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Zeitgemäße Gewissensbildung
 und geistlichen Missbrauch verhindern

 

Dazu ein Zitat aus dem Konzilsdokument „Gaudium et Spes
(„Die Kirche in der Welt von heute“) Kap 17:

 

Die Würde des Menschen verlangt,
dass er in bewusster und freier Wahl handle,
das heißt personal,
 von innen her bewegt und geführt
 und nicht unter blindem innerem Drang oder unter bloßem äußerem Zwang.

Aus dem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ Kap 37:

Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu,
den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.

 

Die folgenden Überlegungen zeigen, dass Gewissensbildung eine sehr anspruchsvolle und nicht selten langwierige Aufgabe darstellt, die – wie manche Kritik an „Amoris Laetitia“ zeigt -  einige Bischöfe zu überfordern scheint.

Vor allem wird sichtbar, dass Gewissensbildung eine keineswegs umfassend verwirklichte Aufgabe der Kirche darstellt und viele diesbezügliche Mängel auch auf beschämende Defizite im Dialog zwischen Glaubenslehre und den Erkenntnissen der modernen Psychologie zurückzuführen sind.

Viele Fehlformen des Christentums wie auch anderer Religionen sind auf das Fehlen angemessener Gewissensbildung zurückzuführen. Nach meiner Überzeugung stehen auch manche heftigen Angriffe und manche Ablehnung gegenüber der Religion mit diesem Defizit in Zusammenhang.

 

1.   Der Mensch hat aufgrund seiner Vernunftkräfte die Möglichkeit die Auswirkungen seiner Entscheidungen zu bedenken und durch die Wahrnehmung der Auswirkungen für seine Lebensgestaltung dazuzulernen.
Dies ermöglicht ihm die Erfahrung von Freiheit, die wesentlich die Würde seines Menschseins prägt und ihm eine Verantwortung für seine Entscheidungen und Handlungen bewusst macht.

2.   Da der Mensch aufgrund seiner Vernunftkräfte nach dem Sinn und Wert seines Daseins und nach dem Sinn und Wert der menschlichen Gemeinschaften, mit denen sein Leben vernetzt ist, wie auch nach dem Sinn und Wert der Gesamtwirklichkeit fragt, hat er eine Sensibilität für Wert-Erfahrungen entwickelt.
In der abendländisch-christlichen Tradition haben sich folgende Werte als grundlegend herausgestellt:

 

- die absolute Werthaftigkeit der Personwürde jedes Menschen
(„Personalität“ und „Subsidiarität“),

- ein regionales und universales Gemeinwohl („Solidarität“)

- Schöpfungsverantwortung
(Werthaftigkeit der Lebensgemeinschaft der Natur: „Alles ist miteinander verbunden“, die anderen Geschöpfe haben eine Lebensberechtigung in sich: Siehe: Enzyklika „Laudato si“))

3.   Während in langen geschichtlichen Epochen Menschen von klein an zum Gehorsam gegenüber „Autoritäten“ (Eltern, Lehrer, Priester, Vorgesetzte, Herrscher) verpflichtet wurden, wurde „Freiheit“ in diesem Umfeld als Bereitschaft verstanden, den Anordnungen und den Gebote- und Verbote-Systemen, die von diesen Autoritäten verkörpert wurden, Folge zu leisten bzw. diesen Gehorsam zu verweigern.
Das grundsätzliche Vergehen wurde deshalb im „Ungehorsam“ gesehen. Denn der Ungehorsam schien die Ordnung zu zerstören und die „Autorität“, die die Ordnung aufrechterhalten sollte, zu schädigen.
„Werte“ sah man vornehmlich in der Aufrechterhaltung einer Ordnung gegeben; dazu gehörten neben dem „Gehorsam“ z.B. Demut, Dienstbereitschaft, Unterordnung, Anpassungsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Treue, …

 

4.   Dabei wurden die primären Werte, in denen sich die Personwürde verwirklicht, meist übersehen und oft unterdrückt – wie z.B.:
Selbsterkenntnis, Selbstvertrauen, Verantwortungsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit, …
Dass es eine Rangordnung der Werte gibt und dabei die sekundären Ordnungswerte den personalen und mitmenschlichen Werten untergeordnet sind, hat Jesus schon vor ca. 2000 Jahren deutlich gemacht:
„Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat!“
Eine ähnliche Botschaft enthält das „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“: Der mitleidsvoll handelnde Häretiker (Samariter) wird den gesetzestreuen Autoritäten der Religion (Priester und Levit) gegenüber gestellt.

