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Liebe im Netzwerk der Gefühle
(Fassung vom 10.03.2020)

 

Gefühle wurden früher bewertet; es gab gute und böse Gefühle, akzeptable und unakzeptable, Gott wohlgefällige und sündhafte. Manche Gefühle wurden einander als absolute Gegensätze gegenüber gestellt: Liebe z.B. sei das Gegenteil von Hass.
Die moderne Psychologie hat erkannt, dass alle Gefühle miteinander verbunden sind, dass jedes Gefühl ein sinnvoller Teil des seelischen Lebens darstellt. Wenn Gefühle als Signale und Botschaften der Seele verstanden werden, dann hilft uns jedes Gefühl, uns selbst, die Beziehung zu unseren Mitmenschen und zur Welt, die uns umgibt, besser verstehen zu lernen und sinnvoller damit umzugehen. Liebe ermöglicht die Akzeptanz und den Ausdruck aller anderen Gefühle; deshalb ist Liebe gegenüber keinem anderen Gefühl das absolute Gegenteil:

 

1. Liebe und Sehnsucht

2. Liebe und Minderwertigkeitsgefühle

3. Liebe und Mitgefühl

4. Liebe und Achtung

5. Liebe und Eifersucht

6. Liebe und Angst

7. Liebe und Trotz

8. Liebe und Zorn

10. Liebe und Hass

11. Liebe und Verachtung

12. Liebe und Trauer

 

 

 

1. Liebe und Sehnsucht

 

Sehnsucht ist meist der Hunger nach Liebe.

Auch dieser Hunger ist unterschiedlich in verschiedenen Lebensphasen und in verschiedenen Lebenssituationen. Und die Liebe, die den seelischen Hunger stillen soll, hat viele Formen und braucht eine unterschiedliche Gestalt, damit sie uns „gut tut“, damit sie unsere Seele in rechter Weise nährt, stärkt und erfreut. Zu den Grundformen de Liebe, nach denen wir Sehnsucht haben, zählen in der Kindheit Zuwendung, Zärtlichkeit, Wahrgenommen-Werden, Dazugehören-Dürfen und Angenommensein. Später wird immer bedeutungsvoller auch das Geachtet-Sein, in der Trotzphase Raum-Bekommen und Verständnis für den eigenen Willen und für die Originalität des eigenen Wesens. Darauf aufbauend brauchen wir später Vertrauen und Wertschätzung und die Übertragung von Verantwortung, aber auch die Konfrontation mit der Begrenztheit der Welt und ihrer Reichtümer und Möglichkeiten. Und die entsprechende Auseinandersetzung mit unseren Mitmenschen erleben wir langfristig als seelische Nahrung, die wir brauchen für ein gesundes und realistisches „In der Welt sein“.

Wenn uns eines dieser seelischen „Grundnahrungsmittel“ der Liebe fehlt, wird der Hunger danach, d.h. die Sehnsucht, sehr mächtig. Die Sehnsucht ist einerseits die Bindungsenergie der Liebe in einer Partnerschaft, die bei einem zu weiten Auseinandertriften die Seelen wieder zueinander führen kann. Andererseits ist sie ein Signal, dass es einen ungestillten Hunger gibt, dass uns seelisch etwas fehlt, dass wir seelisch vielleicht in der Kindheit bereits „zu kurz gekommen“ sind.

Ungestillter seelischer Hunger aus der Kindheit enthält eine besondere Problematik: Er kann nämlich nicht im Erwachsenenalter in der Form nachgeholt werden, in der wir ihn in der Kindheit gestillt bekommen wollten. Denn was einem die Eltern – vielleicht aufgrund eines schweren Schicksals – zu geben nicht in der Lage waren oder zu geben versäumten, kann man später weder von den Eltern noch von anderen Menschen in einer wirklich sättigenden Weise erhalten. Denn Versuche in dieser Richtung führen dazu, dass man in eine kindliche Erwartungshaltung zurück fällt und seine Mitmenschen in eine Elternrolle drängt, die sie überfordert und durch die man ihnen lästig wird. Defizite in der Kindheit müssen betrauert werden. Die rechte Trauer ist der Weg, belastende Sehnsucht, die ins Leere greift, zu beruhigen und in eine positive Sehnsucht zu verwandeln, die Motivation schaffen kann für die Mitarbeit an einer menschlicheren Welt. (Dazu ein heilender Ritus: >>> )

 

Die Sehnsucht, die ein Hunger nach seelischer Nahrung ist, schafft viele schlimme Probleme, wenn sie ihren Hunger an materiellen Dingen stillen will. Denn sie wird dadurch niemals satt, sondern immer gieriger und unersättlicher, kann habsüchtig, geizig und herrschsüchtig und auch gewalttätig machen, kann Suchtkrankheiten aller Art z.B. Alkoholismus, Zigarettenkonsum, Drogenabhängigkeit, Fettleibigkeit usw. auslösen, kann arrogant, besserwisserisch und intolerant machen gegenüber allem, was kulturell, weltanschaulich oder religiös anders ist. Diese Verschiebung der Sehnsucht nach Liebe auf die materielle oder auch geistige Ebene führt zu Verhaltensweisen, die der Liebe diametral widersprechen. Viele dieser Probleme sind deshalb so schwer zu durchschauen und zu lösen, weil diese „verschobene“ Sehnsucht nicht nur aus dem ungestillten seelischen Hunger unserer eigenen Kindheit kommen kann, sondern weil wir in der Kindheit eine ungestillte Sehnsucht von Vater oder Mutter oder einem anderen nahen Verwandten, mit dem wir unbewusst verbunden sind, übernommen haben können. Wir kämpfen dann in unbewusster Solidarität stellvertretend einen vergeblichen Kampf zu Gunsten eines unserer Vorfahren. So ist es oft unbewusste Liebe, die uns in ein destruktives Sehnsuchtsverhalten treiben kann.

 

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2. Liebe und Minderwertigkeitsgefühle

 

Menschen mit Minderwertigkeitsgefühlen können sich ungeheuer stark verlieben. Warum ist das so? Weil das Minderwertigkeitsgefühl oft entstanden ist aus einer unerfüllten Sehnsucht aus Kindertagen, wenn Vater oder Mutter nicht erreichbar waren. Im Erwachsenen enthält die liebevolle Verbundenheit mit einem Partner die Verheißung, dass alle unerfüllte Sehnsucht aus langen Kindheitsjahren endlich Erfüllung findet, dass Sehnsuchtsschmerzen und Wehmut, die meist längst aus dem Bewusstsein entschwunden sind, aber im Unbewussten weiter wirken, jetzt Heilung und Tröstung finden. In der erfahrenen Zuneigung eines liebevollen Menschen steigt das alles mit auf und löst eine starke Faszination aus. Aber nach einiger Zeit taucht auch die Angst auf, den geliebten Menschen wieder zu verlieren, weil man sich wegen seiner eigenen Minderwertigkeitsgefühle letztlich nicht für liebenswert hält.

Die Angst kann sich mit Misstrauen und Eifersucht verbinden, weil die Minderwertigkeitsgefühle, durch die man sich selbst abwertet, auch den geliebten Menschen abwerten. Denn ist er wirklich ein so wertvoller und liebenswerter Mensch, wenn er ein wenig wertvolles Wesen wie mich liebt? So kann ein fataler Teufelskreis gegenseitiger Abwertung entstehen. Ein Mensch mit starken Minderwertigkeitsgefühlen erwartet, vom Partner zu erhalten, was er selbst in seiner Kindheit vermisst hat, und drängt ihn damit in eine Vater- bzw. Mutterrolle, die diesen auf Dauer überfordert und die diesem deshalb sehr lästig werden kann. So können Minderwertigkeitsgefühle partnerschaftszerstörende Prozesse in Gang setzen.

