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„Werte“ geben dem Leben Sinn und Orientierung.

Doch die wichtigsten Werte bergen die größten Gefährdungen!

 

„Das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal.“
Jesus (Mt 7,14)

 

Die zentralen Werte des menschlichen Daseins, die wesentlich sind für die menschliche Würde,

sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein sinnvolles und glückliches Leben.

Dieses sind:

·         die Originalität des Menschen,

·         seine Freiheit

·         seine Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe.

Sie bergen aber auch die größten Gefährdungen und schaffen die schlimmsten Probleme.
Wie sieht dies konkret aus?

 

 

Originalität: Werterfahrung und Gefährdung

 

Der Mensch sehnt sich von klein an nach Originalität, nach Einzigartigkeit. Schon in der frühesten Trotzphase möchte er als Kind den Eltern zeigen, dass er nicht nur ein Teil von ihnen ist, sondern dass er sich von ihnen zu unterscheiden gedenkt und ihnen demonstriert, dass er einen eigenen Willen hat. Im Entdecken und im Zeigen unserer Originalität können wir einander sehr verunsichern und Angst machen, bringen wir einander an die Grenze des Verstehens und spüren plötzlich, dass wir trotz manch erfahrener Vertrautheit einander fremd sind. Bei manchen löst dies Enttäuschung, ja sogar Verbitterung aus. In der Erfahrung der Originalität leiden wir zwischendurch unter einem Gefühl des Nicht-verstanden-werdens und des Nicht-verstehen-könnens gegenüber vertrauten Mitmenschen. Dies kann zu schmerzhaften Gefühlen der Einsamkeit führen. Wer diesem Schmerz ausweicht und ihn verhindern will, kann weder zu seiner Originalität finden, noch wird er den Reichtum seiner eigenen originellen inneren Welt entdecken, den Reichtum seiner inneren Bilder, Gefühle, Gedanken und Visionen. Wer aber nicht zur rechten Zeit in sich lebt, ist sehr in Gefahr. sich in unangenehmer Weise in das Leben anderer Menschen einzumischen.

Seelisches Wachstum in Richtung „Entdeckung der eigenen Originalität“ ist mit Ängsten, mit Unsicherheitserfahrungen und mit seelischen Schmerzen verbunden. Da wir in unserer körperlichen evolutiven Entwicklung seit Millionen Jahren trainiert haben, Angst, Unsicherheit und Schmerzen zu meiden und zu bekämpfen, sind wir geneigt, dies auch in unserer Zeit, in der der Mensch sich geistig-seelisch entscheidend weiter entwickeln soll, zu praktizieren. Deshalb finden so wenige Menschen zu ihrer Originalität und passen sich den allgemeinen Denk- und Verhaltensmustern an, auch wenn diese geistlos und langweilig sind und unzufrieden machen.

 

Den Sinn seines Lebens kann man nicht einfach durch das Lesen eines Buches oder durch das Hören eines Vortrags entdecken. Es ist vielmehr ein spannender, aber auch schmerzhafter Weg des Suchens nach der eigenen Originalität, bei dem es manch dunkles Tal der Angst, der Unsicherheit und des Nicht-verstanden-werdens zu durchwandern gilt. Diesen Weg kann uns niemand abnehmen.

Man kann gut damit beginnen, indem man aufhört, sich in das Leben anderer Menschen einzumischen und sich über ihre Lebensgestaltung aufzuregen und sich aus der bloßen Zuschauerrolle, zu der uns manche modernen Medien verführen, zu verabschieden, z.B. indem man einfach für einige Tage das Fernsehgerät und das Handy abschaltet.

 

Andererseits können Menschen, die fasziniert sind von der Lebendigkeit und Vielfalt ihrer Gefühle und Gedanken, sich einbilden, dass nur sie diesen inneren Reichtum besitzen und ihre Umgebung primitiv, oberflächlich und innerlich verkümmert ist – und deshalb halten sie sich für etwas Besonderes und beginnen ihre Mitmenschen zu verachten und gering zu schätzen.

Die Erfahrung der eigenen Originalität kann sehr arrogant, besserwisserisch und menschenverachtend werden lassen.

Wenn der Weg zu sich selbst, also zur eigenen Originalität, nicht mit dem Weg zum Mitmenschen und zur Lebensgemeinschaft der Natur korrespondiert, ist er ein gefährlicher Weg, der in den Egoismus führt. Der sinnvolle Weg, der „zum Leben“ führt, ist auch deshalb schmal, weil nicht nur die Verwirklichung einzelner Werte, wie der Originalität, eine schwierige Gratwanderung darstellt, sondern weil er zudem die Vernetzung polarer Werte wie z.B. Selbst- und Nächstenliebe erfordert.

 

 

Freiheit: Werterfahrung und Gefährdung

 

Abertausende von Menschen haben in der Geschichte der Völker der Erde ihr Leben geopfert, um Tyrannei, Unterdrückung, Bevormundung und ungewollte Abhängigkeit abzuschütteln, um endlich in Freiheit leben zu können. Auch im individuellen Leben ist Pubertät und Jugendzeit mit ihren Konflikten und Spannungen vom Streben nach Freiheit und Eigenständigkeit gekennzeichnet. Und manche Tierschützer protestieren gegen die Haltung von Zirkustieren, weil sie tiefes Mitleid empfinden mit den Tieren, die man der Freiheit des Lebens in der Natur beraubt hat und sie in enge Käfige sperrt.

