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Die Krise der Evangelischen Kirche hat denselben hintergründigen und langfristigen Grund wie die Glaubenskrise in der Katholischen Kirche.

In der Katholischen Kirche kommen zusätzlich die strukturellen Ursachen dazu
(autoritäres System, Ausgrenzung der Frauen, Pflichtzölibat, Sexualmoral),
die auch als verstärkte Ermöglichung von sexuellem und geistlichem Missbrauch erkannt worden sind.

Da die derzeitigen Reformbemühungen der Katholischen Kirche in Deutschland sich nicht auf die schon lange vor und unabängig vom Missbrauchsskandal beobachtbare Glaubenskrise beziehen, werden die langfristigen Ursachen der Krise ausgeblendet und nicht bearbeitet.

Nun ist es tatsächlich so, dass die Ziele der aktuellen Reformbemühungen in der Kath. Kirche in der Evangelischen Kirche bereits verwirklicht sind. Trotzdem sind die Kirchenaustrittszahlen dort meist deutlich höher als in der Katholischen Kirche.

Dies ist ein wesentlicher Kritikpunkt der konservativen Kräfte in der Kath. Kirche in Deutschland wie auch im Vatikan am „Synodalen Weg“. Deren These: Durch die Verwirklichung der Ziele des Synodalen Weges werden wir nur den Status der Evangelischen Kirche erreichen und dann noch höhere Austrittszahlen bekommen als jetzt.

Deshalb hört man in sehr konservativen Kirchenkreisen immer wieder die Aufforderung an die um strukturelle Reformen bemühten Gruppen: „Werdet halt einfach evangelisch, dort habt ihr, was ihr wünscht, aber dann habt ihr noch mehr Probleme als jetzt.“

Es erstaunt mich deshalb sehr, dass es in der Katholischen Kirche nicht ein starkes Bemühen gibt, die Glaubenskrise der Evangelischen Kirche zu verstehen – und damit vielleicht auch die tieferen Ursache der Krise in der Kath. Kirche. Wenn in der Ev. Kirche die strukturellen Probleme, unter denen viele in der Kath. Kirche leiden, weitgehend gelöst erscheinen, muss es sich um inhaltliche Fragen handeln, die die Glaubenskrise verursachen.

Nun habe ich mir ein aktuelles inhaltliches Grundlagenpapier der Ev. Kirche angesehen, nämlich das Glaubensdokument „Für uns gestorben - Die Bedeutung von Leiden und Sterben Jesu Christi“ von 2015 (https://archiv.ekd.de/EKD-Texte/98004.html) – und bin erschrocken.

Denn die „Erlösungsbedürftigkeit“ des Menschen wird dort immer noch vorrangig in der Sünde und Schuld des Menschen gesehen. Bei der Beschreibung von „Sünde“ (S. 161-162) liest man eine Mischung von destruktiven Verhaltensweisen (Lüge, Gewalttätigkeit, …) und belastenden Gefühlen (Hass, Missgunst, ...).

Nun ist für psychologisch interessierte Menschen unserer Zeit klar, dass alle Gefühle ihre Ursachen haben und als Signale der Psyche zu verstehen sind. Auch belastende Gefühle weisen uns auf Probleme hin, die der Bearbeitung bedürfen. Wenn wir sie nur abreagieren, wirken sie destruktiv. Wenn wir sie bewerten, sind wir dabei, Menschen abzuwerten (Vgl. Mt 7,1: „Richtet nicht!“); aber dann werden wir unfähig, die Probleme zu verstehen und zu lösen.

Ähnlich verhält es sich mit den aufgeführten destruktiven Verhaltensweisen. Mancher engagierte Religionslehrer versucht heutzutage seinen Schülern die psychologischen Hintergründe z.B. von Lüge und Gewalttätigkeit zu erschließen und Lösungswege für die aktiv so Handelnden wie für die darunter passiv Leidenden anzubieten, bzw. solche mit den Schülern zu erarbeiten.

Die Aufgaben, die sich hier stellen:

  • Es gilt, Hilfen anzubieten, um die Botschaft von belastenden Gefühle zu verstehen und die Probleme, die dadurch sichtbar werden, lösen zu helfen.
  • - Es gilt, die psychologischen, weltanschaulichen und spirituellen Hintergründe von destruktiven Verhaltensweisen zu erkennen und konstruktiv d.h. problemlösend damit umzugehen.
  • - Dabei gilt es, spirituelle von psychologischen Ursachen und Problemlösungswegen zu unterscheiden – wobei die „spirituellen Lösungswege“ ohne die traditionell vorherrschenden Muster der Kreuzestheologie auskommen, die in diesem Grundlagentext als Glaube der Kirche dargestellt werden.

Ich kann in diesem Grundlagentext der Evangelischen Kirche nicht erkennen, dass die heutigen psychologischen Erkenntnisse über die verschiedenen Ursachen von belastenden Gefühlen und Verhaltensweisen und ein konstruktiver Umgang damit bekannt sind.

Ebenso wenig kann ich erkennen, dass darin die differenzierten psychologischen Erkenntnisse über die seelischen Prozesse von Versöhnung und Verzeihung bekannt sind.

Hier werden veraltete theologische Denkmuster in unzulässiger Weise über die Probleme der Menschen unserer Zeit gestülpt. Ist es verwunderlich, dass viele damit nichts mehr anfangen können?

Nun ist das Thema „Erlösungsbedürftigkeit des Menschen“ keineswegs ein Randthema unseres Glaubens, sondern zielt auf dessen Zentrum. Wie sollen wir sinnvoll von Erlösung sprechen können und wie sollen wir Erlösung in liturgischen Riten feiern können, wenn wir ein defizitäres Verständnis von Erlösungsbedürftigkeit des Menschen haben?

Hier wird sichtbar, dass im Verständnis von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen die Evangelische Kirche keineswegs besser ist als die Katholische Kirche. In beiden Kirchen ist der Dialog mit den naturwissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit erschreckend defizitär und ihre jeweilige Glaubenslehre und Gebetskultur in den Augen vieler Menschen lebensfern und damit nicht lebensrelevant.

Nun hat Papst Johannes-Paul II. 1979 in seiner ersten Enzyklika über die Erlösung („Redemptor hominis“) ein ganzheitlicheres und zeitgemäßes Verständnis von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen formuliert, die dort in Kap 10 so beschrieben ist:
Der Mensch ist für sich selbst ein unbegreifliches Wesen. Sein Leben erscheint sinnlos.
Er erlebt in sich Unruhe und Unsicherheit, Schwäche, Sündigkeit und Tod.“

Nun hat diese Aktualisierung der Glaubenslehre in der Kath. Kirche keinerlei Auswirkungen in ihrer Liturgie und Gebetskultur bekommen. Deshalb kann man für die Kath. Kirche feststellen: Da steht manche zeitgemäße Erneuerung der Glaubenslehre in den Regalen der Pfarrämter und im Kirchengebäude daneben wird weiterhin mittelalterlich gebetet.

Ein Diskussionsangebot für ein zeitgemäßes Verständnis von der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und für ein entsprechendes Verständnis von Erlösung erlaube ich mir, Ihnen im Folgenden zur Kenntnis zu geben:

- https://hanglberger-manfred.de/erloes-hanglberger.htm

- https://hanglberger-manfred.de/eucharistiefeier-als-mahlgemeinschaft.htm

- https://hanglberger-manfred.de/eucharistie-erloesungsbeduerftigkeit.htm

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

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