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Die zeitliche Aufspaltung von Projektionen in einer Partnerschaft

 

In einer Ehe oder in einer ähnlichen Paarbeziehung wird die anfängliche Verliebtheit durch eine unbewusste Sehnsuchtsprojektion verstärkt. In der Phase der Verliebtheit und meist auch noch einige Zeit danach führt diese unbewusste Sehnsuchtsprojektion dazu, dass man glaubt, dass die unerfüllte Sehnsucht aus der Kindheit durch den Partner bzw. die Partnerin endlich Erfüllung findet.
D.h. die positiven Sehnsuchtsgefühle werden in der zeitlich ersten Phase der Beziehung auf den Partner bzw. die Partnerin projiziert.
Später können die unangenehmen Gefühle, die Abwertung, Wut und Entrüstung verursachen, und z.B. das Gefühl, ungerecht behandelt und verletzt worden zu sein, auf den Partner bzw. die Partnerin projiziert werden.

 

Für solche Verletzungen, die zuerst Sehnsucht und später Konflikte verursachen, kann es viele Ursachen geben: Beispiele (Kein Anspruch auf Vollständigkeit!):

 

1.   Die Frau konnte als Mädchen ihren Vater nicht erreichen, da dieser beruflich Karriere machen wollte und keine Zeit für seine Kinder hatte. Ihre Vatersehnsucht projizierte sie später auf den Partner.

2.   Eine Frau wurde in der Kindheit von ihrem Vater ständig nach ihren Schulnoten bewertet. Sie erlebte sich nicht grundsätzlich geliebt, sondern sollte die Leistungskomplexe ihres Vaters kompensieren. Ihre Sehnsucht nach bedingungslosem Geliebtsein projizierte sie später auf den Partner.

3.   Eine andere Frau wurde vom Vater immer mit der Schwester verglichen, die Papas Lieblingskind und angeblich intelligenter, kreativer und liebenswürdiger war. Ihre Sehnsucht nach Anerkennung und Wertschätzung projizierte sie später auf den Partner.

4.   Eine andere Frau erlebt sich zuerst sehr geliebt von den Eltern; aber als der Bruder geboren wurde, war er der Prinz in der Familie und die Tochter war unwichtig und wurde kaum mehr wahrgenommen. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Wahrgenommen-werden projizierte sie später auf den Partner.

5.   Eine Frau übernahm die mitfühlende Liebe ihrer Mutter für deren Vater, der in der Kindheit seine Mutter verloren hatte, und heiratete einen Mann, dem auch die Mutter fehlte. Sie projizierte die von der Mutter übernommene Liebe auf ihren Mann.

6.   Eine Frau hatte in ihrer Kindheit sexuellen Missbrauch erlebt. Später projizierte sie ihre Sehnsucht nach einer Liebe, die mit Achtung und Wertschätzung verbunden ist, auf ihren Ehemann. Auch wenn die Mutter oder die Großmutter einen sexuellen Übergriff in der Kindheit erlebt hat, kann eine Tochter bzw. eine Enkelin die damit verbundenen Gefühle übernehmen und die entsprechenden Projektionen in ihre Partnerschaft hineintragen.

7.   Die Mutter eines Mannes hatte als junge Frau ihren Verlobten durch einen Unfall verloren. Der Mann übernahm die Sehnsuchtsliebe seiner Mutter und projizierte sie auf seine Frau.

8.   Ein anderer Mann war der Lieblingssohn seiner Mutter, die von ihrem Vater ausgenutzt und abgewertet worden war. Als Lieblingskind verzichtete er Trotzphasen, um der Mutter keine Verunsicherung und Schmerzen zu bereiten. Später projizierte er seine Sehnsucht nach einer „Mutter“, die er nicht stützen muss, auf seine Partnerin.

9.   Ein Mann erlebte in der Jugendzeit den Vorwurf seiner Mutter, dass er wie der Vater werde, der Alkoholiker war und die Mutter schlug und betrog. Die Sehnsucht nach einer Mutter, die ihn bedingungslos liebt, projizierte er später auf seine Frau.

10.         Ein Mann verlor seine Mutter, als er noch ein Kind war, durch eine tödliche Krankheit. Sein Sohn übernahm den Sehnsuchtsschmerz seines Vaters nach seiner Mutter und projizierte diesen auf seine Partnerin.

