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Die „–ismen“ als kirchliche Feindbilder in der Predigt von Kardinal Ratzinger vor dem Konklave am 18.04.2005

 

Aus der Predigt von Kardinal Ratzinger im Gottesdienst am 18. April 2005 vor der Papstwahl, in der er dann selbst zum Papst gewählt wurde:

 

„Wie viele Winde der Meinungen haben wir in den vergangenen Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkmoden ...
Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen durchgeschüttelt worden - von einem Extrem ins andere geworfen:

Vom Marxismus in den Liberalismus, bis zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter.

Jeden Tag erscheinen neue Sekten, und es vollzieht sich das, was der heilige Paulus über den Betrug an den Menschen sagt, über die Verschlagenheit, die versucht, in den Irrtum zu führen (vgl. Eph 4,14). Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft mit dem Etikett des Fundamentalismus belegt; während der Relativismus, also das Sichtreibenlassen von jedem Widerstreit der Meinungen, als die einzige Haltung erscheint, die auf der Höhe der heutigen Zeit ist. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt.“

 

Es sind also folgende Geistesströmungen, die Ratzinger als „Betrug an den Menschen“ heftig kritisiert:

Marxismus

Liberalismus

Libertinismus

Kollektivismus

radikalen Individualismus

Atheismus

vager religiöser Mystizismus

Agnostizismus

Synkretismus

Relativismus

 

Nun wären aber diese „Denkmoden“ und „ideologischen Strömungen“ - wie Ratzinger sie bezeichnet - sehr hilfreich für eine ehrliche Gewissenserforschung und ein Schuldbekenntnis der Kirche, um geschichtliche und z.T. noch gegenwärtige Einseitigkeiten und Defizite der Kirche zu erkennen und zu heilen.

Hat Ratzinger eine sehr wichtige Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht verstanden, wo es in „Gaudium et spes“ heißt:

„Selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben.“ (GS, Kap. 44)

Wenn man also nach der „Nützlichkeit“ der von Ratzinger kritisierten Geistesströmungen für die Kirche sucht, kann man vielleicht feststellen, dass man sie als Reaktionen auf kirchliche Verkümmerungen verstehen kann, die den Christen die Augen öffnen, um ihren Glauben wieder ganzheitlicher (= „katholischer“) zu verstehen und zu verwirklichen.

Was könnte dies bei diesen Begriffen konkret bedeuten?

 

1.   

Marxismus

 

1848: Kommunistisches Manifest:
Das damalige Defizit der Kirche: Sie war extrem Jenseits-orientiert: Vertröstung der ausgebeuteten Arbeiterschaft aufs Jenseits, Religion war wirklich „Opium des Volkes“:

Die Unterdrückung der Arbeiterschaft wurde kirchlicherseits mit Armenspeisung angegangen.

Die Kirche hatte keine politischen und sozialen Visionen,

keine positive Geschichtsdeutung,

kein positives Welt- und Schöpfungsverständnis,
Die Welt galt als Herrschaftsfeld des Teufels, alles „Weltliche“ und Irdische wurde als widergöttlich betrachtet, …

Es gab noch keine katholische Soziallehre.

Es gab keine kritische Analyse von wirtschaftlicher und politischer Macht, keine zeitgemäße Theologie der Arbeit.

Später sagt der Theologe und kirchliche Sozialwissenschaftler Neil Breuning: „Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx“.

Die „Theologie der Befreiung“ in Lateinamerika, die aufgrund der politischen Unterdrückung und der wirtschaftlichen Ausbeutung der dortigen Völker viel von Karl Marx gelernt hat, wurde von Kardinal Ratzinger Jahrzehnte lang bekämpft.

 

2.   

Liberalismus

 

Er entstand als Kampf gegen politische und kirchliche Gängelung, Zwanghaftigkeit, Einschüchterung und Entmündigung.

Der Liberalismus kämpfte für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter und für Demokratie.

Alle diese Freiheiten wie auch eine demokratische Gesellschaftsordnung wurden im 19. Jahrhundert und manche bis in die Mitte des 20. Jhh. (Z.B. Religionsfreiheit) von der Kirche heftig bekämpft.

Aber Freiheit, die verbunden ist mit Verantwortung, gehört wesentlich zum christlichen Glaubensverständnis.

 

3.   

Libertinismus

 

Während der Liberalismus „Freiheit“ mit Rechten und Pflichten und damit mit Verantwortung verbindet und damit in vieler Hinsicht dem Christentum ähnlich ist, lehnt der Libertinismus jede Normbindung ab und wird damit von manchen mit Egoismus, Willkür und Zügellosigkeit in Verbindung gebracht.

Nun kann man Libertinismus auch als Pendelausschlag ins andere Extrem, als Befreiungsschlag gegen die extreme Gängelung und Unfreiheit in Kirche und Gesellschaft verstehen.