 

5.   Entsprechend kommen im Munde Jesu, so wie es uns die Evangelisten überliefern, die Worte „Gehorsam“ und „gehorchen“ für den Menschen nie vor. Stattdessen erzählt Jesus Gleichnisse, Geschichten aus dem Leben, um die Menschen einzuladen, mit ihrer eigenen Wahrnehmung, mit ihren Sinnen und ihrem moralischen Gespür die Situationen einzuschätzen und entscheidungsfähig zu werden.
Die Gleichniserzählungen sind also eine Schulung der Jünger Jesu und der Gläubigen zu seelisch-geistiger Mündigwerdung und für die Entwicklung eines eigenständigen verantwortungsvollen Gewissens.
„Gehorsam“ war bei Jesus offensichtlich keine Werte-Kategorie, sondern stand im Gegensatz zum Weg der Mündigwerdung und zur geistig-seelischen Selbständigkeit.
(Ausführlicher: Autoritätsverständnis bei Jesus
>>>)

6.  Ein an Werten orientiertes Leben ist eine Gratwanderung, da personale Werte ein polare Struktur aufweisen:
Selbstliebe und Nächstenliebe, Selbstwahrnehmung und Mitgefühl, Zuwendung und Achtung, Freiheit und Verpflichtung, …
Deshalb ist die Erkenntnis der gesunden Balance und der gesunden Rangordnung von Werten Voraussetzung für angemessene Gewissensentscheidungen. (Ausführlicher
>>> )
Schlimme Konflikte und destruktive Verhaltensweisen sind deshalb meist nicht die Folge der Bosheit von Menschen, sondern die Folge einer unausgewogenen Balance von polaren Werten (Zuviel Selbstliebe – zu wenig Nächstenliebe; zu wenig Selbstwahrnehmung – zu viel Mitgefühl führt zur Vereinnahmung des anderen) oder einer falschen Rangordnung von Werten – wenn z.B. sekundäre Werte (Ordnungswerte) vor personalen Werten rangieren.

 

7.   Mündigkeit und seelisch-geistige Selbständigkeit, also ein verantwortungsvolles Leben nach dem eigenen Gewissen, ist also kein primitives „Ich mache, was ich will!“ , sondern erfordert eine sensible Wachheit gegenüber der augenblicklichen Situation, eine Aufmerksamkeit nach innen und nach außen, erfordert die Mühe der Information, des Nachdenkens und eines sorgfältigen Abwägens der Werthaftigkeit verschiedener Möglichkeiten und deren eventueller Folgen.
Und weil wir auch in moralischen Fragen „das Rad nicht erst neu erfinden“ können und müssen, ist es bei grundlegenden Fragestellungen notwendig, die Werte-Erfahrungen der Vorfahren in unsere Entscheidungen miteinzubeziehen. Sehr grundsätzliche und konzentriert gesammelte Werte-Erfahrungen enthalten die „Heiligen Schriften“ und Traditionen der Religionen. Da vieles aber darin zeitbedingt und deshalb für heute nicht mehr gültig ist, ist mit diesen Texten sehr kritisch und vorsichtig umzugehen. (Ausführlicher dazu: >>> )
Menschen, die noch nicht gelernt haben, „von innen geführt“ zu leben, sind in Gefahr, die Gebote- und Verbote-Systeme einer Religion wortwörtlich für heute zu übernehmen.
Zu welch destruktiven Folgen diese führen kann, zeigen die fundamentalistischen und gewaltbereiten Gläubigen in den verschiedenen Religionen.