Wenn die Energie liebevoller Zuneigung stark von Minderwertigkeitsgefühlen genährt wird, ist das Bedürfnis mächtig, sich vor allem am anderen anlehnen zu dürfen, vom anderen geschützt und seelisch genährt zu werden, vom anderen „aufgebaut“ zu werden. Aber in der Partnerschaft muss es einen Ausgleich geben und eine Abwechslung von „sich anlehnen dürfen“ und „dem anderen Halt geben“. Jeder muss schwach sein dürfen und jeder muss auch stark sein können. Wenn über lange Zeit dieser seelische „Partnerschaftshaushalt“ einseitig läuft und dadurch ein starkes „Gefälle“ zwischen den Partnern entsteht, werden die Trennungsenergien stärker. Denn die „Gefälle-Struktur“ entspricht mehr einer Eltern-Kind-Beziehung und diese ist auf „Abschied“, auf die Lösung eines Kindes von den Eltern angelegt, die sich hier in der Partnerschaft als Lösungstendenz eines der beiden Partner entwickelt.

Wenn Partner mit einem starken Gefälle in ihrer Beziehung doch zusammenbleiben, kann der seelisch Stärkere, der seit Jahren den Schwächeren trägt, Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle bekommen, da er beängstigend spürt, dass es ihm nicht erlaubt ist, auch einmal schwach und anlehnungsbedürftig zu sein. In einer Partnerschaft so stark sein zu müssen, dass sich nicht nur die Kinder, sondern auch der Partner immer anlehnen kann, verursacht oft nach Jahren plötzlich tiefe Unsicherheit und Unzufriedenheit.

Was wir in der Kindheit vermisst haben, können wir als Erwachsene nur zu einem Teil nachholen. Wer das alles später von anderen Menschen, auf die hin er seine Mutter- bzw. Vater-Sehnsüchte projiziert, erhalten will, schafft unangenehme Konflikte und handelt sich neue Enttäuschungen und Verletzungen ein, was nur zusätzliche Minderwertigkeitsgefühle verursacht.

Enttäuschungen aus der Kindheit können also sowohl starke Sehnsuchtsgefühle wie Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Sie müssen wir betrauern, statt das, was wir vermisst haben, uns von anderen Menschen erhalten zu wollen. In rechter Weise trauern, das heißt, seine Vergangenheit bewusst anschauen und dabei die Schmerzen aus der eigenen Geschichte annehmen und in diese Geschichte innerlich einwilligen.
(Derselbe heilende Ritus wie bei problematischen Sehnsuchtsgefühlen ist auch hier hilfreich: >>> )
Das ist ein Verhalten, das einem Erwachsenen angemessen ist; aber das, was man in der Kindheit vermisste, von anderen Menschen einzufordern und diese damit zu belasten, ist Rückfall in kindliche Bedürfnisse und Verhaltensweisen.

Wer diese Dynamik nicht durchschaut und nicht bereit ist, am Problem seiner Minderwertigkeitsgefühle auch selbst und unabhängig vom Partner zu arbeiten, wird mit seiner übergroßen Sehnsucht, die oft in Eifersucht und in eine Besitz ergreifende Form der Liebe umschlägt, den Partner vertreiben.

 

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3. Liebe und Mitgefühl

 

Im Mitgefühl lassen wir uns von einzelnen Erfahrungen oder auch vom gesamten Schicksal eines Mitmenschen innerlich anrühren. Wir nehmen Anteil an seinen Gefühlen, wir können mitempfinden mit dem, was er erlebt hat. Im Mitgefühl lassen wir das Leben des anderen in unser Leben hereinwirken. Sein Schmerz wird ein Stück auch unser Schmerz, seine Freude wird ein Stück unsere Freude. Das Mitgefühl holt den Menschen aus seiner Begrenztheit und Einsamkeit heraus. Der Mensch als seelischer Planeten- oder Inselbewohner erlebt im Mitgefühl eine Art seelische Brücke, die ihn verbindet mit der Welt eines anderen Planeten- oder Inselbewohners. Das Mitgefühl ist ein emotionales Verstehen und Verständnis zeigen. Die Grenzen der Individualität und die Einsamkeit der Originalität werden im Mitgefühl ein Stück aufgelöst. Gemeinschaft, ein Gefühl der Verbundenheit und der Solidarität wird lebendig. So erleben wir die Liebe in der Form des Mitgefühls als erlösende Kraft aus Angst, aus Verlassenheit, aus Einsamkeit, aus Problemen, die uns als Einzelpersonen überfordern und für die wir die Hilfe von Mitmenschen brauchen. Gezeigtes Mitgefühl hat oft eine tröstende und ermutigende Wirkung, so dass wir dadurch schon manche Probleme eigenständig anpacken und lösen können. Das Maß des Mitgefühls in einer menschlichen Gemeinschaft ist das Maß der Menschlichkeit. Denn das Mitgefühl ist die Energie, die dem Notleidenden nicht nur Anteilnahme schenkt, sondern oft auch notwendige Hilfe zukommen lässt, ja oft auch die Energie freisetzt, durch die Menschen gerechtere Ordnungen in ihren Gemeinschaften und im Zusammenleben der Völker geschaffen haben. Auch die Gründung von Organisationen wie z.B. der Freiwilligen Feuerwehr, des Roten Kreuzes, von Amnesty International und der Tierschutzverbände sind nur aus der Fähigkeit und der Kraft des Mitgefühls zu verstehen. So ist das Mitgefühl die Triebfeder für den Fortschritt einer humaneren Welt.

 

Auch wenn Mitgefühl so grundlegend wichtig ist für eine menschenwürdige Kultur, dass sie von religiösen Menschen als göttliche Energie und Gnade betrachtet wird, birgt sie auch Gefahren, die enorme Probleme schaffen können, wenn das rechte Maß des Mitgefühls nicht gefunden wird. Was ist damit gemeint?

Wenn z.B. Krankenschwestern, Ärzte, Seelsorger, Katastrophenhelfer oder Mitarbeiter von Bestattungsinstituten mit dem leidvollen Schicksal von Menschen konfrontiert sind und Anteilnahme und Mitgefühl zeigen, können sie selbst vom Leid dieser Menschen so berührt und belastet werden, dass sie einige Zeit nicht mehr schlafen können und kaum mehr die Kraft haben, ihren Aufgaben und Pflichten nachzukommen. Besonders Pflegekräfte in den Krankenhäusern, die regelmäßig mit Sterbenden und deren Angehörigen zu tun haben, sind mit der nicht einfachen Aufgabe konfrontiert, durch das viele Leid und die zahlreichen Todesfälle nicht emotional abzustumpfen und andererseits nicht durch übergroßes Mitleid seelisch ständig überfordert zu werden und dabei die Lebensfreude zu verlieren. Sie müssen Schutzmechanismen entwickeln ohne die Sensibilität für die Dramatik eines Einzelschicksals zu verlieren. Sie müssen die Gratwanderung finden zwischen Offenheit für den anderen und die Bewahrung des Gespürs für die Originalität und die Notwendigkeit des eigenen Daseins. Sie brauchen eine seelische Abgrenzung ohne dabei menschlich hart zu werden. (Übungen für gesundes Abgrenzungsverhalten und die Bewahrung von Mitgefühl habe ich in meinem Buch „Bin ich denn nichts wert?“ veröffentlicht)

 

 

Eine andere Form des Mitgefühls hat noch problematischere Wirkungen.

