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steht Gott zur Schuld des Menschen? (M.Hanglberger)
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Teilen: https://hanglberger-manfred.de/erloes-schuld.htm Das
christliche Erlösungsverständnis: (Überlegungen von Manfred Hanglberger in seinem Buch: „Ich
bin schuld! – Der sinnvolle Umgang mit Schuldgefühlen“,
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Im Altes Testament: Alles Leid sei Strafe für die Sünden der Menschen
Schon
die mythologischen Erzählungen der Bibel über die Schöpfung und über den
Anfang der Menschheitsgeschichte erklären alles Belastende, alles Unangenehme
und alles Leidvolle im Leben als Strafe Gottes für den Ungehorsam der
Menschen. Strafen Gottes für die Sünden der Menschen seien (nach Gen 3): In
den biblischen Erzählungen über die Geschichte des Volkes Israel wird dieses
Denken intensiv ausgebaut: -
Später auf dem Weg der Israeliten durch die Wüste werden auch zu geringes Gottvertrauen und Unzufriedenheit von Gott mit
Krankheit, mit Giftschlangen oder mit Tod bestraft. Auch wenn die Hiob-Geschichte in der Bibel einen genialen und heftigen Protest gegen dieses Schuld- und Bestrafungsdenken darstellt, hat sich diese Alternative religiösen Denkens in der Volksfrömmigkeit nicht durchsetzen können. Denn für die drängenden Fragen nach der Ursache leidvoller, ja schrecklicher Ereignisse war es für viele gläubige Menschen angesichts der Vorstellung eines allmächtigen Herrscher-Gottes, der die Welt und alle Ereignisse in ihr lenkt, nur verständlich, geschichtliche schmerzvolle Erfahrungen wie Naturkatastrophen und ein leidvolles persönliches Schicksal als Strafe Gottes zu deuten. Entsprechend heißt es in einem dafür typischen Text im Alten Testament (aus Lev 26,14 ff ): “Wenn
ihr mir aber nicht gehorcht und meine Weisungen nicht befolgt, wenn ihr meine
Gebote missachtet und euch um meine Rechtsordnungen nicht kümmert und damit
den Bund, den ich mit euch geschlossen habe, brecht, dann werde ich lauter
Unglück über euch hereinbrechen lassen.
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Der Neubeginn Jesu und die Rückkehr der Kirche zur Konzentration auf das Schuldthema
Wenn wir im Neuen Testament die Evangelien lesen und bedenken, wie Jesus mit so genannten „Sündern“ und „Sünderinnen“ umging und dass er das Problem von Schuld und Sünde zwar sehr ernst nahm, aber nicht in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellte, um Menschen in ihren Ängsten, Nöten und Leiden zu helfen, dann ist es zuerst einmal nicht mitvollziehbar, dass die Kirche fast zweitausend Jahre lang die Schuldproblematik absolut in den Mittelpunkt ihres Wirkens, ihrer sakramentalen Feiern und ihrer Verkündigung stellte. Dies hat nun freilich sehr konkrete Gründe in der frühesten Phase der Entstehung der Kirche. Denn im Zusammenhang mit dem Tod Jesu fühlten sich seine besten Freunde, die Apostel, im Nachhinein feige, ängstlich und vor allem schuldig. Besonders das schuldhafte Verhalten des Petrus, des Führers der frühen Kirche, wird ausführlich in den Texten der Bibel behandelt. Er, der zuvor vor den Augen aller Apostel versprochen hatte, mit Jesus zu gehen und wenn es bis in den Tod hinein gefordert wäre, hatte später abgeleugnet, Jesus zu kennen, als er nach der Verhaftung Jesu von einer Magd beim Gerichtsgebäude darauf angesprochen wird. Natürlich könnte man im Rückblick die Überlegung anstellen, dass die Freunde vermutlich schon sehr bald dasselbe Schicksal wie Jesus erlitten hätten, wenn sie wesentlich mutiger gewesen wären; aber damit wäre die Chance, dass die „Sache Jesu“ weitergeht, wesentlich kleiner geworden. Solche nachträglichen Überlegungen waren aber sicher nicht wesentlich für die Bedeutung der Schuldgefühle des Petrus und der anderen Apostel. Sondern entscheidend für sie war wohl die Erfahrung der radikalen Wandlung ihrer inneren Befindlichkeit aus Ängstlichkeit und Schuldgefühlen in ein mutiges, überzeugtes und herausforderndes Auftreten in der Öffentlichkeit mit der Botschaft, dass in Jesus ein barmherziger und verzeihender Gott sich den Menschen zugewandt habe und Gläubige und Ungläubige, Sünder und Fromme zu einer Gemeinschaft völlig neuer Qualität von Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Liebe und Achtung miteinander verbinde. Die tiefe Erfahrung von Schuld einerseits und von göttlicher Barmherzigkeit andererseits, die sie in ihrer Beziehung zu Jesus, den sie als weiterhin Wirkenden und Lebendigen erfahren haben, rückte die Problematik von Schuld und Vergebung in den Mittelpunkt ihres Glaubens. Noch dramatischer war dieselbe Erfahrung von Schuld einerseits und die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit andererseits bei der anderen großen Führergestalt in der frühen Kirche, nämlich bei Paulus. Er hatte in seiner radikalen jüdischen Frömmigkeit die Christen verfolgt und wollte sie über Israel hinaus vernichten und damit den jüdischen