Warum manche Menschen lieber sich an vorgegebene Gesetze, Traditionen und Ordnungssysteme halten und großen Widerstand gegen jeden Wertewandel und gegen alle Neuerungen leisten:

8.   Nicht wenige Menschen haben Angst vor der Freiheit, denn sie bedeutet:
Man muss selbst entscheiden, man muss selbst überlegen, man muss sich informieren, und im Nachhinein muss man für eigene Entscheidungen geradestehen. Man wird „sichtbar“ für andere und kann dadurch auch auf Widerstand stoßen, man wird angreifbar und kritisierbar.
Es ist bequemer, andere entscheiden zu lassen und sich dann evtl. darüber aufzuregen und zu schimpfen, wenn einem die Auswirkungen dieser Entscheidungen unangenehm sind. Aber solche Menschen weigern sich insgeheim, erwachsen zu werden, sondern bleiben in einem kindlichen bis pubertären Entwicklungsstadium.

9.   Wenn Menschen in der Kindheit durch Schicksalsschläge emotional überfordert waren und deshalb mächtige Gefühle verdrängen mussten (Trauer, Angst, Schmerz, …), kann dies dazu führen, dass sie grundsätzlich Angst vor Gefühlen bekommen und deshalb ihr gesamter Gefühlshaushalt niedergedrückt wird.
Da die Gefühlsimpulse wesentliche Entscheidungshilfen liefern, fehlt diesen Menschen die innere Orientierung; denn auch rationale Überlegungen brauchen als unbewusste Grundlage die emotionalen Impulse von innen.
Deshalb suchen sich solche Menschen Orientierungshilfen von außen.
Dies können Autoritätspersonen sein, dies können Traditionen oder religiöse oder politische Gebote- und Verbote-Systeme sein. Da diese vorgegeben sind („Es steht geschrieben …“; „wir haben ein Gesetz …“), haben sie eine geistig-seelisch erstarrende Wirkung und verhindern, auf neue Situationen, auf neue Erkenntnisse und auf die Vielschichtigkeit komplexer Probleme differenziert zu reagieren.
Manche dieser Menschen sind besonders anfällig für ideologische Weltanschauungen und Wertesysteme, die auf komplexe Probleme mit einfachen schwarz-weiß-Antworten reagieren und kein sehr differenziertes und langfristiges Prozess-Denken erfordern.
Deshalb werden solche Menschen leicht Opfer von Demagogen und populistisch lautstarken Politikern oder Religionsführern.

10.   Da die Angst vor Gefühlen und die dadurch fehlende innere Orientierung – oft unbewusste – Minderwertigkeitsgefühle verursachen, klammern sich solche Menschen dann starr an vorgegebene Werte-Systeme, die sie unter keinen Umständen infrage stellen lassen und deren Kritiker sie mit unangemessenen Aggressionen, mit Verachtung und Entrüstung zurückweisen.
Umgekehrt verleiten Minderwertigkeitsgefühle dazu, autoritätshörig sich Anweisungen von außen zu unterwerfen.
Menschen, denen die innere Orientierung fehlt, können die vielfältigen Nuancen des Lebens und die Vielschichtigkeit komplexer Problemsituationen nicht wahrnehmen; deshalb gibt es für sie nur „gut“ oder „böse“, gesetzeskonform oder gesetzwidrig.

Dagegen wissen Menschen mit einer gesunden Emotionalität, dass z.B. im Gefühl der Liebe auch ein Anteil von Vereinnahmung oder Verachtung enthalten sein kann oder im Gefühl des Zornes auch ein Anteil von Liebe.
Wertvolle Hinweise für ein verantwortungsvolles Umgehen mit komplexen Problemen sind in dem nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ zu finden.
>>>
Das Gegenteil davon kann man bei den Kritikern dieses Lehrschreibens entdecken.

11. Während Gefühlsblockaden dazu führen, dass man die innere Orientierung verliert und deshalb u.U. sich an eine Außenorientierung klammert, kann die Verdrängung starker Gefühle in der Kindheit dazu führen, dass wir in der Gegenwart unausgewogene, heftige Gefühlsreaktionen spüren, die uns in die Irre leiten:
In der Kindheit verdrängte Gefühle (Zorn, Abscheu, Trauer, Sehnsucht, …) können durch relativ unbedeutende Auslöser in der Gegenwart hervorbrechen und uns so beherrschen (Jähzorn, Verachtung, Mutlosigkeit, Ängstlichkeit, Suchtverhalten, …), dass unsere Handlungen den Boden des Moralischen verlassen oder dass wir unangemessene Entscheidungen treffen.
Manche Menschen, die solches erlebt haben, trauen anschließend ihren Gefühlen nicht mehr und suchen verstärkt Orientierung in einem starren Gebote-Verbote-System.

