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Überlegung zum Thema
"Macht, Partizipation und Gewaltenteilung"

 

Die Machtfrage in der Kirche muss von folgenden drei Grunddimensionen christlichen Glaubens ausgehen:


- Das Gottesbild: er regiert uns Menschen nicht wie ein allmächtiger Herrscher, sondern fordert uns, beseelt uns, stärkt uns, begleitet uns auf dem Weg zu umfassender Mündigkeit und Verantwortung.

 

- Das christliche Menschenbild: Personalität, Subsidiarität, Solidarität, „Kind Gottes“,
Jer 31,33-34: berufen zu umfassender Mündigkeit und Verantwortungsfähigkeit in privater, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, ökologischer und religiöser Hinsicht, …

 

- Das Kirchenbild: Kirche als Zeichen und Werkzeug zu dieser umfassenden Mündigkeit und Verantwortungsfähigkeit aller Menschen, …

 

 

Konsequenzen:

 

- Die kirchliche Pastoral: Verantwortung übertragen, Menschen „ermächtigen“:
Verantwortungsfähigkeit und Verantwortungsbereitschaft für sich selbst und in allen Lebensbereichen (auch in der Kirche und in Glaubensfragen) zu fördern und zu ermöglichen, gehört deshalb zu den Grundvollzügen kirchlichen Lebens.

 

- Die kirchliche Gebetskultur und Liturgie: Das christliche Gottesbild, Menschenbild und Weltbild zeigen: Subsidiarität gilt auch in der Beziehung Gottes zu Welt und Mensch. Dies kommt in den traditionellen Gebeten der Kirche nicht zum Ausdruck. Dies wäre dringend notwendig für eine zeitgemäße Spiritualität für die Menschen unserer Zeit.

 

- Kirchliche Organisationsstrukturen: Sie sind zu überprüfen und notfalls zu ändern, ob bzw. damit sie die oben drei ausgeführten Grunddimensionen des christlichen Glaubens, dem Gottesbild, dem Menschenbild und dem Kirchenbild, entsprechen.

Macht zu teilen, um Verantwortung zu übertragen und zu Verantwortung zu befähigen gehört zu den Grundzielen aller kirchlichen Strukturen, die deshalb ständiger Weiterentwicklungen bedürfen, um der wachsenden Verantwortungsfähigkeit der Kirchenmitglieder gerecht zu werden.

(Die Ausgrenzung einer bestimmten Personengruppe z.B. aufgrund des Geschlechts aus einem kirchlichen Verantwortungs- und Entscheidungsbereich erscheint aus dieser Perspektive als zutiefst unchristlich)

 

 

Warum gibt es Machtmissbrauch in der Kirche?

 

Warum ist die Kirche beim Thema Macht und Autorität in eine solche Sackgasse geraten, dass manche Bischöfe von „Machtmissbrauch“ sprechen und dass „die Menschen uns nicht mehr glauben“?

Dies obwohl die Botschaft und die Lebenspraxis Jesu so eindeutig in Richtung Mündigkeit, Eigenverantwortung und umfassende Verantwortungsbereitschaft in allen Lebensbereichen weist.

 

 

Macht hat mit der Beziehung zwischen Machthabern und Macht-Abhängigen zu tun.

 

Deshalb stellen sich bei diesem Problem zwei Grundfragen:

 

1. Warum gibt es bei den Machthabern Personen, die nicht von sich aus bereit sind, die Machtabhängigen an der Machtausübung teilnehmen zu lassen, sondern im Gegenteil versuchen, ihre Machtposition zu verteidigen und Beteiligungsansprüche von Seiten der Macht-Abhängigen abzuwehren.
Dafür kann die moderne Psychologie hilfreiche Erklärungen liefern, warum manche Menschen
- machtgierig und herrschsüchtig sind,
- unter Kontrollzwang leiden und deshalb meinen, das Leben der Macht-Abhängigen
möglichst umfassend beobachten und kontrollieren zu müssen,
- bzw. in großer Sorge oder vielleicht sogar in Angst sind, wenn sie den Eindruck haben,
dass ohne ihre Machtausübung die Ordnung, für die sie zuständig sind, im Chaos enden
  oder in eine destruktive Richtung sich entwickeln könnte.

Hinter Machtgier und Kontrollzwang stecken oft unbewusst Minderwertigkeitsgefühle, Angst, Misstrauen und Zwanghaftigkeit. Deren Ursachen und vor allem deren Heilungsmöglichkeiten müssten von der Kirche besser erforscht werden, nicht zuletzt, um der christlichen Heilsbotschaft besser gerecht zu werden.