Glauben vor der neuen Lehre der Christen schützen. Die totale Änderung seiner Glaubenshaltung von einem Christenverfolger zu einem unermüdlichen Missionar der christlichen Botschaft, die er selbst auf eine visionäre Begegnung mit dem auferstandenen Christus zurückführte (Apg 9), war auch bei ihm verbunden mit der Wahrnehmung eigener Schuld und mit der Erfahrung, von Gott zutiefst geliebt zu sein. Dies führte dazu, dass auch er das Thema „Schuld“ und „Erlösung von Schuld“ in den Mittelpunkt seiner christlichen Verkündigung stellte. Ein schreckliches geschichtliches Ereignis in Israel dürfte diese Konzentration des Christentums auf die Schuldproblematik noch verschärft haben: Die nationale, gesellschaftspolitische und religiöse Katastrophe des jüdischen Volkes, die Zerstörung Jerusalems und insbesondere des jüdischen Heiligtums, des Tempels, im Jahre 70 n.Chr. durch die Römer. Ähnlich wie die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahre 587 v.Chr. und die anschließende Verschleppung des Volkes ins Exil ins ferne babylonische Reich als Strafe Gottes verstanden wurde, wurde auch diese neue Katastrophe als Strafe Gottes interpretiert. Und die Christen, die ja am Anfang der Kirche zum großen Teil aus dem Judentum stammten, waren ebenfalls überzeugt, dass hier Gott mittels der römischen Soldaten eingegriffen habe, um Rache zu nehmen für den Tod Jesu, den sie als Sohn Gottes verkündeten. Gott habe also am jüdischen Volk grausame Vergeltung geübt für die Kreuzigung seines Sohnes. Der jüdisch-christliche Verfasser des Matthäus-Evangeliums bringt diese Vorstellung in seinen Zusätzen zu den Gleichnis-Erzählungen, die er Jesus in den Mund legt, deutlich zum Ausdruck: Mt 22, 2-7: Im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl: (Die zur Hochzeit Geladenen) kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, wieder andere fielen über (die Diener des Königs) her, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. Ähnlich in Mt 21, 41-45: Im Gleichnis von den bösen Winzern: Sie (die jüdischen Schriftgelehrten) sagten zu ihm (Jesus): Er (Gott) wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist. Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, / er ist zum Eckstein geworden; / das hat der Herr vollbracht, / vor unseren Augen geschah dieses Wunder? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.
Dieselbe Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems und die Interpretation als Strafgericht Gottes klingt im Brief an die Hebräer an: Hebr 10,28-31: Wer das Gesetz des Mose verwirft, muss ohne Erbarmen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben. Meint ihr nicht, dass eine noch viel härtere Strafe der verdient, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? Wir kennen doch den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, und ferner: Der Herr wird sein Volk richten. Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.
Diese Interpretation der Zerstörung Jerusalems verwandelt den barmherzigen Vater-Gott, den Jesus verkündet hatte, wieder in einen rächenden, strafenden und unerbittlich zürnenden Herrscher-Gott. In dieser Zeit ließen sich wohl viele Juden und auch jüdische Priester gerade von dieser Verkündigung der Christen überzeugen und suchten Vergebung von ihrer „Schuld“ in der Bekehrung zum Christentum. (Vgl. Apg 6,7b: … auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an.)
Aber diese Priester brachten ihr jüdisches Verständnis von Schuld und Schuldvergebung mit in das Christentum hinein. Und es schien ja auch wieder so notwendig und passend zu sein aufgrund der Ereignisse, die inzwischen in Jerusalem geschehen waren: der zürnende Gott muss versöhnt werden. Ähnlich formuliert es ca. 1900 Jahre später der 1942 zum Erzbischof von Köln geweihte und 1946 zum Kardinal ernannte Josef Frings im Hirtenbrief, den er anlässlich seiner Weihe veröffentlichte. Da damals gerade der 2. Weltkrieg tobte, interpretierte er die Schrecken dieser Zeit in folgender Weise: "Gottes Hand liegt schwer auf uns: er reißt das Erdreich unseres Volkes, unserer Seelen auf mit einer furchtbar schneidenden Pflugschar. Es muss wohl schon so sein, dass die Völker den allheiligen Gott schwer erzürnt haben. Da ist wahrhaft notwendig, dass Priester und Bischöfe reine Hände erheben zum Himmel, um Gottes Zorn zu versöhnen und Abkürzung der Leidenszeit zu erflehen, dass sie das Opfer des Bundes immerfort darbringen, um Gottes Majestät zu versöhnen." Man muss zur Ehrenrettung von Kardinal Frings dazu sagen, dass er 20 Jahre später zu einem der großen Reformer im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde. Solche
Glaubensvorstellungen, die in jeder dunklen Epoche in der Geschichte der
Völker und in jeder Naturkatastrophe eine Strafe Gottes für menschliche
Schuld sehen, gibt es auch noch im aktuell (2006) verwendeten Messbuch der
Katholischen Kirche: .“ |
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