 

Weitere Gründe, warum manche Menschen in ihren Entscheidungen sehr eigenwillig und stur sind und gegenüber Einwänden und andersartigen Positionen verschlossen reagieren:

 

12.         Z.B. wenn jemand in der Kindheit oder in der Jugendzeit durch den Ausfall von Eltern zu schnell erwachsen werden musste. Da war man gezwungen, ständig schon wichtige Entscheidungen zu treffen, hatte aber in diesem Altern noch wenig Lebenserfahrung und nicht die Zeit und Energie, Argumente für und gegen eine bestimmte Entscheidung ausführlich abzuwägen. So lernte man, Entscheidungen schnell zu treffen, diese eisern durchzuhalten und sie nicht infrage zu stellen oder infrage stellen zu lassen, um nicht in Unsicherheit zu geraten. Denn dies hätte einem die Kraft geraubt, die man für so viele kleine alltägliche Aufgaben so dringend brauchte.
Da solche Menschen oft durchaus erfolgreich sind mit ihren Entscheidungen, fühlen sie sich oft ihren Alterskollegen, die solchem Entscheidungsdruck noch nicht ausgesetzt waren, überlegen und lassen sich dann ungern von jemand anderem in ihre Entscheidungen hineinreden.
Andererseits sind sie in Gefahr zwischendurch in die ungelebten jugendlichen Altersphasen zurückzufallen, die sie damals überspringen mussten. Die unbewusste Sehnsucht danach birgt die Gefahr, „jugendliche“ Entscheidungen zu treffen, die sich für die gegenwärtige Lebenssituation als unangemessen erweisen und in der Umgebung dann Unverständnis auslösen.
Manche Ehescheidungen und wirtschaftliche Insolvenzen haben solche Schicksalsmuster im Hintergrund.



Warum manche Menschen sich nicht entscheiden können oder in Gefahr sind, falsche Entscheidungen zu treffen:

13.         Während manche Menschen sich sehr schnell entscheiden und Einwänden gegenüber verschlossen reagieren, haben manche Menschen größte Schwierigkeiten, sich zu entscheiden. Sie schieben anstehende Entscheidungen ständig hinaus, weil sie immer Angst haben, sich falsch zu entscheiden, und sie stellen gefällte Entscheidungen im Nachhinein immer wieder infrage und versuchen manchmal sogar, solche wieder rückgängig zu machen.
Wenn es sich um wichtige Entscheidungen wie z.B. Partnerwahl, Berufswahl, Hauskauf, … handelt, kann dies zu einer Katastrophe für den ganzen Lebensweg werden.
Auch solche Menschen haben gewöhnlich die innere Orientierung durch Nicht-Wahrnehmung der Gefühle verloren und merken, dass auf der rationalen Ebene immer ähnlich viele Gründe gegen eine bestimmte Entscheidung sprechen wie für diese.
Denn rationale Gründe allein, die nicht eine Gewichtung durch emotionale Impulse bekommen, heben sich oft gegenseitig auf und können so zu einer geistigen Lähmung führen.

14.         Ein weiterer Hintergrund für eine solche Entscheidungshemmung kann auch sein, dass man als Kind im guten Glauben kleine Entscheidungen getroffen hat, für deren negative Auswirkungen man von wenig einfühlsamen Eltern heftig kritisiert und abgewertet wurde.
Da die Zuverlässigkeit der emotionale Verbundenheit mit den Eltern, die hier plötzlich erschüttert wurde, Vorrang hat vor den Gefühlen, die eine kindliche Entscheidung auslöste, wird ein Kind zukünftig den eigenen Emotionen nicht mehr vertrauen, sondern sich nach dem Willen der Eltern richten, also sich einer Außensteuerung ausliefern, um die Zuwendung der Eltern nicht zu verlieren. Die Orientierung an einer „Außensteuerung“ kann dann ein Leben lang erhalten bleiben.