Es handelt sich um das unbewusste Mitgefühl, das Kinder von klein an mit den ungelösten seelischen Problemen ihrer Eltern haben können. Die systemische Psychologie hat aufgedeckt, dass ein Kind bereits im Mutterleib und als Säugling seelisch völlig „wach“ ist, obwohl die Entwicklung seines Ich-Bewusstseins noch Jahre dauert. Diese psychologischen Erkenntnisse gehen davon aus, dass ein Kind im Mutterleib seelisch noch keine „Grenzen“ und damit noch keine Individualitätserfahrung und Unterscheidungsfähigkeit gegenüber den Gefühlen der Mutter besitzt. Andererseits wollen starke Emotionen „zur Welt kommen“, wollen einen Ausdruck finden. Wenn nun die Mutter wichtige Gefühle aus ihrem aktuellen Leben oder aus ihrer früheren Lebensgeschichte bekämpft und verdrängt, können sich diese einen „Zufluchtsort“ in der Seele des Kindes suchen, wenn dieses geboren ist; denn das Kind ist das schlechthin offene seelische Wesen und kann sich in seiner emotionalen Verbundenheit mit den Eltern gegen solche Gefühle nicht wehren. Da Vater und Mutter eine Gemeinschaftsseele entwickeln, kann das kleine Kind auch die seelischen Verdrängungen des Vaters in sich aufnehmen. Je nach Stärke solcher Gefühlsbesetzungen kann das Kind große Probleme bekommen, sein eigenes Ich zu entdecken und zu entwickeln. Es kann unter anderem Identitätsprobleme, Angstzustände, emotionale Unausgeglichenheit und Minderwertigkeitsgefühle bekommen. Kinder können aber auch von sich aus in einer sehr sensiblen Wahrnehmungsfähigkeit seelische Schmerzen und Verkümmerungen bei ihren Eltern spüren und in liebevollen, aber überfordernden Erlöser- und Helferrollen sich engagieren, um ihnen beizustehen. Ob ein Sohn seiner Mutter beisteht in ihren Minderwertigkeitsgefühlen, weil sie von ihrem Ehemann unterdrückt wird oder ob eine Tochter als älteste von vielen Geschwistern den Eltern beisteht, um die Kinderschar gut zu versorgen: das große Mitgefühl eines Kindes in solchen Fällen führt meist dazu, dass es die eigene Kindheit und d.h. die Entdeckung und die Entwicklung des eigenen Ichs vernachlässigt und später große Probleme hat, ein gesundes Maß an Mitgefühl zu entwickeln. Es besteht die Gefahr, mit einer kindlich offenen Seele sich später in der harten Welt der Erwachsenen hilflos ausgeliefert zu erfahren und sich grenzenlos ausnutzen zu lassen oder aber andere auszunutzen, weil man endlich noch einmal Kind sein und versorgt sein will.

 

Als Kinder haben wir die Aufgabe und brauchen wir die Chance, eine gesunde „seelische Haut“ zu entwickeln, die sowohl sensibel ist für die Impulse von außen wie auch einen stabilen Schutz und Filter darstellt, um nicht ständig von den Gefühlsenergien, die von außen auf einen einströmen, überflutet und überfordert zu werden. Wenn wir durch überfordernde Helferrollen für die Erwachsenen die Chance dazu nicht bekommen haben, sind wir in Gefahr, später als Erwachsene z.B. in einer Partnerschaft wie Kinder extrem zu schwanken zwischen einem Mitgefühl, bei dem wir uns selbst nahezu aufgeben und einem Mangel an Mitgefühl, das für den anderen als harte Gefühllosigkeit und Egoismus empfunden wird. Besonders auch Partnerschaft braucht das rechte Maß an Mitgefühl und Abgrenzung; wir nennen es auch die rechte Polarität von Partnerliebe und Selbstliebe.

(Heilender Ritus, um unangemessene Helfer-Rollen abzulegen: >>> )

 

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4. Liebe und Achtung

 

Verliebte Paare erleben sowohl das Einander-Nahe-Sein und ihre tiefe Verbundenheit wie auch ihre Unterschiedlichkeit faszinierend, bereichernd und wunderschön. Dass Menschen in ihrer Originalität einander auch mit einer schmerzhaften Unterschiedlichkeit verunsichern und in Frage stellen, können und wollen sie noch nicht wahrnehmen. Für sein seelisches Wachstum braucht der Mensch in seiner Kindheit und auch in einer späteren Partnerbeziehung beides:

Das umfassende Geliebt- und Angenommen-Sein und die Herausforderung und die Auseinandersetzung durch die Gegensätze, mit denen sie sich in ihrer Unterschiedlichkeit ihres jeweiligen Wesens konfrontieren. Manche haben wegen seelischer Defiziterfahrungen in ihrer Kindheit eine solche Sehnsucht nach Eins-Sein mit dem geliebten Menschen, dass sie die Harmonie der Verliebtheitsphase mit allen Mitteln zu retten versuchen. Aber das ist der gefährliche Versuch, eine frühkindliche Lebensphase oder gar die vorgeburtliche Situation der totalen Einheit mit der Mutter nachzuholen. Eine solche Einheit aufrecht erhalten zu wollen aber bedeutet für erwachsene Menschen, die eigene Individualität zu opfern, also Wünsche, Meinungen und Bedürfnisse, die dieser Einheit widersprechen, zu verdrängen und zu verleugnen. Und weil man in der Folge dann auch die vom eigenen Unbewussten ausgesandten Gefühle der Unzufriedenheit, des Zornes und der Trauer verdrängen muss, verliert man immer mehr den Kontakt zur seelischen Realität. Aufsteigende Aggressionen müssen umgelenkt werden; wer in der Verwandtschaft, bei den Bekannten oder am Arbeitsplatz einen kleinen Anlass liefert, bekommt es mit der Wucht der verdrängten Aggressionen zu tun. Oder ein eigenes Kind bekommt Depressionen oder wird ein „Zappelphilipp“, weil es - besetzt von den verdrängten Gefühlen der Eltern - nicht weiß, wohin mit diesen emotionalen Energien.

 

Die gesunde Liebe aber lebt von zwei Sätzen:

Der eine ist weltberühmt und es gibt ihn in allen Sprachen: „Ich liebe dich“

Der zweite ist weniger bekannt, aber für den Bestand der Liebe ebenso wichtig:

„Ich achte dich in deinem Anderssein“

Die Achtung vor der Andersartigkeit des geliebten Menschen drückt aus, dass man den anderen nicht besitzen will und sich gegenseitig nicht einverleiben will, dass man den anderen auch nicht völlig verstehen und in seinem Wesen begreifen kann. Es ist nicht Lieblosigkeit, wenn sich plötzlich der Abgrund des Nicht-Verstehens bzw. des Nicht-Verstanden-Werdens auftut. Menschen tragen in ihrer Originalität Dimensionen einer Unterschiedlichkeit, die zwischendurch als abgründige Fremdheit, als unendliche Ferne, als die andersartigen Welten unterschiedlicher Planeten erfahren werden können. Für verliebte Menschen sind solche Erfahrungen zuerst einmal erschreckend und sie befürchten das Abhandengekommensein ihrer Liebe, manche suchen fieberhaft nach den Ursachen oder gar nach einem Schuldigen. Aber es gehört zum Weg der Liebe dazu, dass unser Unbewusstes zwischendurch auch das Gefühl einer tiefen Einsamkeit, die letztlich in unserer Originalität begründet liegt, weckt. Wer Liebe und Partnerschaft als totale Erlösung aus Einsamkeitsgefühlen versteht, wird nach einiger Zeit tief enttäuscht sein, wird vielleicht am Sinn und an der Kraft der Liebe zweifeln oder dem anderen zuwenig Engagement für die Partnerschaft unterstellen oder er wird Minderwertigkeitsgefühle bekommen, weil er sich selbst für nicht liebesfähig betrachtet. Die Achtung voreinander bewahrt vor unangemessener Einmischung und Gängelung und sie bewahrt vor abwertendem und urteilendem Denken und Reden. Denn sobald wir das Verhalten des anderen nicht verstehen, sind wir in Gefahr, ihm für dieses Problem die Schuld zu geben. Denn wir sind in einer wissenschaftlich gut erklärten Welt, in der wir aufgewachsen sind, überzeugt, dass es durch entsprechendes Bemühen möglich ist, einen Menschen zu verstehen.