Wenn „Kranke heilen“ zu den Grundaufgaben des kirchlichen und christlichen Lebens gehören, sollte die Erforschung solche psychischer Belastungen und Deformationen und deren Heilungsmöglichkeiten auch zu den Grundaufgaben christlichen und kirchlichen Lebens gehören.

Beispiele für psychische Ursachen, warum Menschen machtsüchtig sein können:

 

  • Von der Mutter wurde man über den Vater gestellt, der abgewertet wurde: Man fühlt sich über allen anderen stehend und sucht dies im Beruf (Priester?) zu verwirklichen.
  • Als Kind wurde man von den Eltern nicht wahrgenommen (waren zu beschäftigt, sehr viele Geschwister, ein Elternteil abwesend, … ): Nun will man über den anderen stehen, um von vielen wahrgenommen zu werden.
  • Der Elternteil, mit dem man besonders in der Kindheit verbunden war, hatte starke Minderwertigkeitsgefühle: Durch eigene „Großartigkeit“ (= „Hochwürdigkeit“) versucht man diese Minderwertigkeitsgefühle der Mutter bzw. des Vaters zu kompensieren.

Ausführlicher dazu in

„Bin ich denn nichts wert? - Der Weg zu einem gesunden Selbstwertgefühl“ von Manfred Hanglberger >>>

Herrschsucht als Kompensationsform für Minderwertigkeitsgefühle: >>>


Solche und ähnliche psychische Belastungen sind theologisch nicht als Abnormität oder Krankheit zu verstehen, sondern als normale Formen der Unerlöstheit, die keineswegs immer durch Spiritualität und Gebet alleine zu lösen sind, sondern des gemeinsamen Bemühens von Psychologie und Spiritualität bedürfen.

Aber um sie überhaupt wahrzunehmen und ihre negativen Auswirkungen einzuschränken,
ist Gewaltenteilung und vielfältige Kontrolle von Macht auch in der Kirche notwendig!

 

2. Die zweite Frage:
Warum haben die Machtabhängigen wenig oder kein Interesse, ihre bisherige Abhängigkeit, Entmündigung und Unfreiheit abzubauen und zu überwinden.

Es gibt Menschen, die haben Angst vor dem Erwachsenwerden, vor der Verantwortung und vor der Freiheit – und damit vor einer mündigen und eigenverantwortlichen Lebensgestaltung. Auch solche Ängste gehören – theologisch gesprochen – zu den Grundmustern der „Unerlöstheit“ eines Menschen. Vor allem auch deshalb wäre es Aufgabe der Kirche, diese Ängste und seelischen Blockaden gründlich zu erforschen. Da diese Ängste oft sowohl eine psychologische als auch eine spirituelle Dimension haben, bräuchte es für deren Lösung den Dialog zwischen Glaube und Psychologie - und als Ergebnis daraus sowohl therapeutische wie rituelle Heilungsangebote.

 

Auch hier gilt: Je grundlegender Probleme in der Kirche verstanden und entsprechende Lösungswege erkannt und beschritten werden, desto eher lassen sich die Gegensätze zwischen Progressiven und Konservativen überwinden. Denn die Wege der Kirche dürfen in der Nachfolge Jesu weder einem reinen Gesetzesdenken und einer Traditionsverhaftung noch einem liberalistischen Modernismus verfallen. Das enge Tor und der schmale Weg, die Jesus zu beschreiten fordert, haben immer mit einem tieferen Verstehen und mit einer grundlegenderen Heilung des Menschen und der Gesellschaft zu tun.

 

Machtmissbrauch wird nicht nur dadurch verhindert, indem man die Machtausübung der Mächtigen beschränkt und kontrolliert, sondern auch dadurch, dass man die Machtabhängigen „ermächtigt“, indem man ihre inneren Blockaden auf dem Weg zu umfassender Mündigkeit, Freiheit und Verantwortung bewusst macht und hilft, sie abzubauen.


Dazu meine Überlegungen für eine christliche Gewissensbildung: >>>

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

 

Link zum Teilen: https://hanglberger-manfred.de/synode-macht.htm

 

 

Machtmissbrauch in der Kirche und Autorität bei Jesus >>>

Negative Autoritätserfahrung und Glaubensschwund (Beispiel: Ehemalige DDR) >>>

 

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