15.         Ein weiterer Grund für Entscheidungshemmung:
Eine Frau war als kleines Mädchen in eine extreme Helfer-Rolle für ihre Mutter geraten, da diese sich gegen die Abwertungen, Beschimpfungen und Schläge des Ehemannes nicht wehren konnte. Die Mutter klammerte sich an die Tochter. Die Sorge für sie und die Liebe zu ihr gaben ihr eine gewisse Daseinsberechtigung und emotionale Lebendigkeit.
Das Mitgefühl und die Sorge um die Mutter beschäftigten die Tochter die ganze Kindheit und Jugendzeit emotional so sehr, dass sie nicht lernte, sich selbst wahrzunehmen. Diese „Besetzung“ ihrer Psyche durch die starken Gefühle der Mutter verhinderten, dass sie zu sich selbst finden konnte und dass sie deshalb – wie es in der Pubertät notwendig wäre – sich nicht vor der Emotionalität der Eltern schützen konnte.
Später geriet sie in Panik und tiefe Minderwertigkeitsgefühle, wenn sie für sich selbst wichtige Entscheidungen treffen sollte.

 

16. Nun gibt es noch ein weiteres Problem mit der Besetzung durch fremde Gefühle, das die systemische Psychologie erkannt hat:

Wir sind – ob uns dies bewusst ist oder nicht – mit unseren Familienmitgliedern und Vorfahren seelisch verbunden. Dies besonders mit jenen, die ein schweres Schicksal hatten oder vergessen, verachtet und ausgegrenzt wurden, - vielleicht weil sie schwierige Menschen waren. Unser Unbewusstes speichert nicht nur die Verdrängungen aus unserer eigenen Lebensgeschichte, sondern kann auch ein so starkes Mitgefühl mit dem Lebensschicksal eines Vorfahren entwickeln, dass dies zu einer unbewussten Identifikation führt. Diese Art des Mitgefühls kann mächtiger sein, als die Gefühle, die durch unsere eigenen Erlebnisse ausgelöst werden. Dadurch erleben wir uns seelisch besetzt und belastet von Gefühlsenergien, die uns verwirren, weil wir ihre Ursache nicht erkennen.

Vielleicht sind wir traurig oder aggressiv, fühlen uns ständig benachteiligt oder voller Schuldgefühle und wissen nicht warum. Wenn wir unsere Gefühlszustände nicht verstehen, können wir uns wie gelähmt fühlen, da wir nicht wissen, welche Art von Handlungen diese Gefühle ausgelöst haben oder welche Art von Handlungen uns von diesen belastenden Gefühlen befreien könnten, oder wir sind ständig auf der Flucht vor unserem Inneren durch Ablenkungen aller Art; so werden wir hektisch und unruhig und können nicht zu uns selbst finden. Dadurch werden wir schwierig und lästig für unsere Mitmenschen; aber geraten auch in Minderwertigkeitsgefühle und in tiefe Unzufriedenheit, die sich in einer gefährliche Lebensgier aller Art auswirken kann.

Besonders problematisch ist diese Art seelischer Verbundenheit mit den Vorfahren, weil sie dazu führt, dass Menschen ihrem Inneren nicht vertrauen können, dass sie ihre Gefühlswelt nur als belastend und verwirrend empfinden und nicht lernen, von dort her die Signale für ihre moralischen Entscheidungen zu empfangen, durch die sie eigenverantwortlich und mündig ihr Leben gestalten könnten.

Deshalb neigen auch solche Menschen zu Autoritätshörigkeit und befürworten autoritäre Ordnungssysteme in Religion, Politik und in allen Bereichen der Gesellschaft. Sie vertrauen auf Fremdsteuerung und glauben nicht an emotionale Mündigkeit.