Freiheit hat mit Weite und eigenen Wegen zu tun. Freiheit hat mit Eigenständigkeit und mit der Möglichkeit persönlicher Entscheidungen zu tun, die dazu führen sollen, dass man den Weg, den man in seinem Leben geht, als seinen eigenen erkennt und sich dazu bekennen und sich mit ihm identifizieren kann.

Ich treffe immer wieder alte Menschen, die klagen, dass sie heute noch darunter leiden und es ihren Eltern nicht verzeihen können, dass sie mit jungen Jahren nicht den Beruf ergreifen durften, den sie wollten, sondern von den Eltern gezwungen wurden, deren Willen zu erfüllen. Eine ähnliche Verbitterung tragen manche in sich, weil sie in der Partnerwahl bevormundet worden waren und nicht frei entscheiden durften. Ohne Freiheit in unseren wesentlichen Entscheidungen finden wir nicht zu uns selbst, erfahren wir uns fremdgesteuert und leben nicht unser eigenes Leben. Ohne Freiheit gibt es keine moralisch tragfähigen Entscheidungen und keine Erfahrung von der Würde und Werthaftigkeit des eigenen Menschseins. Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortung, keine Schuld und keine Rechenschaft. Ohne Freiheit können wir das Leben nicht als sinnvoll erfahren.

Sicher wissen wir um Manipulationen und unbewusste Beeinflussung unseres freien Willens, der keinesfalls immer so frei ist, wie wir glauben. Doch entscheidend ist das Bewusstsein, dass wir meinen, frei entscheiden zu können, entscheidend ist das, was wir als Freiheit empfinden.

Denn nur aus diesem Empfinden von Freiheit lassen sich Manipulationen unter Umständen erkennen und abbauen.

Nun wissen wir, dass wir im Leben, z.B. in der Berufswelt, viele Kompromisse schließen müssen, um wirtschaftliche Sicherheit zu gewinnen. Für einen erheblichen Teil der Bevölkerung ist es notwendig, sich in gewisser Weise zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Für manche ist es eine schwierige Gratwanderung, wie vielen Zwängen man bereit ist, sich zu unterwerfen, um viel Geld zu Gunsten eines hohen Lebensstandards zu verdienen. Nicht wenige Menschen schwenken plötzlich um und sind mit deutlich weniger Einkommen zufrieden, um wieder mehr Freiheit in Form von Zeit für die Familie und für die persönliche Freizeit zu gewinnen oder einfach um eine Befreiung aus Zwängen in einer unmenschlich gewordenen Wirtschaftswelt zu finden. So erzählte mir der Leiter einer Filiale eines Konzerns, der Niederlassungen auch in Südamerika hatte: „Ich habe die Führungsaufgabe in einem südamerikanischen Tochterunternehmen aufgegeben, obwohl ich dort mehr als das Doppelte verdiente, da ich die Beschäftigten dort nicht so brutal behandeln wollte, wie es von mir gefordert wurde und wie es dort üblich war, da es kein Betriebsverfassungsgesetz gab.“

 

Vielleicht beneiden wir manchen Künstler oder andere freischaffenden Menschen, die völlig unabhängig von institutionellen oder betrieblichen Strukturen, keine Vorgesetzten und keine Untergebenen unter beziehungsweise über sich haben und von den Ergebnissen ihrer persönlichen Kreativität leben können.

Viele von diesen unabhängig lebenden Menschen verzichten dafür auf manchen Komfort, den unsere Konsumwelt zu bieten hat. Welche Art von Freiheit ist uns wichtiger? Für die meisten Menschen ist jene Freiheit wesentlich, unter möglichst vielen Fernsehprogrammen wählen zu können und von jedem Ort aus mit dem Handy Freunde anrufen zu können oder dreimal im Jahr mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen zu können oder alle fünf Jahre eine neue Polstergarnitur fürs Wohnzimmer aussuchen zu können. Durch welche Art von Freiheit wird der Mensch zu seiner Originalität finden und eine innere Lebendigkeit entwickeln, die ihn nicht gieriger und unruhiger, sondern zufriedener und energetischer macht? Jeder muss selbst hinspüren, wie er die Gratwanderung zwischen den Freiheiten, die die Konsumwelt bietet und der Freiheit von den beruflichen und gesellschaftlichen Zwängen, die damit oft verbunden sind, zu gestalten gedenkt. Aber es sind auch die weltwirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen unserer Entscheidungen zu bedenken.