So kann die Tatsache des Libertinismus Christen die Augen öffnen, wie sehr kirchliche Gängelung, übersteigertes Gehorsams- und Gesetzesdenken Menschen so verletzt haben, dass sie jede Normbindung ablehnen.

 

4.   

Kollektivismus

 

Der problematische Heils-Individualismus in der Kirche führte zu Werksgerechtigkeit, Werksfrömmigkeit und Heils-Egoismus.

Durch Gehorsam gegenüber den kirchlichen Autoritäten und durch persönliche „Gute Werke“ sollten sich die Christen „den Himmel verdienen“. Es ging der Kirche viele Jahrhunderte nicht um Gerechtigkeit in dieser Welt und um soziale Verantwortung.

Der Kollektivismus betonte dagegen den Gemeinschaftsbezug des Menschen und seine Verantwortung für die Gemeinschaft – und dies schon in dieser Welt.

Auch wenn der Kollektivismus die Rechte und Würde des einzelnen Menschen dem Gemeinwohl opferte und Menschenrechte und die Freiheit des Individuums unterdrückte, kann seine Entwicklung Christen die Augen öffnen für die Defizite in der Kirchengeschichte gegenüber der sozialen Verantwortung des Menschen.

 

5.   

Ein radikaler Individualismus

 

Der Individualismus betont die Originalität und Einzigartigkeit jedes Menschen. Er unterstützt eigenständige Entscheidungen und Meinungsbildung und wird realisiert in der Autonomie und Selbstverantwortung einer Person. Ein Individualismus, der mit sozialer Verantwortung verbunden ist, entspricht durchaus einem wichtigen Aspekt des christlichen Menschenbildes.
Dem gegenüber hat die Kirche viele Jahrhunderte in Glaubens- und Moralfragen die Gläubigen durch kirchliche und angeblich göttliche Strafandrohungen gegängelt und bevormundet.

In manchen Ländern, wie z.B. Italien, wurden die kirchlichen Gebote vom Staat wie Gesetze angewandt, mit denen die Menschen kontrolliert und unterdrückt wurden.
Heute würde man von geistlichem Missbrauch sprechen.
Ein einseitiger „radikaler Individualismus“ ist vergleichbar mit dem „Libertinismus“ der als Pendelausschlag in das andere Extrem zu sehen ist. Doch als Symptom weist er auf ein sehr problematisches Defizit der Kirche hin.

 

6.   

Atheismus

 

Atheismus ist auch als Ablehnung und Protest gegen festgefahrene, entmündigende und im Horizont wissenschaftlicher Erkenntnisse unzeitgemäße Gottesbilder zu sehen.

Der Atheismus beinhaltet zudem die Herausforderung, die Unbegreifbarkeit und Undefinierbarkeit Gottes wieder einzugestehen: „Er bleibt im unzugänglichen Licht!“

Der Atheismus zeigt ein Defizit in der Kirche: Es gibt dort zu wenig Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes.

Das Dogmen-System der Kirche vermittelt manchmal den Eindruck, die Kirchenführer haben Gott im („Be-)Griff“.

Zudem ist der Atheismus ein Protest gegen den Missbrauch des Glaubens an Gott durch kirchliche Denkverbote, Besserwisserei und Machtausübung.

 

7.   

Vager religiöser Mystizismus („Spiritualität“ oder auch Esoterik?)

 

Viele Menschen unserer Zeit, die den kirchlich vorgeschriebenen Glauben ablehnen, aber eine persönliche Spiritualität pflegen, werden wohl von Ratzinger mit dieser Bezeichnung „vager religiöser Mystizismus“ kritisiert.

Es handelt sich um einen religiös geprägten Individualismus und Liberalismus, der sich den kirchlichen Vorschriften und Glaubensaussagen entzieht.

Einerseits kann diese Art einer von der Kirche unabhängigen Spiritualität eine Reaktion auf eine von der Kirche geprägten Moral- und Gesetzes-Religion sein, die sehr gängelnd und bevormundend erlebt wird und in der zu wenig seelische Nahrung geboten wird. Statt Hilfsangebote zu erhalten, um den persönlichen Weg des Glaubens zu finden, werden vorgegebene und z.T. veraltete Glaubensaussagen und Moralvorschriften als heilsnotwendig dargestellt: Zu viel Formalismus und Reglementierung.

 

8.   

Agnostizismus

 

Im Agnostizismus wird im Gegensatz um Atheismus nicht bestritten, dass es Gott gibt, sondern nur seine Erkennbarkeit und die Offenbarungsaussagen der Kirche als „Wissen“.

Der Agnostizismus betont die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens.