 

17. Immer wenn Gefühle so mächtig werden, dass sie gegenüber der Gegenwartssituation unangemessen heftig erscheinen, sollte man die eigene Kindheit bedenken und auch unsere Verbundenheit mit den Vorfahren sich bewusst machen, um die Herkunft dieser mächtigen Gefühle zu verstehen und diese durch heilende Riten auflösen. (Ausführlicher >>> )
Da solche Gefühle nicht sinnlos sind, sondern Hinweise darauf, dass etwas in unserer eigenen Kindheit der Heilung bedarf oder dass einer der Vorfahren in seinem Schicksal noch nicht angemessen gewürdigt und geachtet ist, sind solche emotionalen Probleme Signale für seelische Hausaufgaben, die zu erledigen sind, um zum Frieden mit der eigenen Vergangenheit und zum Frieden mit den Vorfahren zu finden.

 

Zusammenfassung

18. Bei religiösen Fanatikern und Extremisten, und bei Menschen, die starr an überkommenen Glaubens- und Moralvorstellungen festhalten - egal in welcher Religion – ist meist mit einem der folgenden psychologischen Hintergründe zu rechnen (Kein Anspruch auf Vollständigkeit!):

 

(1)    Emotionale Überforderung durch Schicksalsschläge und besondere Belastungen in der Kindheit können zu einer bleibenden Angst vor Gefühlen führen. Die Verdrängung der Gefühle führt zum Verlust der inneren Orientierung.

(2)    Haben ihre Eltern solches erlebt, können deren Kinder die Tabuisierung von Gefühlsäußerungen übernehmen und deshalb ebenso wie die Eltern ihre Gefühle verdrängen.

(3)    Zu wenig Zuwendung in der Kindheit kann später zu unangemessenen Gefühlsausbrüchen führen.

(4)    Seelische und körperliche Verletzungen in der Kindheit durch Bezugspersonen können später zu unangemessenen Gefühlsreaktionen führen.

(5)    Extreme Helfer-Rollen eines Kindes für eine leidende Bezugsperson (meist ein Elternteil oder Großelternteil) können zu Besetzungen durch fremde Gefühle führen und die eigene Gefühlswelt blockieren.

(6)    Die Verdrängung starker Gefühle durch die Eltern kann dazu führen, dass diese Gefühle in der Seele eines Kindes landen und dort zu einer emotionalen Besetzung führen.

(7)    Wenn Eltern ein Großelternteil oder einen anderen Verwandten abwerten, kann ein Kind sich unbewusst mit jenem verbunden fühlen und wird dadurch emotional besetzt und findet nicht zu einem ausgeglichenen Gefühlsleben.

(8)    Wachsen Kinder in einer Familie oder in einem Kulturkreis auf, in denen sie aufgrund der dort üblichen Autoritätsverhältnisse von klein an extremen Gehorsamsforderungen ausgesetzt waren, haben sie keine Chance, die ganze Bandbreite der eigenen Gefühle wahrzunehmen und wichtige Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

 

Solche Menschen können nicht lernen, „von innen her bewegt und geführt“ zu handeln. Manche führen ein haltloses und rücksichtsloses Leben, andere suchen nach einer „Außensteuerung“, z.B. an Hand von sogenannten „Heiligen Schriften“, und versuchen durch deren wortwörtliche Umsetzung ein wahres und gottgefälliges Leben zu führen.

 

19. Die Glaubensgemeinschaft als Korrektur für unausgewogene Gewissensentscheidungen:
Kein Mensch kann bei sich und anderen einschätzen, wie frei er von inneren Zwängen und Belastungen ist und deshalb eine ausgewogene Gewissensentscheidung zu treffen in der Lage ist. Deshalb ist der Dialog mit Menschen, die auch werte-orientiert und „von innen geführt“ zu leben versuchen, notwendig.
Dafür wichtig ist die Bereitschaft, sich mitzuteilen, faire Kritik zu üben und faire Kritik anzunehmen, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten und sich in Frage stellen zu lassen.
Dies erfordert eine Atmosphäre des Vertrauens und der gegenseitigen grundsätzlichen Wertschätzung und Achtung voreinander – auch dann, wenn man die Sichtweise des anderen (noch) nicht verstehen kann.
„Kirche“ sollte eigentlich aus solchen Gemeinschaften des Vertrauens, der Wertschätzung und eines lebendigen Dialogs bestehen, also aus Menschen, die werte-orientiert und „von innen geführt“ zu leben sich bemühen.
Dass dies in vielen Bereichen und auf vielen Ebenen der Kirche nicht der Fall ist, zeigt, wie reformbedürftig und wenig dem Geist Jesu entsprechend die Kirche in unserer Zeit ist.