 

Rechtsstaatliche Verfassungen vieler Völker haben das Grundrecht der Rede- und Meinungsfreiheit in ihren Formulierungen aufgenommen. Aber die gesellschaftspolitische Absicherung dieser Freiheit bewirkt noch keineswegs, dass die Menschen auch tatsächlich sagen, was sie denken. Denn unabhängig vom gesellschaftlichen Freiraum gibt es noch den seelischen Raum, nicht nur im eigenen Leben, sondern im Denken und Fühlen unserer Mitmenschen. Wenn wir diesen Raum des Wohlwollens bei den anderen nicht zu haben glauben, weil wir mit abwertendem Denken und Reagieren unserer Mitmenschen rechnen, ist die politisch garantierte Meinungsfreiheit nur eine halbe Sache. Wir brauchen die Wertschätzung und das Vertrauen von Mitmenschen, damit wir uns aus dem Gefängnis der Angst und des Misstrauens, in dem wir uns zum Schutz unseres Inneren selbst eingemauert haben, heraus wagen. Deshalb braucht es nicht nur das politische Engagement, um den Raum der Freiheit zu schützen und auszuweiten, es braucht auch das seelische Engagement, um die Atmosphäre der Angst und Verlogenheit, des Misstrauens und der Verachtung zu überwinden.

 

Im Ringen um Freiheit und im Genießen der Freiheit sind wir immer in Gefahr, sie auf Kosten anderer zu leben. Das spüren Kinder, deren Eltern für sie wenig Zeit haben, das spüren Eltern, die unter den Erwartungshaltungen und den jugendlichen Freiheits-Eskapaden ihrer Kinder leiden. Das erfahren Ehepartner, wenn der andere Freiheiten genießt, die die Treue missachten. Das erleben Arbeitnehmer, denen Arbeitslosigkeit droht, weil der Unternehmer seit Jahren in unangemessener Weise Gewinne abschöpft, die den Betrieb ruinieren. Damit waren ganze Völker, ja die ganze Weltwirtschaft konfrontiert, als Bankmanager durch ihre ungezügelte und unverantwortliche Geldgier das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds brachten. Freiheit und Egoismus sind nahe Verwandte. Aber ohne Freiheit gibt es keine Würde des Menschen und kein wirklich sinnvolles Leben.

Bei den Abertausenden von Gesetzen und Regeln in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft geht es vor allem darum, die Freiheit und Willkür der Stärkeren, der Mächtigeren und Rücksichtsloseren einzuschränken, um Gerechtigkeit und sozialen Frieden aufrechtzuerhalten.

 

Das Thema ist dramatisch seit Menschen bewusst ihr Zusammenleben gestalten. Dostojewski hat es in seinem „Der Großinquisitor“ behandelt, in dem es darum geht, Jesus, der nochmals erschienen ist, zu überzeugen, dass seine Botschaft von der Liebe, von der Verantwortung und Freiheit des Menschen unrealistisch sei und die Menschheit nur durch Zwang und Einschüchterung zu einem geordneten Leben geführt werden könne. In wenigen Ländern sind solche entmündigenden Herrschaftsformen durch fundamentalistische Religionen heute noch vorhanden. Nicht weit davon entfernt war das Programm des Kommunismus in den osteuropäischen Ländern und auch in manchen anderen Teilen der Welt. Es galt, die Freiheit des einzelnen drastisch einzuschränken, um eine Gesellschaft aufzubauen, in der der Missbrauch der Freiheit in Form von wirtschaftlicher Ausbeutung und Unterdrückung verhindert werden sollte. Sowohl gegenüber inquisitorischen Religionen wie auch gegen das kommunistische System der Sowjetunion hat sich der Freiheitsdrang der Menschen immer wieder aufgelehnt und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis er sich überall in der Welt durchsetzt.

Dass es in der modernen technisch geprägten Welt ganz neue Formen von Freiheitsgefährdungen gibt, hat George Orwell in seinem bleibend aktuellen Roman „1984“ beschrieben, in dem er in einer Negativ-Utopie eine Welt präsentiert, in der jeder einzelne durch Überwachungskameras bis in seine Privatwelt hinein von einer anonymen Staatmacht kontrolliert und gesteuert wird. Die Datenschutzbeauftragten unserer Zeit sind ein Symptom dafür, dass es der Tendenz in dieser Richtung auch in einem sich freiheitlich verstehenden Rechtsstaat zu wehren gilt. Wie damit in autoritäreren Gesellschaftssystemen umgegangen wird, ist den meisten von uns wohl wenig bekannt. Aber die diesbezüglichen Möglichkeiten der Technik sind beängstigend.

 

Andererseits nimmt das Drama des Freiheitsmissbrauchs in Form der Zerstörung unserer ökologischen Lebensgrundlagen immer beängstigendere Formen an. Wie schwer ist es angesichts der drohenden Klimakatastrophe die Mehrkosten für die Reduzierung des CO2-Ausstoßes aufzubringen, der den Klimawandel stoppen soll. Eine auch nur vorübergehende Einschränkung der Freiheit, die die billige Autofahrt symbolisiert, erscheint Millionen Menschen unerträglich und im Konkurrenzkampf der Volkswirtschaften will man keine Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen. Auch wenn in manchen großen Völkern der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie und Rohstoffen zehn- bis dreißigmal höher ist als in anderen großen Völkern, wehrt man sich von Seiten