Wenn uns dies trotz ehrlicher Anstrengungen nicht gelingt, gehen wir gewöhnlich davon aus, dass der andere entweder uns täuscht, dass er uns Böses will oder dass er komisch oder ein wenig verrückt ist, jedenfalls ist er nicht ganz normal. Wir haben eine Menge Begriffe und Denkmuster zur Verfügung, um einen Menschen abzuwerten, wenn wir ihn nicht verstehen können. Durch die Abwertung haben wir ihn in unser geistiges Wertesystem, in unser inneres Schubladensystem einsortiert, und damit ist unsere eigene Welt in gewisser Weise wieder „in Ordnung“. Wir haben die Verunsicherung und Angst, die im Nicht-Verstehen-Können und im Nicht-Verstanden-Werden gegenüber einem Partner auftauchen, bewältigt – aber auf Kosten der Liebe. Liebe, die mit Achtung verbunden ist, verzichtet auf Abwertungen und Verurteilungen, durch die wir uns innerlich über den anderen stellen, sie hält Angst und Verunsicherung aus, die im Nicht-Verstehen-Können in uns aufsteigen. Sie ist offen und macht sich auf den Weg für ein neues und tieferes Verstehen, ohne zu beanspruchen, damit je ganz zu Ende zu kommen. Die Liebe, verbunden mit der Achtung, bewahrt die Ehrfurcht vor dem Geheimnis und der Originalität des anderen. Sie bleibt seelisch auf gleichem Boden mit ihm und schaut nicht auf ihn herab. Sie spürt zwischendurch den Abgrund, der sich im Nicht-Verstehen-Können zwischen einem selbst und dem anderen auftut. Aber die Liebe glaubt, dass es über den Abgrund hinweg eine tiefe Wertschätzung und Verbundenheit gibt, die stark genug ist, die Beziehung immer wieder in einer tiefen Erfahrung des Glücklichseins zu entfalten. So sind Liebe und Achtung zwei fundamentale Pole, die eine langfristige Liebesbeziehung unbedingt braucht.

 

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5. Liebe und Eifersucht

 

Gefühle werden durch aktuelle Anlässe ausgelöst, aber sie werden verstärkt durcheine ähnliche kindliche Erfahrung, die aber damals keine gute Lösung gefunden hat, und sie werden grenzenlos gesteigert, wenn sie ein Gefühl berühren, das man von den Eltern unbewusst übernommen hat, weil diese es nicht ausdrückten, sondern es verdrängten und damit abwerteten.

Eifersucht ist weniger die Folge von objektiver Ungerechtigkeit, sondern es geht um die Frage, wer mehr geliebt wird von einem Menschen, von dem man geliebt werden möchte. Es geht um eine Konkurrenzsituation in Liebesbeziehungen. Da die erste und grundlegende Liebesbeziehung eines Menschen in der Kindheit die Beziehung zu Mutter und Vater ist, findet die Prägung für starke Eifersuchtsgefühle in der Kindheit statt. Wer also als Kind erlebt hat, dass eine Schwester oder ein Bruder von einem Elternteil klar bevorzugt worden ist, kann später als Ehepartner extreme Eifersuchtsszenen inszenieren.

Aber auch bei Sandwich-Kindern, also den mittleren von drei Kindern, bei denen Eltern oft nicht wahrnehmen, dass dieses Kind seelisch keinen so guten Platz findet, wie die beiden anderen Kinder, kann eine emotionale Prägung entstehen mit der geheimen Frage: „Warum bin ich weniger liebenswert, warum werde ich weniger beachtet als die anderen Geschwister?“

 

Eine ähnliche Eifersucht kann gegenüber einem fremden Kind entstehen, wenn der Elternteil, dem man sich seelisch stärker verbunden weiß, abwesend oder sonst kaum erreichbar ist; z.B. wenn ein kleiner Junge seinen Vater verlor und sah, wie seine Schulfreunde mit ihren Vätern spielen konnten, kann eine Eifersucht entstehen, die im Erwachsenenalter, durch kleine Benachteiligungen ausgelöst, auf einen anderen Menschen projiziert wird.

Natürlich gibt es auch die Eifersucht, die bei Sigmund Freud im Phänomen des Ödipus-Komplexes beschrieben worden ist, also die Eifersucht des Sohnes auf die Mutter in Konkurrenz mit dem Vater. Der lebensgeschichtliche Hintergrund bei Freud ist sehr interessant: Die Konkurrenz zwischen Sohn und Vater erlebte er bei einem seiner zwei Halbbrüder aus erster Ehe seines Vaters. Dieser Halbbruder war mit der neuen jungen Ehefrau von Freuds Vater ungefähr gleichaltrig und es gab offensichtlich zwischen diesen beiden eine erotische Spannung. Aber die Sehnsucht nach der Mutter war vor allem das eigene Problem des kleinen Sigmund Freud; er war nämlich der Erstgeborene in der zweiten Ehe seines Vaters. Als das Kind, das nach dem kleinen Sigmund geboren worden war, starb und die Mutter in dieser Zeit auch ihren Lieblingsbruder durch Tod verlor, fiel diese einige Zeit in Depressionen und konnte für das ältere Kind nicht mehr selbst sorgen, nicht zuletzt, weil bald ein drittes Kind geboren wurde und sie ihre verbleibende Kraft für den Säugling brauchte. Deshalb wurde eine Kinderfrau angestellt, die für den kleinen Sigmund zu sorgen hatte. Als diese wegen Diebstahls verhaftet und von der Familie entlassen wurde, verlor der Erstgeborene nach dem seelischen Verlust der Mutter auch diese Ersatzmutter. Die jahrelang unerfüllte Sehnsucht nach der Mutter dürfte beim jungen Freud den Hintergrund geschaffen haben für das Eifersuchtsmodell, das im Ödipus-Komplex beschrieben ist. Allerdings wird es in dieser Allgemeingültigkeit, wie es Freud dann darstellt, von Familientherapeuten nicht akzeptiert; doch für Schicksale, wie sie das Kind Sigmund Freud erlebt hat und es viele andere Menschen in irgendeiner ähnlichen Weise erfahren haben, kann es durchaus zutreffend sein.

Allein schon durch eine sehr enge Folge von Geburten können die jeweils älteren Kinder in eine starke Eifersuchtsproblematik geraten. Denn das Neugeborene nimmt die Mutter so sehr in Anspruch, dass das früher geborene Kind von der bisher gewohnten sehr engen seelischen und körperlichen Verbundenheit mit der Mutter weg geschoben wird. Wenn dieses Kind aber erst ein oder eineinhalb Jahre alt ist, bräuchte es die intensive Nähe der Mutter noch. Dieses Weggeschoben-Werden erlebt es deshalb als einen Mutterverlust, als das Zerbrechen seiner wichtigsten Liebesbeziehung, als die unzeitgemäße Auflösung einer heilen Welt. Nicht nur das seelische Urvertrauen kann dabei tief verletzt werden, es kann auch eine starke Eifersuchtsenergie entstehen, die das ganze spätere Leben prägt.

Wenn im Ödipus-Beispiel es dem Sohn gelingt, von der Mutter mehr geliebt zu werden als der Vater, schlägt die Eifersucht um in extremes Konkurrenz- und Rivalitätsverhalten. Das sind oft die erfolgreichen Manager oder Supersportler, die sich und den anderen immer zeigen wollen, dass sie die besseren sind. Denn dies ist die Botschaft aus ihrer Kindheit: „Du musst in den Augen der Mutter liebenswerter, besser sein als der Vater.“ So treten sie mit jedem Mann in Konkurrenz. Die letzte Quelle ihres Handelns ist aber nicht Egoismus, Stolz oder Ehrgeiz, sondern die unbewusste Liebe zu ihrer Mutter, das Bemühen, deren Traurigkeit und Minderwertigkeitsgefühle aufzulösen, die vermutlich bedingt sind durch zu wenig partnerschaftliche Liebe vom Ehemann. Aber diese Erfolgstypen, die letztlich ihrer Mutter Ehre machen wollen, sind so sehr gewohnt, von der Mutter verehrt und angehimmelt zu werden, dass sie dies auch bei jeder Frau erhoffen und in arge Verletztheit und Eifersucht geraten, wenn ihnen dies einmal nicht gelingt. Es entsteht aber keine gesunde Partnerschaftsbeziehung, wenn man ein Leben lang nur das Erlösungsprogramm abspult, in das man als Kind in der Beziehung zu seinen Eltern geraten ist.