Die Frage „Gibt es einen Gott?“ beantworten Agnostiker nicht mit „Ja“ oder „Nein“, sondern mit „Ich weiß es nicht“, „Es ist nicht geklärt“, „Es ist nicht beantwortbar“.

So gibt es Agnostiker, die an Gott glauben und solche, die sich als Atheisten bezeichnen.

Agnostizismus ist als Gegenpol zum Absolutheitsanspruch der Kirche und auch anderer Religionen zu verstehen - vor allem beim Bekanntwerden der Fehler, der Defizite, der Konflikte und Verbrechen der Religionen.

Agnostizismus kann auch Kritik am Anspruch einer „allein-selig-machenden Kirche“ sein

.

Gegen die Darstellung der Kirche als Besitzerin der Wahrheit und eines gesicherten Wissens über Gott.

Die Kirche hat viele Jahrhunderte nicht gezeigt, dass „Glaube“ ein geistig-seelischer Wachstumsprozess ist und die Kirche als eine lernende Glaubensgemeinschaft in der Geschichte der Menschheit „unterwegs“ ist.

 

9.   

Synkretismus

 

Synkretismus bezeichnet die Verbindung und Vermischung von Religionen oder religiösen Traditionen. Der Absolutheitsanspruch der Kath. Kirche wird dadurch in Frage gestellt.

Überholte und problematische Glaubensaspekte zwingen gerade die ehrlich suchenden und geistig und seelisch lebendigen Christen, die positiven Glaubensaspekte aus verschiedenen Religionen und spirituellen Traditionen sich selbst zusammenzustellen.

Für solche Christen hat ein Paulus-Zitat eine wichtige Bedeutung: „Prüft alles – das Gute behaltet“ (1.Thess. 5, 21)

Bereits in den 1970er Jahren sagte ein Dokument des Vatikans, Christen sollen bereit sein, andere Religionen besser kennenzulernen und auch von ihnen zu lernen; dies sei das erste Ziel des interreligiösen Dialogs.

Synkretismus kann eine Reaktion auf den Absolutheitsanspruch der kath. Kirche sein und auf die frühere Abwertung, ja Verteufelung der anderen Religionen, die bei manchen Gläubigen noch in lebendiger Erinnerung ist.

 

10.

Relativismus

 

„Relativismus“ wird von Ratzinger beschrieben als ein „Sichtreibenlassen von jedem Widerstreit der Meinungen“. Er spricht von einer „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letzten Maßstab nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt.“

„Relativismus“ ist bei Ratzinger auch sonst das häufig genannte schlimmste Feindbild der Kirche.

Tatsächlich verneint der „Relativismus“ absolute Wahrheiten und findet eine sichere Erkenntnis der Welt für unmöglich. Damit ist er dem Agnostizismus ähnlich.

Nun kann man den Relativismus auch als Reaktion auf eine Kirche sehen, die ihren Absolutheitsanspruch mit dem Versuch verbindet, veraltete Glaubensvorstellungen, Gebetsformen und Moralforderungen durchzusetzen.

 

Nun hat die Kath. Kirche die Forderung des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht verwirklicht, wo es in „Gaudium et spes“; Kap 17 heißt:

„Die Würde des Menschen verlangt, dass er in bewusster und freier Wahl handle,
das heißt personal, von innen her bewegt und geführt
und nicht unter blindem innerem Drang oder unter bloßem äußerem Zwang.“

Zudem hat die Kirche eine völlig veraltete Vorstellung von der Bedeutung der Gefühle:

https://hanglberger-manfred.de/gefuehle-verstehen-statt-bewerten.htm

Doch statt die Kirche in zeitgemäßer Weise zu reformieren, werden jene Menschen, die sich dem kirchlichen Absolutheitsanspruch entziehen, mit dem Vorwurf des „Relativismus“ konfrontiert.

 

 

Dass Ratzinger die genannten geistigen Strömungen nicht als Symptome für Defizite der Kirche und für einen kirchlichen Umkehrruf erkannte, sondern diese verteufelte und demgegenüber den Glauben der Kirche als eine Art Rettungsanker in den geistigen Stürmen der Zeit vorstellte, lässt vermuten, dass er die moderne Welt nicht verstanden hat.

Sollte diese Predigt der Grund für viele Kardinäle gewesen sein, ihn zum Papst zu wählen, weil er in ihren Augen die Geistesströmungen der modernen Zeit zu verstehen scheint, wäre dies ein Zeichen, dass auch diese Kardinäle die moderne Welt - ebenso wie Ratzinger - nicht verstanden haben, aber in Ratzinger einen Rettungsanker sahen.

 

Zusammenstellung der Informationen und Kommentar von
Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

 

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Das ungelöste Hauptproblem der Kirche unserer Zeit: Die "Säkularisierung" >>> 

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