeutung der Völker und der Menschheit in der Kirche kein Platz.

Gibt es keine religiöse positive Geschichtsdeutung, wird der Glaube an eine Heilsgeschichte Gottes mit der Welt und der Menschheit hinfällig und ebenso das Erkennen der „Zeichen der Zeit“.

 

Papst Johannes XXIII. hat 1963 als erster Papst seit Jahrhunderten wieder eine positive Deutung der „Zeichen der Zeit“ in seiner Enzyklika „Pacem in terris“ gewagt:
Dort sind drei Entwicklungen des 20. Jahrhunderts als wesentliche „Zeichen der Zeit“ interpretiert:

1. Der Aufstieg der Arbeiterklasse

2. Die Frauenrechtsbewegung

3. Die Überwindung des Kolonialismus und anderer Unterdrückungsverhältnisse innerhalb und zwischen den Völkern.

(Zum Originaltext: „Pacem in Terris“, dort Kap 21-24 >>>)

 

In ähnlicher Weise hat Papst Johannes-Paul II. 1987 in seiner Sozial-Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ eine Liste positiver Entwicklungen in der modernen Welt erstellt, die als „Zeichen der Zeit“ zu verstehen sind:

1.   Das wache Bewusstsein für die Würde jedes Menschen und für die Achtung der Menschenrechte.

2.   Das wachsende Bewusstsein in den Nationen und Völkern von ihrer eigenen kulturellen Identität.

3.   Das wachsende Bewusstsein der Menschen durch ein gemeinsames Schicksal weltweit verbunden zu sein, das man vereint gestalten muss.

4.   Die wachsende Sorge um den Frieden in der Welt, der die Beachtung der Gerechtigkeit erfordert.

5.   Das gewachsene Bewusstsein für die Begrenztheit der verfügbaren Grundstoffe und die Sorge für die Umwelt.

6.   Das persönliche Bemühen von Personen in Regierungen, Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und in der Wissenschaft, um die Übel der Welt zu überwinden.

(Zum Originaltext „Sollicitudo rei socialis“: dort Kap 26: >>>)

 

Nun ist aber bei einigen dieser von den beiden Päpsten erwähnten Entwicklungen (Z.B. Frauen-Rechte, Menschen-Rechte) festzustellen, dass die Kirche dabei Jahrzehnte lang keine positive Rolle spielte, sondern eher in Opposition dazu ging. (Ausführlicher dazu: >>>)

Auch beim Thema „Umwelt-Sorge“ gingen die entscheidenden Impulse nicht von der Kirche aus, sondern von Wissenschaftlern („Club of Rome“) und dann von gesellschaftspolitischen Gruppen („Die Grünen“).

 

Wenn die Kirche im Nachhinein diese Entwicklungen im gesellschaftspolitischen Bereich und auch im moralischen Bewusstsein der Menschen als „positiv“ und damit als „Zeichen der Zeit“ erkennt und anerkennt, gesteht sie, dass der heilsgeschichtlich wirkende Geist Gottes auch außerhalb der Kirche und nicht selten auch gegen die Kirche sich durchsetzt und die Menschheit voranbringt.

 

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche, den heilsgeschichtlich wirkenden Geist Gottes zu erkennen und die Gläubigen und die Weltgemeinschaft auf diese wichtigen Entwicklungen hinzuweisen, aber auch „die Geister zu unterscheiden“, und dann als Kirche vordringlich in den Entwicklungsfeldern bzw. bei den Problemen, die man als „Zeichen der Zeit“ erkannt hat, sich zu engagieren.

Z.B. sprechen manche Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils sehr eindringlich von der „Würde des Menschen“, die es bewusst zu machen und zu verteidigen gilt, und Papst Franziskus drängt die Christen und die ganze Weltgemeinschaft in seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“, die Verantwortung für die gefährdete Natur zu übernehmen.

 

Nun ist zu beobachten, dass dort wo die Kirchenleitung lange Zeit in Opposition oder in Teilnahmslosigkeit gegenüber manchen „Zeichen der Zeit“ verharrte, es im Nachhinein sehr schwierig ist, die eigenen Gläubigen zu motivieren, sich in diesen Bereichen zu engagieren.

Sie erreicht mit ihren Aussagen dabei oft nur einen sehr kleinen, den eher kritischen Teil ihrer Gläubigen.

Dies mag auch daran liegen, dass die traditionellen Gebete im Gottesdienst mehr die alten Denkmuster widerspiegeln und die aktuellen „Zeichen der Zeit“ darin nicht vorkommen, ja nicht selten die alten Gebete einem heilsgeschichtlichen Denken und damit einer Wahrnehmung der „Zeichen der Zeit“ eher zuwider laufen.

 

Deshalb wäre es dringend notwendig, dass die Kirchenleitung bei der Verkündigung der „Zeichen der Zeit“ (z.B. durch Enzykliken und andere Lehrschreiben) gleichzeitig auch Gebete für den Gottesdienst u.a. Anlässe anbietet, die diese Themen „ins Gebet nehmen“ und damit in das Glaubensbewusstsein der Gläubigen bringen.

Zudem sollten für die in der Vergangenheit von der Kirchenleitung übersehenen und abgelehnten „Zeichen der Zeit“ (Z.B. die Ablehnung der Gleichberechtigung der Frau durch die Kirchenleitung) jährliche Kirchentrauertage mit thematischen Bußgottesdiensten durchgeführt werden.

 

Denn so sehr die Autorität der Kirche wächst, wenn sie konkret und überzeugend die „Zeichen der Zeit“ erkennt und verkündet, so sehr wurde und wird ihre Autorität geschwächt oder zerstört, wenn sie die „Zeichen der Zeit“ übersehen hat, negierte oder unqualifiziert damit umgeht.

Für die Glaubwürdigkeit der Kirche ist es deshalb sehr wichtig, wenn sie im Nachhinein erkennt und dies auch „bekennt“, dass sie und wo sie konkret gegen das heilsgeschichtliche Wirken Gottes gehandelt hat oder es nicht wahrgenommen hat.

 

Überlegungen von Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

Vorschlag „Kirchentrauertage >>>

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