Krankhafte Eifersucht, die von großer Angst beherrscht ist, den Partner zu verlieren, führt oft zu sehr destruktiven Konflikten, zu ständigen Vorwürfen und Misstrauen, man glaubt sich vom anderen nicht wirklich geliebt, sondern unterstellt ihm ständige Täuschungsmanöver und Verlogenheit; man versucht ihn ständig zu kontrollieren, seine Freiheit weitgehend einzuschränken und jeden eigenständigen Entfaltungsspielraum zu rauben. Solche Eifersucht kann das Zusammenleben zu einer Hölle werden lassen; der eifersüchtige Partner unternimmt in seiner Eifersucht einiges, um den anderen tatsächlich zu vertreiben. Damit hat er dann wenigstens theoretisch mit seinen Vorwürfen und mit seinem Misstrauen „Recht“ bekommen. Unbewusst hat er es dann geschafft, sein Kindheitsschicksal, in dem er auch damals schon seelisch im Stich gelassen worden ist, zu wiederholen. Damit hat er jetzt die Chance, den alten Schmerz zu bearbeiten und zu betrauern und so zu einem gesunden Selbstwertgefühl und für eine gesündere Partnerschaftsbeziehung die Voraussetzungen zu schaffen. Natürlich hat er auch die Möglichkeit seine alte Eifersucht wieder in eine neue Beziehung einzubringen und dort ein schmerzhaftes Kinderschicksal noch ein weiteres Mal zu inszenieren.

 

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6. Liebe und Angst

 

„Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1. Joh 4,18)

 

Liebe befreit von Angst, weil sie Lebensbejahung vermittelt, weil sie Raum gibt sich zu äußern und Raum gibt für alle Gefühle.

Angst ist ein sensibles Warnsignal für Gefährdungen und Irrwege. Diese natürliche Angst ist durchaus ein wertvoller Wegbegleiter auch für die Liebe. Aber es gibt auch eine Angst in der Form einer allgemeinen Ängstlichkeit, die viel Misstrauen oder Minderwertigkeitsgefühle enthält. Solche Angst ist meist Ausdruck dafür, dass man noch nicht zu sich selbst gefunden hat, dass man noch manche ungeheilte Schmerzen von Verletzungen aus der Kindheit in sich trägt oder dass man von den verdrängten Gefühlen der Eltern belagert ist, die die eigene Ich-Entwicklung blockieren.

Wenn wir sehr viele „Alt-Lasten“ in eine Partnerbeziehung einbringen, werden wir immer wieder enorme Spannungen und Konflikte erleben, weil die partnerschaftliche Liebe einen Raum schafft, in dem sich alte unaufgelöste Schmerzen und ungeheilte Verletzungen, Enttäuschungen aus der Kindheit und übermächtige Sehnsüchte und Erwartungshaltungen hervorwagen und in der gegenwärtigen Beziehung sich austoben. Gewöhnlich erwarten wir, dass eine Partnerschaft, die wir in Liebe beginnen, alles erträgt und heilt, was wir „mitbringen“. Eine gewisse Naivität in dieser Erwartung ist vor allem dadurch begründet, dass der Großteil unserer seelischen Belastungen verdrängt ist, sich deshalb unserer Erinnerung und unserem Bewusstsein entzieht und wir deshalb gar nicht wissen, was wir an seelischen Belastungen in eine Partnerschaft mit einbringen. Und wenn die Verdrängungen nach einiger Zeit aufsteigen und sichtbar werden und Konflikte verursachen, hat man meist zuerst einmal den Eindruck, dass der andere in der Partnerschaft daran „schuld“ sei.

 

Je jünger wir sind, desto mächtiger sind die Verdrängungen, desto unbeschwerter beginnt man meist eine Partnerschaft, entsprechend wenig spielt Angst eine Rolle. Wer nach einigen Versuchen den Eindruck bekommt, dass es ihm nicht gelingt den rechten Partner zu finden, kann plötzlich in die berühmte „Torschlusspanik“ geraten. Heftige Angst überfällt ihn, dass er ein Leben lang allein bleiben müsse oder dass er in eine Partnerschaft gerät, in der er nicht glücklich wird und er sie dann vielleicht nur durchzustehen versucht, um wenigstens nicht in der Öffentlichkeit als „übrig geblieben“ dazustehen. Auch wenn in unserer Zeit das Single-Dasein nicht mehr mit der abwertenden Einschätzung der Gesellschaft wie in früheren Zeiten zu rechnen hat, ist es ein großer Unterschied, ob jemand innerlich dazu „Ja“ sagt oder er in diese Situation geraten ist, ohne dass er es will und entsprechend darunter leidet.

 

Manche haben sich in ihrer Partnerschaft damit abgefunden, dass man in unbefriedigender Weise nebeneinander her lebt, haben ihre Sehnsüchte und Hoffnungen begraben, unterdrücken aber die Gedanken an eine mögliche Trennung, weil sie Angst haben vor der Einsamkeit oder vielleicht noch mehr Angst vor einem sozialen Abstieg oder dass sie mit ihrem Leben alleine nicht fertig werden könnten.

 

Andere haben so große Angst vor jeder Änderung und vor der Verpflichtung an sich arbeiten und Entscheidungen treffen zu sollen. Dies kann dazu führen, dass sie auch bei einer schlechten Partnerschaft nicht daran denken, sich durch Beratung oder Therapie kompetente Hilfe zu holen. Statt dessen leiden sie lieber über Jahre und Jahrzehnte und sind mit ihrem Leben zutiefst unzufrieden. Wenn man als Therapeut solchen Menschen begegnet, sind Mitleid und gute Ratschläge nicht angebracht, höchstens Bewunderung und Anerkennung für ihre „Opferhaltung“.

 

Eine besondere Form der Angst in einer Partnerschaft ist in der Eifersucht lebendig. Es geht um die Angst, den Partner zu verlieren. Es kann sich dabei um eine gesunde Angst handeln, die ein Warnsignal darstellt, die dazu anregt, eine klärende Auseinandersetzung zu führen über Partnerschaft und Treue. Es kann sich aber auch um eine Angst handeln, in der vor allem alte Verletzungen und Enttäuschungen sich melden und die eine krankhafte Eifersucht produzieren, wie bereits im vorangegangenen Kapital näher ausgeführt.

 

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7. Liebe und Trotz

 

Der Trotz ist eine Ausdrucksform verdrängter Wut. Die unterdrückte Wut kann eine so starke Energie ausstrahlen, dass man Angst bekommt, sie könne extreme zerstörerische Wirkungen gegen die nahe stehenden Mitmenschen verursachen. Solche extremen Wutgefühle und solch starke Verdrängungsmechanismen entstehen vor allem dann, wenn überfordernde Schicksalsschläge in der Kindheit die Ursache sind. Z.B. wenn ein kleiner Junge seinen Vater verlor und durch diesen Verlust nicht nur Schmerz, Trauer und Sehnsucht erlebte, sondern durch die Jahre seiner Kindheit und Jugend auch einen inneren Zorn spürte gegen das Schicksal oder gegen Gott oder auch gegen den Vater selbst, der ihn so früh „verlassen“ hat. Solche Männer können später durch eine relativ unbedeutende Enttäuschung in der Partnerschaft wieder in Kontakt mit diesem inneren Schmerz und mit diesem inneren Zorn aus ihrer verdrängten Kindheit geraten. Schmerzen und Zornesgefühle, die aus solchen lebensgeschichtlichen Erfahrungen genährt sind, entwickeln eine extreme Intensität. Entsprechend groß ist die Angst vor der zerstörerischen Wucht dieser Gefühle, und dies nicht nur bei den Mitmenschen, also den Opfern dieser Wut, sondern beim zornigen Menschen selbst. Eine trotzige Haltung ist für solche Menschen eine Art Notstandsmaßnahme, um sich und den Partner vor der destruktiven Gefahr dieser Gefühle zu verschonen und doch gleichzeitig ihrem Zorn in der versteinerten Form des Trotzes Ausdruck zu verleihen. Da gewöhnlich weder der trotzige Mensch selbst, noch sein Partner die hintergründige Dynamik des Trotzes durchschauen, und es ja zum Wesen des Trotzes gehört, keine Informationen zu vermitteln und damit keine offene Auseinandersetzung zu ermöglichen, führt eine Trotzhaltung beim Partner oft zu Misstrauen und zu einer Fülle oft sinnloser Spekulationen. Zudem wirkt Trotz demütigend und arrogant und kann zu tiefen Verletzungen, zu Ratlosigkeit und Resignation beim Partner bzw. bei der Partnerin führen.