 

20. Eigenverantwortung und das „Geheimnis des Bösen“:
Immer wieder hört man vornehmlich in katholischen Kreisen: „Hinter diesem schrecklichen Verbrechen steckt der Teufel dahinter.“
So wie es problematisch ist, für faszinierende Ereignisse in der Natur Gott als Ursache anzuführen, wo Zweitursachen und die „Autonomie der irdischen Wirklichkeiten“ zu bedenken wären, ebenso ist es problematisch und schädigt die Glaubwürdigkeit, wenn in der Kirche bei schrecklichen Verbrechen, deren Ursache wir (noch) nicht kennen, allzu schnell der Satan und das „Geheimnis des Bösen“ angeführt wird.
Stattdessen müssten die Bemühungen der Erforschung verstärkt werden.
Bei der Rede vom Teufel, vom Satan und vom „Geheimnis des Bösen“ besteht die Gefahr, dass man sich die Mühe und die Verantwortung für ein tieferes Verstehen psychologischer Hintergründe ersparen will. Solche Rede verstärkt Ohnmachtsgefühle und verführt zu einer unangemessenen Art des Betens.
Mit der Formulierung „Geheimnis des Bösen“, müsste man deshalb sehr sehr zurückhaltend umgehen.

 

 

Schlusswort

 

Dass Menschen also „von innen her bewegt und geführt“ handeln, wozu die Botschaft Jesu einlädt und wie es das Zweite Vatikanische Konzil 1965 für die Kirche und damit für die Christen klar formuliert hat, erfordert einen Prozess der geistig-seelischen Mündigwerdung.

Diesen Prozess sollte die Kirche nicht nur ermöglichen, sondern anstoßen und begleiten, damit die Christen im Bewusstsein ihrer Würde als „Kinder Gottes“ liebevolle und verantwortungsvolle Verwalter der Schöpfung Gottes werden und ihr eigenes Leben zur Entfaltung bringen.

 
Dazu ist es notwendig, dass die Menschen nicht nur ihre Verstandeskräfte für tragbare Gewissensentscheidungen einsetzen, sondern auch mit ihren Gefühlsimpulsen aufmerksam und verantwortungsvoll umgehen lernen.
Dazu sind aber die möglichen vielfältige Gefühlsblockaden zu erkennen und abzubauen. Dafür ist nicht nur eine gesunde Spiritualität, sondern auch manches Wissen über psychische Prozesse und deren Heilungsmöglichkeiten notwendig.


Der zweite Teil der benediktinischen Lebensregel Bet´ und arbeit!“ bezieht sich in unserer Zeit nicht nur auf Handarbeit oder geistige Arbeit, sondern nach heutiger Erkenntnis psychischer Vorgänge auch auf seelische Arbeit, die viele in der Kirche erst lernen müssen.

Ähnlich wie in der Entwicklungshilfe für wirtschaftlich unterentwickelte Länder, wo Gebet und Spiritualität allein nicht die Probleme lösen, sondern häufig landwirtschaftliches, betriebswirtschaftliches und wirtschaftspolitisches Wissen erforderlich sind, so ist es auch für viele psychische Probleme notwendig, ein gewisses analytisches Wissen und Handwerkzeug sich anzueignen, um auf dem Weg einer verantwortungsvollen Mündigwerdung voranzuschreiten.
>>>

 

Wie bei manchen handwerklichen oder körperlichen Problemen es manchmal notwendig ist, einen Fachmann zu Rate zu ziehen, wird dies auch bei Problemen mit Gewissensentscheidungen notwendig sein.
Ansonsten wird entscheidend sein, ob „Seelsorger“ Fachleute im Grenzbereich von Spiritualität und psychischen Prozessen sind und ob Pfarrgemeinden durch entsprechende Bildungsarbeit ein hohes Maß an Kompetenz in diesem Bereich für die Gemeindemitglieder anbieten können.

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfed.de)

 

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