11.         Die hier genannten Verletzungen, Defiziterfahrungen und Überforderungen in der Kindheit können als eigene Erfahrungen zu Verdrängungen und späteren Projektionen führen. Es ist aber auch möglich, dass ein Eltern- oder Großelternteil solche belasteten Erfahrungen gemacht und verdrängt hat. Dies kann dann dazu führen, dass ein Kind oder Enkelkind die entsprechenden Gefühle übernimmt und diese dann als Projektion in die eigene Paarbeziehung hineinträgt.

 

Wenn solche Sehnsuchtsgefühle aus der Kindheit auf den Partner bzw. die Partnerin projiziert werden, werden die seelischen Schmerzen in diesen Sehnsuchtsgefühlen gestillt und der Partner/die Partnerin erscheint sehr liebenswert. Dadurch ist die erste Zeit in dieser Paarbeziehung von großer Verbundenheit und von starken Liebesgefühlen geprägt.

Aber durch das Vertrauen und durch die Angstfreiheit, die in einer intensiven Liebesbeziehung lebendig werden, lösen sich die Verdrängungsmechanismen auf, durch die man Wut, Entrüstung und Verletzungen aller Art verdrängt hat. Wenn nun diese Gefühle aufsteigen, werden sie nach einiger Zeit auf den Partner bzw. die Partnerin projiziert. Dieser bzw. diese erscheint dann immer ähnlicher dem Elternteil, durch den man in der Kindheit verletzt, im Stich gelassen oder überfordert worden ist. Diese Projektion der unangenehmen Gefühle in der Paarbeziehung auf den anderen belastet und vergiftet die Beziehung und ist nicht selten der Grund für eine Trennung, wenn diese Projektionsprobleme nicht bearbeitet werden. Oft durchschauen die Partner diese Projektionen nicht, sondern agieren sie durch Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Beleidigungen und Verletzungen aller Art aus. Die Unzufriedenheit, die dadurch in der Paarbeziehung entsteht, führt manchmal dazu, dass ein Partner sich „Trost“ in einer neuen Beziehung sucht. Doch oft beginnt dann die Abfolge von Sehnsuchtsprojektion und verletzender Projektion von neuem.

Da Projektionen meist unbewusst ablaufen, dauert es oft lange, bis man sie erkennt. Dazu sind ehrliche und selbstkritische Auseinandersetzung, eine konstruktive Kritik- und Streitkultur und ein aufmerksames Hinschauen auf die eigene Kindheit und auf die Kindheit der Eltern notwendig. Oft ist es ohne kompetente Hilfe von außen nicht möglich, belastende Projektionen zu durchschauen und aufzulösen.

 

Auflösung von Projektionen in einer Paarbeziehung:

 

·      Stammbaumarbeit (Die Geburts-, Hochzeits- und Sterbedaten von drei Generationen mit allen Geschwistern und zusätzlich die Daten der Urgroßeltern zusammenstellen) >>>

·      Die eigene Kindheit und Jugendzeit und die des Partners/ der Partnerin bedenken und auf mögliche Verdrängungen überprüfen.

·      Die Kindheit und die weitere Biografie der jeweiligen Eltern bedenken und auf besondere Belastungen und auf mögliche Verdrängungen hin überprüfen.

·      Bei Sandwichkindern und Opa- und Omakindern ist es oft notwendig, auch die Biografie der jeweiligen Großeltern zu bedenken.

·      Bei Belastungen in der eigenen Kindheit: Je nach Art der Belastung:
- Selbstschutz aufbauen und das Leben von den Eltern annehmen: >>>
- Existenzmeditation >>>
- Dialog mit dem „inneren Kind“: >>>

·      Bei übernommenen Belastungen: >>>

 

Ansonsten sind für das Konfliktverhalten die Regeln für konstruktive Kritik und konstruktiven Streit zu beachten:

·      Konstruktive Kritikregeln: >>>

·      Konstruktive Streitregeln: >>>

 

Ergänzender Hinweis:

In Paarbeziehungen kommt die zeitliche Aufspaltung von Projektionen am weitaus häufigsten vor. Doch auch am Arbeitsplatz, in der Klienten-Therapeuten-Beziehung und in anderen Lebensbereichen, in denen Beziehungen über einen längeren Zeitraum existieren, kann es eine vergleichbare zeitliche Aufspaltung von gegensätzlichen Projektionen geben.

 

Manfred Hanglberger (www.hanglberger-manfred.de)

 

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