 

Lang anhaltender Trotz zerstört in hohem Maße Wertschätzung und Liebe in der Beziehung. Der Trotz kann eine so gewaltige Form von Demütigung und Geringschätzung verursachen, dass er beim anderen, der vielleicht sowieso schon unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet und von klein an gelernt hat, seinen eigenen Zorn zu verdrängen, endlich die Tür aufstößt zu dessen eigener Zorn-Energie. So kann Trotz ähnlich wie Verachtung dazu führen, dass das Opfer dieser verletzenden Gefühle endlich einmal explodiert, seine Verletztheit klar formuliert, seine eigenen Interessen und Bedürfnisse endlich deutlich vertritt und dafür kämpft und nicht mehr wie bisher geduldig und mit großer Hingabe sich die Liebe des anderen verdienen will.

 

Bei manchen eher schüchternen Menschen kann man den Eindruck bekommen, sie brauchen einen trotzigen Partner, um so verletzt zu werden, dass sie endlich lernen zu kämpfen und damit zu ihrer Ich-Energie zu finden. Wir suchen uns nämlich unbewusst den Partner, der uns durch sein Verhalten in einer oft schmerzvollen Weise herausfordert, unser eigenes Ich zu entdecken und verdrängte Gefühle und damit verkümmerte Seelenteile zur Welt zu bringen und zu entfalten. Solche seelischen Geburtsprozesse können in heftigen Auseinandersetzungen stattfinden. Wer gelernt hat, den Zorn zu fürchten und sich selbst als von Zorn entbrannten Menschen gering zu schätzen, der wird auch den Menschen, der seines Zorn provozierte, weiterhin als Gegner und als „Problem“ betrachten, statt ihm vielleicht insgeheim auch ein wenig dankbar zu sein.

 

Eine Ehefrau löste das Problem mit ihrem trotzigen Ehemann anders: Sie merkte irgendwann, das sie zwar mit Kleinigkeiten die Trotzphase bei ihrem Mann auszulösen vermochte, aber dass ihr Verhalten nicht die Ursache des Problems sein konnte. So fand sie zur Überzeugung, dass es sich um ein Problem ihres Mannes handeln musste, das sie zwar nicht kannte; aber sie interpretierte sein Verhalten nicht mehr als Strafe gegen sich, wie sie es früher getan hatte und sich dadurch sehr verletzt erlebte. So konnte sie verhindern, dass das Verhalten ihres Mannes sie wie früher sehr belastete. Sie konnte es immer leichter wie eine vorüber gehende Schlechtwetter-Phase, die außerhalb von ihr stattfindet, ertragen und vorbei gehen lassen.

 

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8. Liebe und Zorn

 

Wenn wir unseren Ärger und Zorn einem Vorgesetzten oder Partner gegenüber verdrängen, dann schwindet unsere Achtung und Wertschätzung gegenüber diesem Menschen und damit die Grundenergie unserer Liebe. Wenn wir aber einen konstruktiven Weg finden, unseren Zorn zu zeigen, dann geht es uns besser und wir können den Menschen, dem unser Zorn gilt, leichter ernst nehmen und achten.

So sind Liebe und Zorn innerlich miteinander verbunden und sind füreinander seelische Nahrung. Liebe und Zorn stehen nicht nur in einem Dialog miteinander, im Zorn kann manchmal eine starke unbewusste Liebe enthalten sein. Das Aufdecken des Anteils der Liebe nimmt dem Zorn seine belastende und bedrohliche Seite und kann kreative Energien freisetzen und sie in wertvolle Bahnen umlenken.

 

Aber aggressive Zornausbrüche können einen Wiederholungszwang darstellen für die Verletzungen oder Frustrationen, die man in der Kindheit erlebt hat. Der Zornesausbruch bringt den Schmerz über eine seelische Verwundung zur Welt - leider oft erst dadurch, dass man diese oder eine ähnliche Verwundung anderen zufügt. Der Wiederholungszwang hat mit der kindlichen Sehnsucht zu tun, wahrgenommen zu werden, besonders mit dem, was einem seelisch weh tut. Wahrgenommen werden durch die Eltern bedeutet für ein Kind geliebt zu werden. Es ist die Sehnsucht nach Liebe, die als tiefere Kraft im Wiederholungszwang liegt.

 

Eine besondere Form unbewusster Liebe zeigt sich, wenn jemand dem Elternteil, das er verachtet, im Negativen immer ähnlicher wird. Es ist der Trick des Unbewussten durch diese Nachahmung einen Weg des Verständnisses und der Barmherzigkeit dem gegenüber zu öffnen, den man glaubt verachten zu müssen.

 

Wenn jemand in unbewusster Identifikation mit einer ausgegrenzten Person im Verwandtschaftssystem verbunden ist, kann er dessen Zorn über seine ihm von der Verwandtschaft zugewiesenen Rolle übernehmen und in unbewusster Liebe stellvertretend seine Interessen gegenüber den Mitgliedern dieses Familiensystems vertreten.

 

Was Menschen zu Entrüstung und zum Zorn treibt, geschieht oft aus unbewusster Liebe, die man aber nicht versteht, solange man nur in den Kategorien von Triebhaftigkeit und Boshaftigkeit denkt. Den Anteil unbewusster Liebe auch in einem destruktiven Verhalten aufzuspüren und zu achten, ist die wichtigste Voraussetzung, um destruktive Wege zu verlassen und den eigenen Zorn nicht in Verachtung und Gewalttätigkeit umzusetzen, sondern in „Heiligen Zorn“ zu verwandeln, der der Liebe dient.

 

Ein besonders Problem haben Menschen, die meinen, das, was sie wünschen oder brauchen, müsse von ihrem Partner wahrgenommen und zuvorkommend „geliefert“ werden. Sie sind oft enttäuscht oder vielleicht sogar zornig, weil ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Sie sind zu stolz oder zu verletzt, um zu bitten oder zu fordern oder für ihre Interessen zu kämpfen. Es handelt sich dabei gewöhnlich um Personen, die in ihrer Kindheit die Eltern zu wenig erreichen konnten, deren seelischer Hunger im Kindesalter zu wenig gestillt wurde. Als Erwachsene gehen sie unbewusst zurück in das Gefühl der Resignation und der Sehnsucht im Kleinkindalter. Ein Kleinkind erwartet, dass es ohne differenzierte Formulierung von Interessen von den Eltern einfühlsam wahrgenommen wird, viel Zuwendung und Aufmerksamkeit erhält und seine Bedürfnisse befriedigt werden. Wer dies in der Kindheit vermisst hat, ist als Erwachsener in Gefahr, in passiver Erwartungshaltung zu verharren, ohne selbst aktiv und kreativ tätig zu werden. Statt zu handeln, statt klare Forderungen zu stellen und sich zu behaupten oder etwas zu erbitten, wird man wütend. In der Partnerschaft wirkt sich dieses Charakterschema so aus, dass man nicht sagt, was man möchte, z.B. im erotischen Bereich, aber wütend wird, wenn man nichts bekommt. Solche Wut lähmt und macht kraftlos und kann in der Form des Trotzes zur seelischen Erstarrung führen. Diesen Konflikt gilt es, als Symptom zu verstehen, dass nicht der scheinbar gefühllose Partner lieblos und gleichgültig ist, sondern dass man selbst Trauerarbeit zu leisten hat, um seelisch ungelöste Schmerzen aus der Kindheit zu stillen, um anschließend ein neues Selbstbewusstsein und eine eigenverantwortliche Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

 

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10. Liebe und Hass

 

Wenn leidenschaftliche Liebe von dem Menschen nicht beantwortet wird, den man so sehr liebt, dann kann diese Liebe in Hass umschlagen. Wenn er nicht bereit ist, zusammen mit mir glücklich zu sein und deshalb mich unglücklich macht, dann soll er auch nicht glücklich werden. Die Hassliebe kann eine so gewaltige Energie wecken, dass man dafür sogar ins Gefängnis geht, weil man den geliebten Menschen, der sich einem anderen Partner zugewendet hat, getötet hat. Dafür gibt es immer wieder Beispiele in den Berichten der Medien.

 

Ein berühmtes Beispiel dafür gibt es auch in der Bibel: In der Geschichte von Josef und seinen Brüdern wird berichtet, dass die Frau des Potiphar, eine hohen Beamten des Pharao, sich in dessen Sklaven Josef verliebte und mit ihm schlafen wollte. Als Josef darauf nicht einging, versuchte sie durch Vortäuschung eines erlittenen Vergewaltigungsversuches, ihn töten zu lassen.

Systemisch betrachtet ist in einer so mächtigen Liebe zu einem „Unerreichbaren“ die ungestillte Liebessehnsucht aus Kindertagen zu einem unerreichbaren Elternteil lebendig. Häufig hat dieses Schicksal eines so verzweifelt liebenden Menschen bereits der Vater oder die Mutter in der Kindheit erleben müssen; später hat deren Kind diese extreme Sehnsucht und auch den verdrängten Zorn von den Eltern übernommen und äußert ihn jetzt in destruktiver Hassliebe. In der zerstörerischen Aktion wird manchmal nicht der Geliebte, sondern der Rivale Opfer des Hasses, manche nehmen sich selbst das Leben.

Neben diesen tödlichen Folgen der Hassliebe gibt es eine unendliche Fülle anderer Formen destruktiver Kreativität: Der eine veröffentlicht Nacktfotos seiner Ex-Freundin im Internet, ein anderer versuchte es mit Telefonterror usw.

Wenn die Liebe sehr mächtig ist, aber der Geliebte die eigenen Gefühle nicht erwidert, dann kann es sein, dass der Liebende so entrüstet wie hasserfüllt wird, dass er dem anderen nur noch schaden will: „Entweder zu liebst mich oder ich mache dir das Leben zu Hölle oder ich vernichte dich.“

 

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11. Liebe und Verachtung

 

Wenn es einen Gegensatz gibt zwischen verschiedenen Gefühlen, dann ist der zwischen Liebe und Verachtung wohl am größten. Verachtung ist im alltäglichen Zusammenleben wohl das gefährlichste und am meisten gefürchtete Gefühl. Denn auch Zorn, Aggressivität und Hass in ihren schlimmsten Formen werden oft von der Erfahrung der Verachtung genährt. Andererseits zerstört oder verhindert Verachtung Mitgefühl und Zuwendung. Und doch kann auch dieses Gefühl in unbewusster Weise mit Liebe verbunden sein und kann über Umwege die Fähigkeit der Liebe neu wecken. Wie ist das zu verstehen?

 

Wer als Junge jahrelang seiner Mutter seelisch beistand, weil diese von der Schwiegermutter und dem Ehemann gedemütigt und unterdrückt wurde, kann als seelischer Ersatzpartner der Mutter, als ihr tapferer Prinz und Fürsprecher mit der größten Zuneigung und Wertschätzung seiner Mutter rechnen. Er fühlt sich groß und wichtig und überaus liebenswert. In der frühen Sensibilität mit der seelischen Not eines erwachsenen Menschen, nämlich seiner Mutter, lernt er schon in der Kindheit Probleme Erwachsener wahrzunehmen und für sie Sorge zu tragen. Durch diese frühe Verantwortung opfert er ein Stück seiner Kindheit und verzichtet auf Trotzphasen und schwierige jugendliche Entwicklungsjahre, um seine Mutter nicht zusätzlich zu belasten. Diese erlebt er schwach und bedürftig und nicht stark genug, um sich in der Welt der Erwachsenen zu behaupten – eine Erfahrung die sein Bild von der Frau prägt.

 

In der späteren Partnerschaft fühlt er sich als Erlöser und Retter von Frauen mit großen Problemen. Manche schaffen es sogar zum „Frauenheld“ zu werden. Die bedürftigen Frauen verehren ihn, die selbstbewussten Frauen spüren seine unbewusste Verachtung; denn er hat gelernt, die Frauen von oben her zu betrachten, als schwach und bedürftig. Er versteht es, ihre Zuneigung zu gewinnen, er zeigt ihnen Hilfsbereitschaft und Unterstützung, aber nimmt sie nicht wirklich ernst. Besonders seine Partnerin verehrt er und hängt an ihr, wie an einer geliebten Mutter, aber unbewusst serviert er ihr immer wieder Verachtung.

 

Der Mensch braucht in der Liebe jedoch nicht nur Zuneigung, sondern auch Achtung und Ernstgenommen-Werden. Wo es Verehrung gibt, ist die Verachtung nicht weit. Die Lösung in diesem Beispiel wäre, wenn dieser Mann seinen Vater achten würde und innerlich seine Position zwischen seiner Mutter und seinem Vater verlassen würde, indem er zum inneren Bild der Mutter sagt: „Mutter, der Vater ist für mich der Richtige, ich achte ihn und nehme mein Leben von ihm an. Und ich achte, dass du ihn zum Mann genommen hast.“

Noch schlimmer ist oft die Verachtung mit Liebe und Sehnsucht verbunden, wenn man als Kind ein Elternteil verloren hat. Denn als Kind empfindet man solche Schicksalsschläge so subjektiv, dass man glaubt, der verstorbene Vater bzw. die verstorbene Mutter habe mich verlassen, habe sich von mir abgewandt, habe mir seine/ihre Liebe vorenthalten. Subjektiv betrachtet hat der verstorbene Elternteil sich von seiner Aufgabe gedrückt, erscheint verantwortungslos oder unfähig. Auch in solchen Fällen kann in einer späteren Partnerschaft Sehnsucht z.B. nach der früh verstorbenen Mutter und Verachtung für ihr „Weggehen“ auf den Lebenspartner übertragen werden.

 

So schmerzhaft und verletzend Verachtung sein kann, wenn sie einem von dem Menschen entgegengebracht wird, den man am meisten liebt und dessen Liebe man sich so sehr erhofft - kann auch eine therapeutisch heilsame Wirkung haben. Denn oft ist ein Mensch, der von dem Menschen, den er liebt, verehrt werden will, wie eine liebevolle Mutter ihr neugeborenes Kind verehrt, selbst in der Kinderrolle hängen geblieben. Die verletzende Wirkung von Verachtung macht einen sehr einsam und drückt einen tief nach unten. Der Verachtete fühlt sich gezwungen, selbst nach dem zu suchen, was er wert ist, was er kann und was ihm hilft, sich selbst zu achten.

Wie ein Strauch, der stark zurück geschnitten wird, eine enorme Lebensenergie entwickelt und viele neue Triebe hervorbringt, so kann ein durch Verachtung gedemütigter Mensch plötzlich die Kraft finden zu einem Protest, durch den er endlich für seine Umgebung klar formuliert, was er selber denkt und will und vor allem, was ihn verletzt, was er nicht will und was er zu tun gedenkt.

 

Verachtung kann bei einem Menschen, der nur angepasst und unterwürfig lebte oder der als „verwöhnte Prinzessin auf der Erbse“ das Leben zu verbringen versuchte, einen gewaltigen Entwicklungsschub in Richtung Eigenverantwortung und realistischem Selbstbewusstsein auslösen. Und wer zu einem gesunden Selbstbewusstsein gefunden hat, ist zu einer anderen partnerschaftlichen Liebe fähig, als wer nur in Anlehnungsbedürftigkeit und hingebungsvoller Dienstbereitschaft den Partner verehrt.

 

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12. Liebe und Trauer

 

Manche glauben, der andere dürfe nicht traurig sein, wenn ich ihn liebe. Meine Liebe müsse die Kraft haben, seine Trauer aufzulösen. Deshalb bekommen diese Menschen Schuldgefühle, wenn der andere traurig ist; sie vermuten sofort, dass sie selbst dafür der Grund sein könnten. Sie gehen davon aus, dass Partnerschaft bedeutet, einander glücklich machen zu müssen und einander glücklich machen zu können. Deshalb werden manche „sehr aktiv“, wenn sie den Partner traurig sehen und meinen, durch aktive liebevolle Zuwendung müssten sie es schaffen, die Traurigkeit zu vertreiben. Hier ist an das Bild von dem Doppelsternsystem zu erinnern, mit dem eine Partnerschaft vergleichbar ist:
Auch wenn zwei Menschen in Liebe miteinander verbunden sind, hat jeder ein seelisches Eigenleben, das auch ein Stück unabhängig von der Partnerschaftsbeziehung existiert.

 

Sicher ist es besser, die Trauer, die durch ein verletzendes und enttäuschendes Erleben in der Partnerschaft ausgelöst ist, auch in der Partnerschaft auszudrücken; aber diese Trauer braucht auch Auseinandersetzung und vielleicht auch Zorn, braucht also eine energetische Verwandlung. Wer im Gefühl der Trauer dabei hängen bleibt, geht in eine Kleinkinderrolle, in der man gewohnt war, dass der eigene Schmerz von den Eltern wahrgenommen und geheilt wurde und man selbst dafür nicht aktiv werden musste.

 

Männer, die in traditionellen Geschlechterrollen aufgewachsen sind, haben gelernt, Gefühle der Trauer als Schwachheit und als unmännlich zu unterdrücken und damit auch zu verachten. Sie sind besonders in Gefahr, kein Verständnis aufzubringen, wenn ihre Frau Tränen und Trauer zeigt. Es ist für eine Partnerschaft langfristig sehr wertvoll, wenn man mit seinen Gefühlen Anteilnahme und Verständnis erlebt. Aber es ist nicht notwendig, mit jedem dramatischen Gefühl des anderen zutiefst mitempfinden zu können, so sehr sich das manche in ihrer Partnerschaft ersehnen. Oft reicht die Achtung vor der augenblicklichen Stimmung des anderen. Manche Frauen, die sehr emotional leben, sagen, dass sie dankbar sind, dass ihr Partner ruhig und ausgeglichener reagiert, nicht so heftig, wie sie selbst, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, nicht vom Sturm der Gefühle hin und her gerissen wird, und sie deshalb an ihm einen starken Halt haben.

 

Trennungserfahrungen wecken oft sehr viel Zorn, umso mehr, je schmerzhafter und verletzender die Beziehung und vor allem die Trennungsphase waren. In einer therapeutisch begleiteten Trennungsarbeit ist es wichtig, vom Zorn zur Trauer zu kommen. Die Ursachen der Trennung soweit wie möglich in der Struktur der Beziehung, die von beiden über Jahre gestaltet wurde, und nicht in den einzelnen Personen festzumachen. Oft kommt man dabei auf unbewusste Belastungen aus der Kindheit oder auf unbewusste Verstrickungen im Verwandtschaftssystem. So kann Zorn über einen Schuldigen der Trauer über Umstände und unbewusste Reaktionsmuster weichen. Die Trauer ist der Weg, einzuwilligen in das Leben, in die Tatsachen und in die Entwicklung, so wie sie sind. Dann hat man die Chance daraus zu lernen und seelisch zu reifen und mit einem neuen Selbstbewusstsein und Verantwortungsbewusstsein in die Zukunft hinein zu gehen.

 

Liebe oder wenigstens Achtung ist das positive Ergebnis, wenn mit Zorn und Trauer ehrlich und konstruktiv umgegangen wird. Nach Trennungserfahrungen ist es wichtig, dass ein „guter Abschied“ gemacht wird. D.h. dass die gemeinsame Vergangenheit mit ihren Licht- und Schattenseiten noch einmal bedacht wird, dass man das, was schön und gut war, gelten lässt und nicht im Nachhinein wegen der verletzenden Erfahrungen auch noch abwertet, dass man das, was man in Liebe gegeben hat, nicht zurücknehmen will. Was Liebe war, ob empfangene Liebe oder gegebene Liebe, darf man nicht im Nachhinein „antasten“ und abwerten, sonst schädigen wir unsere seelische Gesundheit. Das Gelten-Lassen dessen, was gut und schön war, verschärft zwar kurzfristig den Trauerschmerz, aber langfristig hat es eine heilende und stärkende Wirkung.

 

Bei der Trauer um einen Lebenspartner, den man durch Tod verloren hat, gibt es die alte mythologische Sehnsucht, dass die Liebe den Tod besiegen könne, den geliebten Menschen aus dem Tod erlösen könne. Die berühmtesten dichterischen Werke dazu sind wohl „Orpheus und Eurydike“ aus dem Altertum und „Romeo und Julia“ von Shakespeare. Aber auch die Kinofilme „Lovestory“ und „Titanic“ haben mit dem Drama des Themas „Liebe und Trauer“ Millionen Menschen bewegt. Auch der Glaube an eine Auferstehung oder an ein Weiterleben nach dem Tod, wie er in vielen Religionen der Welt lebendig ist, baut letztlich auf der Vorstellung auf, dass Liebe etwas Göttliches sei und dass sie stärker sei als Vergänglichkeit und Tod. So ist die Liebe die stärkste Kraft gegen die Trauer und wird gleichzeitig in schlimmster Weise durch den Tod eines geliebten Menschen verletzt. Denn je mehr wir einen Menschen lieben, desto schrecklicher empfinden wir seinen Verlust.


Verwandelt die Trauer die Beziehung zu dem geliebten Menschen, den man verloren hat, in eine Sehnsuchtsbeziehung, besteht die Gefahr, dass man sich vom Leben abwendet und dem Verstorbenen frühzeitig nachfolgt.
Die systemische Psychologie hat festgestellt, dass ein Kind unbewusst die Todessehnsucht eines Elternteils übernehmen kann und z.B. durch Krankheit oder Unfall einen frühen Tod stirbt. Deshalb ist es wichtig, um Kinder vor der Belastung unbewusst übernommener Todessehnsucht zu bewahren, den verstorbenen Partner in guter Weise zu betrauern und dadurch die Beziehung zu ihm so zu verwandeln, dass man mit seinem „Segen“ das eigene Leben im Diesseits neu entdeckt und bejaht.

Trauer stößt die Entwicklung zu einer neuen intensiven Selbstliebe und Ich-Findung an und verwandelt dann auch die bisherige Beziehung zu einer dynamischen Beziehung zwischen Lebenden und Verstorbenen.
(Ausführlicher dazu im Buch „Tränen, die heilen“ von Manfred Hanglberger)

 

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Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de )

 

LINK: https://hanglberger-manfred.de/liebe-im-netzwerk-der-gefuehle.htm

 

>> Die Dimensionen der Liebe

>> Die Bedeutung der Gefühle

 

>> Partnerprobleme: Ursachen und Lösungsvorschläge

>> Wenn Liebe Leiden schafft (Info zum Buch)

 

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